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Hoffnung durch Bildung – Drei Jahrzehnte spendenfinanzierte Schulen auf dem Land

Sichuan ist nicht die einzige Provinz, in der Investitionen in Grundbildung notwendig bleiben - Daping-Grundschule in Guizhou, (c) Ren Xiao @ Flickr: tinyurl.com/yy49d4mr

Sichuan ist nicht die einzige Provinz, in der Investitionen in Grundbildung notwendig bleiben - Daping-Grundschule in Guizhou, (c) Ren Xiao @ Flickr: tinyurl.com/yy49d4mr

China beabsichtigt, bis Ende 2020 die Armut im Land zu besiegen. Welchen Beitrag haben die „Hoffnungsgrundschulen“ geleistet, deren älteste in diesem Jahr ihren 30. Geburtstag feiert? Das Jubiläum inspiriert Netizens zu einer Diskussion über persönliche Erfahrungen mit dem „Projekt Hoffnung“ und den sich wandelnden Herausforderungen in der ländlichen Grundbildung.

 

Das „Projekt Hoffnung“ ist nach eigener Angabe das größte und bekannteste Wohltätigkeitsprojekt in der Volksrepublik China. Es ruft Bürger und Unternehmen zu Spenden auf, um in ärmlichen Regionen sogenannte „Hoffnungsgrundschulen“ zu bauen und Schülern aus bescheidenen Verhältnissen finanziell unter die Arme zu greifen. So wurden nach Angaben der Stiftung über die Jahre 15 Milliarden Renminbi (nach heutigem Wert ca. 1,9 Milliarden Euro) an Spendengeldern gesammelt, 6 Millionen Schüler unterstützt und über 20.000 Hoffnungsgrundschulen gebaut.

 

Wer profitiert von dem Projekt?

 

Zu den Spendern zählen sowohl Prominente und bekannte Unternehmen als auch normale Bürger. Knapp die Hälfte der durch Spenden Begünstigten kommt aus Familien mit einem jährlichen Einkommen von weniger als 5.000 Yuan (ca. 630 €). Für diese bedeutet die Unterstützung oft einen grundlegenden Wandel des Bildungsalltags und der Bildungschancen. Ein Nutzer ohne Namen erzählt auf der Frage-Antwort-Webseite Zhihu.com, welchen Einfluss die Organisation auf sein Leben hatte:

 

Ich war in einer Hoffnungsgrundschule. Ich erinnere mich noch, dass es in unser altes Schulgebäude reinregnete. Immer wenn Wind aufkam und es regnete, fiel die Schule aus. Später hat der Hongkonger Industrielle Chen Din-hwa* über das Projekt Hoffnung 200.000 RMB (ca. 25.000 €) gespendet, um ein neues Klassenzimmer mit Dach für uns zu bauen. Ich habe mich stets daran erinnert und bin ihm dankbar.我小学就是读的希望小学。记得那时候老校舍是漏雨的。只要刮风下雨我们就放假。后来是香港实业家陈廷骅通过希望工程捐了20万给我们盖了新教室。我会一直记住他,感谢他

 

 

Ein weiterer anonymer Nutzer erinnert sich ebenfalls gerne und mit Dankbarkeit an seine finanzielle Förderung durch dieses und andere Projekte.

 

Das Projekt Hoffnung hat mir Kleidung gespendet und als ich an die Uni kam, hat mich das Lernunterstützungsprojekt der Schnapsmarke Maotai finanziell unterstützt. Obwohl ich es in meiner Kindheit alles andere als leicht hatte, hatte ich so doch immer ein gewisses Gefühl der Geborgenheit.穿过希望工程捐的衣服,以及考上大学后茅台助学工程给的资助,所以虽然以前成长很艰难,但一直觉得在有温暖。

 

Harte Lebensrealität in entlegenen Regionen

 

Warum eine gezielte Förderung der Schüler auf dem Land überhaupt notwendig sein könnte, schildert der ehemalige Freiwilligendiensleistende Wang Zhenpeng in einem ausführlichen und bebilderten Text ebenfalls auf Zhihu. Er beschreibt seine Zeit als freiwilliger Lehrer in einem abgelegenen Bergdorf im Süden der Provinz Sichuan im Jahr 2018. Hierbei war die Schule, an der er arbeitete, keine Hoffnungsgrundschule, sondern eine ausschließlich lokal finanzierte Dorfgrundschule. Seiner Aussage zufolge gab es zu Beginn im Schulgebäude weder fließendes Wasser noch Strom und für die Schüler war eine tägliche Hygiene so überhaupt nicht möglich. Mit einigen „Physikkenntnissen“ löste er beide Probleme durch Improvisation. Was sein bisheriges Weltbild nach eigener Aussage am meisten ins Wanken brachte毁三观 waren aber die obligatorischen Hausbesuche bei den Eltern seiner Schüler. So berichtet er von der Innenausstattung einer Wohnung, die jenseits befestigter Verkehrswege lag:

