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China und der Terror – Reaktionen auf den Anschlag am Bahnhof Kunming

Blick auf den Bahnhof von Kunming, der Schauplatz eines Blutbades wurde © Jialang Gao, via Wikimedia Commons

Blick auf den Bahnhof von Kunming, der Schauplatz eines Blutbades wurde © Jialang Gao, via Wikimedia Commons

Am Abend des 1. März 2014 stachen mit Messern bewaffnete Angreifer am Bahnhof der Stadt Kunming in Südwestchina auf Reisende ein. Mindestens 29 Menschen kamen ums Leben, über 130 wurden zum Teil schwer verletzt. Peking macht uigurische Separatisten verantwortlich. Chinas Netizens diskutieren über geeignete Maßnahmen gegen den Terrorismus und den richtigen Umgang mit ethnischen Minderheiten.

 

In der Vergangenheit kam es in China zwar immer wieder zu Anschlägen, diese konzentrierten sich aber auf das westchinesische Autonome Gebiet Xinjiang, das mehrheitlich von Uiguren bewohnt wird. Sollten uigurische Terroristen auch hinter dem Angriff auf den Bahnhof von Kunming, Hauptstadt der tausende Kilometer entfernten Provinz Yunnan, stecken, würde dies eine beispiellose Ausweitung des Konflikts bedeuten. In vielen Internetkommentaren zeigen sich Fassungslosigkeit und Unverständnis über die Tat. Unter dem Pseudonym „Die neue Legende vom guten Essen“ fordert ein Nutzer die politische Führung auf, eine Reihe drängender Fragen zu beantworten.

 

Wenn die Minderheitenpolitik so gut ist und mit Geld und Gütern hilft, warum wird diese Tat dann nicht belohnt? Warum wurden Scharen unschuldiger Arbeiter getötet anstatt korrupter Beamter und untreuer Funktionäre? Hat es überhaupt Sinn, hart gegen Menschen vorzugehen, die den Tod nicht fürchten? Wehalb rächen sich so viele Leute an der Gesellschaft (…)?3:为什么对少数民族政策那么好,支援钱物,反而好心没好报? 4:为什么杀无辜打工群众,而不杀贪官污吏? 5:对于不怕死的人,严打还有用吗? 6:为什么报复社会的人那么多(...)。

 

Haben die Sicherheitsbehörden versagt?

 

Netizen „Ursprung des Weisen“ kritisiert, der Angriff sei voreilig als Terrorismus eingestuft worden, und fordert eine genauere Untersuchung.

 

(…) Die Behörden sind sehr schnell zum Urteil „Terror“ gelangt. Aber das Volk ist sich da noch nicht so sicher. Ehe überhaupt Ermittlungen in dem Fall durchgeführt wurden, haben sich (die Behörden) schon festgelegt (…).(...)官方迅速做出裁决为“暴力恐怖”则有待国民思考。一是该案还在侦查,就已经有了定性(...)。

 

Der freie Autor und Blogger „Wu Ruoyu“ verlangt von den Sicherheitskräften, sich nicht nur auf das politische Zentrum in Peking zu konzentrieren. Er fordert ein Durchgreifen auch in entlegeneren Gegenden.

 

Der Terroranschlag am Bahnhof hat sicherlich das Vorstellungsvermögen aller Bewohner Kunmings überstiegen, inklusive der Polizeibehörden. Denn die Stadt liegt tausende Kilometer entfernt von Peking, wo der Nationale Volkskongress und die Politische Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkes* tagen. Aber gerade diese Geisteshaltung hat zur mangelnden Sicherheit in der Region geführt. Sie hat den Terroristen eine Gelegenheit verschafft, die sie ausnutzen konnten. Man kann sagen, das war eine blutige Lektion. (…) Auch die Sicherheit in den Provinzen und Städten muss erstgenommen werden. Besonders die ausgedehnten Regionen Westchinas müssen strenger kontrolliert werden. Erst dann ist absolute Sicherheit gewährleistet.昆明火车站的恐爆事件,可以说出乎包括昆明公安机关在内的所有昆明人的意料,因为那里 距两会召开地的北京有几千公里。可是,正是这种心理,造成了这个地区的安保薄弱,给恐爆分子提供了可乘之机。可以说这是一个血的教训。(...) 而且要做好各省市的安保工作,特别是广大的西部地区更要严密防控,才能做到万无一失。

 

Fehler im Umgang mit Minderheiten

 

Ein Internetuser, der sich „Kommentar Yangtao“ nennt, verurteilt den Anschlag, hält aber die Motive der Täter für nachvollziehbar. Er vermutet, dass sie sich für schlechte Behandlung ihrer Volksgruppe durch chinesische Funktionäre rächen wollten.

 

Dass dieser Anschlag passiert ist, deutet nicht nur auf soziale Instabilität hin. Es offenbart auch, dass bei Gestaltung und Umsetzung der Minderheitenpolitik riesige Probleme bestehen. Um es genauer zu sagen: In einer Zeit ungebremster Korruption und Bestechlichkeit sind Terroranschläge, Rache an der Gesellschaft und Hass auf Beamte und Reiche womöglich untrennbar verbunden. (…) Wo ist der Unterschied zwischen ihnen (korrupten Beamten) und den Terroristen von der „Dongtu“**?该事件的发生,不仅仅暗示了社会不稳定也暴露了我国民族政策的制定、执行等等都存在巨大的问题。更加说明,在贪污腐败横行的年代,与恐怖袭击、报复社会、仇官仇富或许有着某种密不可分的关系。(...)他们与恐怖袭击事件的东突分子有何区别?

 

In der Zeitung The Beijing News widerspricht der bekannte Kommentator Tao Duanfang dieser Denkweise. Für ihn gibt es keine Rechtfertigung für Terrorakte.

 

Egal in welchem Land, in welcher Gesellschaft und in welcher Zeit: Gewalttaten, die sich gegen Unschuldige und normale Bürger richten, sind schlicht und einfach Terroranschläge und Gewaltverbrechen. Sie sind durch keinen noch so hochtrabenden Grund und keinen Vorwand zu entschuldigen.不论在任何国家,任何社会,任何时代,针对无辜者,以平民为攻击目标的暴力袭击行为,就是不折不扣的恐怖袭击,暴力犯罪,是任何冠冕堂皇的理由、借口都无法为之辩解的。

 

Es bleibt abzuwarten, wie Peking langfristig auf den Anschlag reagieren und welche Folgen dies für Chinas Minderheiten haben wird.

 

 

 

___

 

* Der Anschlag ereignete sich nur wenige Tage vor dem Beginn der Sitzung dieser wichtigsten politischen Gremien Chinas am 3. März 2014.

 

** „Dongtu“ (Ostturkestan) ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für Gruppierungen, die für die Unabhängigkeit Xinjiangs von der Volksrepublik China kämpfen.

 

 

Zum Weiterlesen

 

Markus Ackeret: „Nach Blutbad in China – Mehr Härte im Anti-Terror-Kampf“, NZZ, 03.03.2014.

 

Daniel Gerichhausen: „Nach den Amokläufen an Grundschulen – Lehren aus Newtown und Chenpeng“, Stimmen aus China, 23.01.2013.

 

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