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„Green Economy“ – Die nächste Krux für Chinas Entwicklung

„Wind und Sonne als Teile eines neuen Energiekonzeptes“, Foto: Reinhard Sendbote.

„Wind und Sonne als Teile eines neuen Energiekonzeptes“, Foto: Reinhard Sandbothe

„Green Economy“, „Green Growth“ und „Low Carbon Economy“ sind Schlagworte einer neuen Symbiose aus Umweltschutz, Politik und Ökonomie, die es sich zum Ziel gesetzt hat, dem Klimawandel mit aktiven Maßnahmen und einer Reform der Wirtschaft entgegenzutreten. Auch in China zeigt man sich interessiert. Ein Beitrag von Marie-Luise Abshagen.

Das Thema „Green Economy“ hat es geschafft, wie kaum ein anderes Thema in nur kurzer Zeit die internationale Klimaschutz-Diskussion zu beherrschen und gilt durch die erfolgreiche Verbindung von öffentlicher Politik und dem Einfluss des Privatsektors als eines der zukunftsträchtigsten Themen für den Klimaschutz. Für einflussreiche Ökonomen wie Jeffrey Rifkin beispielsweise bildet eine „Green Economy“ gar eine „dritte industrielle Revolution“.

 

Während in Europa sowohl die EU mit ihrer 2020-Strategie sowie einzelne Staaten wie Deutschland oder Dänemark durch erfolgreiche Steuerpolitik und gezielte Subventionen die Idee einer „Green Economy“ schon seit einigen Jahren vorantreiben, zeigen sich mittlerweile auch in anderen Teilen der Welt Initiativen, eine grüne Wirtschaft voranzubringen.

 

Hierbei spielt nicht länger nur die Ideologie um eine bessere Welt eine Rolle, sondern Politik und Industrie haben gleichermaßen erkannt, dass sich hiermit ein neues und vor allem profitables Investitionsfeld aufmacht. Für viele arabische Länder ist beispielsweise der Bau von Solaranlagen eine wichtige Kapitalquelle für die Zeit nach dem Ende ihres Ressourcenreichtums. Für Staaten wie Südkorea bildet es die Möglichkeit, ihre stagnierende Wirtschaft neu zu beflügeln und sich einen Technologievorsprung zu sichern.

 

Dilemma um die Vereinbarung von Entwicklung und Klimaschutz

 

Auch die chinesische Regierung hat die Vorteile einer „Green Economy“ für sich erkannt. Zahlreiche Projekte, insbesondere im Bereich von „Low Carbon Cities“ und grünen Industrieparks wie in Tianjin, Dalian oder Baoding, zeigen das große Potential, welches in diesem Wirtschaftszweig steckt. Der politische Wille ist somit auch in China vorhanden, vom Kapital ganz zu schweigen, und das wirtschaftliche Knowhow erarbeitet sich China in gewohnt rasanter Weise, wie der Fortschritt im Bereich von Solar- und Windanlagen veranschaulicht. Nichtsdestotrotz zeigt sich auch hier wieder einmal das Dilemma, in dem sich China befindet: Wie kann bei aller Innovation das wirtschaftliche Wachstum erhalten werden?

 

China ist wie kein anderes Land der Welt abhängig von einem konstanten Energiezufluss, der sich zu einem großen Teil aus Kohle zusammensetzt. Eine „Green Economy“ müsste aber mit dem „Low Carbon“-Ansatz (einer Industrie basierend auf einem geringen CO2-Ausstoß) gerade diese Energiestruktur überwinden. China muss sich also bewusst machen, inwiefern sich eine Umstrukturierung der Wirtschaft und ein stärkeres Bekenntnis zum Klimaschutz mit den eigenen Entwicklungszielen verbinden lässt. Schon heute findet die Diskussion über einen solchen Weg unter der Bevölkerung statt, ein Blick in die chinesischen Blogs gibt diesen Überlegungen eine Stimme.

 

Green Economy für ein umweltfreundliches chinesisches Wachstum

 

Umweltschutz als Notwendigkeit – diese Erkenntnis hat sich bei vielen Chinesen durchgesetzt. Denn die Verschmutzung von Luft, Wasser und Land wird längst schon nicht mehr nur von Gutmenschen oder Aktivisten beklagt oder ist lediglich ein gesellschaftliches Problem, sondern hat sich mittlerweile zu einem Hindernis für wirtschaftliches Wachstum entwickelt.