 

Es gab kein Bett, keine Möbel, der ganze Boden war von Schlamm bedeckt. (…)没有床,没有家具,满地的泥土。(…)

 

Auch der Weg zu den Wohnungen der Schüler hinterließ bei ihm bleibende Erinnerungen:

 

Während der Familienbesuche war ich wahnsinnig erschöpft (…). Einmal bin ich den Schulweg eines Schülers aus meiner Klasse entlanggelaufen, auf diesem muss man über drei Berge! Ich bin insgesamt 8 Stunden gelaufen, allen Proviant habe ich in dieser Zeit verbraucht. Wäre mein Schulweg so gewesen, hätte ich jeden Tag die Schule geschwänzt.一路的家访,真的真的非常累,有一部分是因为环境不适造成的,更多的一路的艰辛。其中我家访我班级的一个孩子上学的路是这样的,要翻越3座山。我整整走了8个小时,随身的干粮都消耗光了,要是我上学的路是这样的,我一定天天翘课。

 

Er berichtet auch von Schülern, die ihre Hausaufgaben auf dem Feld oder in sehr dunklen Wohnungen erledigen mussten. Die Rückständigkeit落后 der Region kommt Wang Zhenpengs Meinung nach nicht nur in der mangelnden Infrastruktur zum Ausdruck, sondern auch in der Rückständigkeit der sonstigen Lebensbedingungen文化的落后:

 

Die meisten Familien hier haben sieben oder acht Kinder. Viele davon gehen bloß bis zur vierten oder fünften Klasse in die Schule. Auch gibt es viele Illegale (nicht offiziell angemeldete Kinder, Anm. d. Übersetzers), diese können nicht zur Schule gehen und sprechen kein Mandarin, man kann sich mit ihnen also nicht einmal unterhalten (…). Sechs Jahre Schulpflicht (so lange dauert in China die Grundschule, Anm. d. Übersetzers) (…) sind hier eher die Ausnahme. Nach dem Chinesischen Neujahr kommt es vor, dass Schüler in der vierten oder fünften Klasse beim Lehrer Unterrichtsbefreiung beantragen, um zu heiraten (in China ist das illegal, Anm. d. Übersetzers) oder um zu Hause mit anzupacken. Dem Lehrer erzählen die Eltern dann, das Kind sei krank. Da scheint es einem, sie lebten noch in den 1970ern.这里大部分家庭有七八个孩子;这里小孩子很多一部分读到四五年级,还有很多小孩是黑户,没办法上学,他们普通话都不会说,根本无法交流(…);六年制义务教育(不要用我们这里的教育制度去质疑)这里能上完小学就不错了;过完年后,有的小学四五年级的孩子可能上着上着跟你请假回家结婚;父母让孩子在家干农活,,跟老师撒谎说孩子生病了等等,仿佛他们还活在70年代。

 

Angesichts dieses Alltags beschreibt er seinen Eindruck von einer durch den Hongkonger Schauspieler und Sänger Louis Koo** gestifteten Hoffnungsgrundschule, deren Besuch von Wang Zhenpengs Freiwilligenorganisation veranstaltet wurde.

 

Wenn man in einer solch ärmlichen Umgebung haust, ist ein großes, fortschrittliches Gebäude ein seltsamer, kaum zu beschreibender (positiver) Schock.  (…)当你在这家徒四壁的环境中,突然长出这么一个高大先进的房子,格格不入的同时那种震撼又是无法用语言来描述的。除了视觉上的冲击,更多的是给孩子和老师带来最为美好的环境。(…)

 

Und er berichtet weiter:

 

Für diese Grundschule, die Louis Koo hier finanziert hat und deren Fotos ich hier während eines Unterrichtsbesuchs gemacht habe, möchte ich meine tief empfundene Dankbarkeit ausdrücken. […] Für die Kinder und die Lehrer hat er eine gute Umgebung geschaffen. Vielleicht gibt es unter den Schülern einige, deren Lebensweg sich durch Herrn Koo grundlegend verändert hat.这里有古天乐先生的援建的希望小学,都是我支教期间去听课拍的,由衷的佩服感谢,真的非常感谢,为孩子,为老师,提供了这么一个良好的环境,也许他们其中就有一些因为古天乐先生改变了他们的命运。

 

Perspektiven für die Zukunft

 

Jenseits der überwiegend positiven Erfahrungsberichte von direkt am Projekt beteiligten Personen interessieren sich einige Netizens im Frage-Antwort-Forum Zhihu.com auch für die Frage, inwieweit das Projekt „in die Jahre gekommen ist“ und ob es dieser Form der Förderung noch bedarf. Für Netzbürger Shenpan Guanghuan ist es wichtig, klarzustellen, dass das Land dem Projekt viel verdankt:

 