 

Schmutziges Wasser, Müll aber auch Klimawandel führen im ganzen Land immer wieder zu Einschnitten in der Landwirtschaft und wirken sich auf die Gesundheit der Menschen aus, dem wichtigsten Element einer erfolgreichen Wirtschaft. Das Konzept der „Green Economy“ könnte nun eine grüne Alternative zum gängigen Wirtschaftsmodell darstellen, ohne das Wachstum zu begrenzen. Blogger „saithank1” zeigt sich begeistert:

 

经济高速发展,环境大面积污染,经济与环境之间的矛盾更加突出,使经济发展必须为环境灾害买单,经济发展势必大大缩水,环境污染成为制约经济发展的瓶颈,成为世界各国经济发展亟待解决的难题。[…] 人们正在探索更为先进、环保、新的经济发展模式—绿色经济。绿色经济如同茫茫沙漠中的一片绿洲、一眼清泉,吸引着全世界的目光,使人为之振奋。

Aufgrund der rasanten Entwicklung der Wirtschaft, der großflächigen Verschmutzung unserer Umwelt und der immer größer werdenen Unvereinbarkeit der beiden, muss die wirtschaftliche Entwicklung irgendwann die Rechnung für die Umweltschäden tragen, was zweifelsohne zum Schrumpfen der Wirtschaft führen wird. Die Umweltverschmutzung wird somit das Holzbein der wirtschaftlichen Entwicklung und ein Problem, das jedes Land für seine wirtschaftliche Entwicklung lösen muss. […] Die Menschen erforschen deswegen jetzt eine fortschrittliche, umweltfreundliche und neue Methode des wirtschaftlichen Wachstum – die „Green Economy“. Eine grüne Wirtschaft ist wie eine Oase, wie eine frische Quelle in einer endlosen Wüste und zieht deswegen weltweit Aufmerksamkeit auf sich und inspiriert Menschen.

 

Sogar die Kohleindustrie kann grün werden

 

Ein konkretes Beispiel für die Umsetzung einer „Green Economy“ sieht Blogger „Hell leuchtende Maschine“ in der Kohleindustrie. Seiner Meinung nach wird diese zu Unrecht als größter Umweltverschmutzer kritisiert, sondern hat im Gegensatz ein großes Potential zu einem „Low Carbon“-Industriezweig zu werden.

 

不少人觉得,煤炭企业就是产“碳”的企业,总是与污染连在一起。其实不然。煤炭污染和碳排放是在社会使用煤炭制造热能的过程中造成的,煤炭企业本身消耗不了多少煤,只是无奈地背黑锅。尽管如此,煤炭企业也要发展绿色低碳经济,从源头上开始节能减排。煤炭企业发展绿色低碳经济,既可减少治污成本,又可成为新的经济增长点,获得的是双倍财富。具体讲,就是开发资源而不破坏资源,[…] 依托资源而不依赖资源,通过结构调整、产业链接,让经济发展更健康;利用资源而不浪费资源,善于放大资源价值.

Viele Leute glauben, dass die Kohleindustrie „Kohlenstoff“ produziert, weswegen sie immer mit Verschmutzung in Verbindung gebracht wird. Eigentlich stimmt das aber so nicht. Verschmutzung durch Kohle und Kohlenstoff-Emissionen entsteht, wenn eine Gesellschaft Kohle nutzt, um Wärme zu erzeugen. Die Kohleindustrie selbst nutzt überhaupt nicht so viel Kohle und wird deswegen zu Unrecht zum Sündenbock. Trotzdem will sich auch die Kohlenindustrie in einen grünen „Low Carbon“-Industriezweig wandeln, von Grund an Energie sparen und CO2-Emissionen verringern. Mit der Entwicklung der grünen Kohleindustrie kann man gleich doppelt gewinnen, indem einerseits Kosten für die Mitigation von Verschmutzung verringert werden und gleichzeitig ein neuer wirtschaftlicher Wachstumsschwerpunkt geschaffen wird. Konkret bedeutet das, dass Ressourcen erschlossen und nicht zerstört werden, […] dass man sich auf Ressourcen verlässt, aber nicht von ihnen abhängig ist, dass man durch strukturelle Anpassung und eine Verbindung von Industrien ein gesünderes Wirtschaftswachstum hervorbringt, dass man Ressourcen nutzt und nicht verschwendet und dass man den Wert von Ressourcen erhöht.

 

„Die meisten Menschen beschäftigen sich kaum mit dem Klimawandel “

 

Wie bei allen Diskussionen in Chinas Internet stellt sich auch beim Thema Umwelt- oder Klimaschutz immer die Frage, inwiefern diese tatsächlich von einer breiten Öffentlichkeit getragen werden oder lediglich Einzelmeinungen darstellen. Blogger „Plateau der Pflaumen“ sieht beispielsweise kein massenübergreifendes Interesse am Klimaschutz. Seiner Meinung nach gibt es kaum ein Bewusstsein für den Einfluss des Klimawandels, sogar wenn die Menschen selber darunter leiden.

 

在我国,有一定文化的人通常还是对以全球气候变暖为首的气候变化怀有一些担心,知道这样下去可能会造成严重的后果。但对全球气候变化这样的大事件,个人之力实在微薄,加上气候变化对绝大多数人的生活也不会造成明显的影响,所以普通民众大多不太关注这个问题,付出的行动更是寥寥。何况我国还有很多完全不了解气候问题,而自身也在为生活而挣扎的人,对他们而言,全球变暖更是一点也不重要,即使他们生活的地区正在受到气候变化的影响。对于低碳城市一说,各地的市民通常并不了解,其中一部分人甚至担心打造低碳城市的过程本身是极端高碳的。

In China gibt es einige kultivierte Menschen, die sich des Öfteren besorgt über den im Zusammenhang mit der globalen Erwärmung auftretenden Klimawandel äußern, da sie wissen, dass das Fortschreiten auf unserem jetzigen Weg zu gravierenden Problemen führen kann. Gegen diese riesigen Probleme, die der Klimawandel weltweit verursacht, kann ein Einzelner nur wenig ausrichten. Auch wird der Klimawandel keinen eindeutigen Einfluss auf das Leben einer Mehrzahl der Bevölkerung haben, weshalb die meisten normalen Menschen sich kaum mit dem Klimawandel beschäftigen und noch weniger tatsächlich etwas dagegen unternehmen. Hinzu kommt, dass in China viele das Konzept vom Klima noch überhaupt nicht verstanden haben. Und für jene, die sich jeden Tag um ihren Lebensunterhalt abmühen müssen, ist die globale Erwärmung noch unwichtiger, selbst wenn das Gebiet, in dem sie leben, schon vom Klimawandel beeinflusst wird. Was die sogenannten „Low Carbon Cities“ betriff, verstehen die meisten Einwohner dieser Städte das Konzept auch nicht. Bei einigen hat sich im Gegenteil sogar die Sorge verbreitet, dass die Konstruktion der „Low Carbon Cities“ besonders viel CO2-Emissionen verbraucht.

 

„Wir Chinesen haben nicht begriffen, dass ‘Low Carbon’ nicht nur ein Schlagwort sein darf“

 

Besonders kritisch befasst sich Blogger „tanist“ mit dem Konzept von „Low Carbon“. Für ihn ist das plötzliche Interesse an einer Wirtschaft mit geringen CO2-Emissionen nichts weiter als eine Propaganda-Aktion, die weiteres Wachstum anspornen soll, mit der Umwelt oder dem Wohl der Menschen aber wenig zu tun hat. Dabei mahnt er an, dass hinter dem Schlagwort durchaus eine wichtige Botschaft steckt, die nicht nur instrumentalisiert sondern verinnerlicht werden muss.

 

低碳,不是为了一个城市的自然环境良好而出现的一个词,[…]它只是一种工具,一种引导全民意识的概念。低碳的基础是社会生活素质不变甚至有所提高的情况下,改良当前的生产效率,改良当前的生产不考虑可持续发展的局面而出现的一个词。[…]

在中国,特别是当前这种个人利益蒙蔽心智的时代,低碳是一种挑起社会GDP建设的一个概念而已,对社会建设只会造成伤害不会有任何改进。 […] 打着所谓低碳的旗号大花国家钱?而三两年后若果又出现一个新的口号,这些建设还会继续吗?这是建筑能有多长的生命力呢?这些就是低碳?中国人学不来,低碳不是一种口号,它是一种意识,一种对环境对人生的价值观,对发展与社会关系负责的态度!

 

„Low Carbon“, diese Formulierung ist doch nicht im Zusammenhang mit der Verbesserung der Umwelt in Städten aufgekommen, […] sondern sie ist lediglich ein Mittel zum Zweck, eine Idee um das Bewusstsein eines ganzen Volkes zu dirigieren. Die Grundlage des Konzepts von „Low Carbon“ ist die Verbesserung der Produktionseffizienz und die Revision eines Zustands, in dem die Produktion sich nicht um Nachhaltigkeit kümmert, unter der Bedingung, dass sich der Lebensstandard einer Gesellschaft nicht verändert und sogar verbessert. […]

Weil wir uns in China gerade in einer Zeit befinden, in welcher der persönliche Vorteil logisches Denkvermögen verblenden lässt, ist die Idee von „ Low Carbon“ nichts weiter als ein Konzept, das die Entwicklung des BIP einer Gesellschaft anspornen kann. Der Entwicklung einer Gesellschaft kann es aber nur schaden und keine Verbesserung bringen. […]

Vergeudet aber die Idee von „Low Carbon“ nicht das ganze Geld unserer Nation? Und wird diese Konstruktionsart auch dann weitergehen, wenn sich in zwei, drei Jahren ein neuer Slogan durchgesetzt hat? Was ist die Lebensdauer von solchen Gebäuden? Was macht sie zu „Low Carbon“ Gebäuden? Wir Chinesen haben noch nicht begriffen, dass „Low Carbon“ nicht bloß ein Schlagwort sein darf, sondern ein Bewusstsein darstellt, ein Wertesystem in Bezug auf die Umwelt und das Leben, eine Einstellung über Verantwortung in der Beziehung zwischen Entwicklung und Gesellschaft.

 

Das Thema „Green Economy“ wird auch auf dem Rio+20 Gipfel im Juni 2012 in Brasilien eine Rolle spielen. Mit den weltweit höchsten CO2-Emissionen spielt Chinas Position in den Diskussionen der Konferenz für den weltweiten Klimaschutz eine wichtige Rolle. In der Vergangenheit hatte sich China eher verhalten gegenüber Emissions-Reduktion gezeigt und nur langsam Konzepte wie eine Emissionsdeckelung oder Emissionshandel eingeführt, auch weil es die Verantwortung eher in den Industriestaaten sieht, die durch ihre Produktionsstätten in China zu einem großen Teil der Emissionen des Landes beitragen. In Rio wird sich zeigen, welche Priorität die chinesische Führung dem Klimaschutz mittlerweile gibt und ob sie sogar eine führende Rolle spielen will.

 

 

Zum Weiterlesen:

 

Hermwille, Lukas: “The Race to Low Carbon Economies has started”, Germanwatch, 2011 (Englisch)

 

Tao, Ling (Ivy): “Rio+20: China as a Trendsetter?”, Berkeley Energy and Ressources Collaborative, 19.03.2012 (Englisch)

 

Bloggermeinungen zu Chinas Kohleindustrie und zum Umweltschutz:

 

Abshagen, Marie-Luise: „Die schwarze Seite des Aufschwungs: China und seine Kohle“, Stimmen aus China, 08.02.2011

 

Abshagen, Marie-Luise: „Licht aus für die Erde: Über Sinn und Unsinn der Earth Hour in China“, Stimmen aus China, 11.05.2012

 

Bloggermeinungen zu Chinas Position in internationalen Klimaverhandlungen:

 

Jung, Florian: „Chinesische Netizens zur Rede des Delegierten Xie Zhenhua auf der Klimakonferenz in Durban“, Stimmen aus China, 26.01.2012

 

Abshagen, Marie-Luise: „‘Lediglich kein Rückschritt‘: Eine Bewertung der Klimakonferenz in Cancún“, Stimmen aus China, 15.01.2011

 

 

 

Foto: Reinhard Sandbothe

 

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