Es kann keine Zweifel über die positiven Effekte geben, die das Projekt auf dieses Land gehabt hat. Unzählige Menschen konnten dank des Projekts ein besseres Leben führen, ebenfalls unzählige konnten die Grenzen des Wissensmeeres austesten. Dieses Land lässt dank dieses Projekts mehr Menschen an seine Größe glauben.希望工程对于这个国家的正面的作用是不容置疑的,有无数的人因为因为希望工程改变了自身的命运,有无数人因为希望工程有机会接触到知识海洋得边缘。 这个国家,因为这个工程让更多的人相信它的伟大

 

Auf diese These können sich die Diskutanten einigen. Aber wie sich insbesondere das Projekt der Hoffnungsgrundschulen in der Zukunft entwickeln sollte wird heiß diskutiert. Netizen Cang Dawei gibt zu bedenken, dass Investitionen in Hoffnungsgrundschulen nicht notwendigerweise nachhaltig sind:

 

Die Grundschulen auf der untersten Verwaltungsebene wurden schon zu 60% geschlossen. Die Dorfschulen finden keine Schüler mehr und werden zusammengelegt. Selbst in Beijing betrifft dies 500 Grundschulen. „Hoffnungsgrundschulen“ sind ein Konzept der Vergangenheit, dafür gibt es keinen Bedarf mehr.基层小学已经关闭超过60%了。很多农村学校招不到人,都撤并了,连北京都一度撤并了500所小学。希望小学是个过去词汇了,现在没有必应了。

 

Auch Mitdiskutant piddy-p sieht dieses Problem, weist aber auf Bedarf an anderer Stelle hin.

 

Zunächst sollte man erwähnen, dass nach einer großen Welle der Bautätigkeit an Hoffnungsgrundschulen in den 1990er Jahren die meisten nun verwaist sind. Da weiterhin viele Eltern als Wanderarbeiter aus ihrer Heimat wegziehen, bleiben die Kinder verwaist zurück und ihre Bildungsumstände sind besorgniserregend.  Das scheint mir momentan das größte Problem der Bildung auf dem Land zu sein. (…)首先,你要知道国内在经历过90年代兴建希望小学大潮后,导致国内各个乡镇希望小学多数处于废弃状态 其次,目前多数乡居民外出打工导致多数留守儿童教育状况令人担忧才是目前乡镇教育的根本问题 所以建议您从长计议,如果有资金实力可以咨询国内相关希望工程机构,让他们统一安排您的资金去向

 

Netizen „Das weiß kein Mensch“, der selbst auf dem Land lebt und das Projekt aus eigener Anschauung kennt, beschreibt, dass sich die Organisation der neuen Herausforderungen bereits bewusst sei und resümiert seine Sicht auf die Dinge:

 

Das Projekt Hoffnung widmet sich schon jetzt hauptsächlich der finanziellen Unterstützung armer Schüler.现在,希望办的主要工作就是资助贫困学生了。

 

Seiner Ansicht nach entsprach der ursprüngliche Ansatz der Organisation dem tatsächlichen Bedarf:

 

Die Hoffnungsgrundschulen haben bereits ihre aus der damaligen Lage und den damaligen ökonomischen Verhältnissen erwachsene historische Aufgabe erfüllt. Und was die Frage anbelangt, ob in dem Projekt alles richtig gemacht wurde… Ich denke, man sollte nicht wegen der Korruption die Segel streichen und den Aufbau der Grundinfrastruktur aufgeben. Es ist so, wie ein anderer Kommentator gesagt hat: Hätte es das Projekt Hoffnung nicht gegeben, hätten die Wanderarbeiter heute noch nicht einmal einen Grundschulabschluss.希望小学已经顺利完成了它在特定时代背景和经济条件下的历史使命。 至于这过程里是否有一些负面信息……不能因为贪腐问题就直接把基建的政策给放弃掉吧,毕竟就像问题下其他答主所说,没有希望工程,现在出来打工的人,可能连小学学历都没有。

 

Es bleibt abzuwarten, ob die Regierung ihr ehrgeiziges Ziel, bis Ende des Jahres die Armut in China zu besiegen, erreichen wird und welche Rolle diese und ähnliche Initiativen in der Zukunft noch spielen werden. Für viele Netizens jedenfalls war und ist das „Projekt Hoffnung“ mit seinen Hoffnungsgrundschulen ein wichtiger Bestandteil der Armutsbekämpfung in China.

 

 

*Infos zu Chen Tinghua (Chen Din-Hwa): https://en.wikipedia.org/wiki/Chen_Din_Hwa

** Infos zu Louis Koo: https://en.wikipedia.org/wiki/Louis_Koo

 

 

Zum Weiterlesen:

 

Migration in China: Vom Dorf in die Stadt

 

Onlinespenden in China – Ethische Pflicht versus gesundes Misstrauen

 

 

Reuters, China will in den nächsten sechs Jahren Armut besiegen, 12. Oktober 2015.

 

Xinhua, China Focus: Thirty years on, China’s first Hope Primary School still changing lives, 19.05.2020.

 

 

 

 

 

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1 Antwort zu Hoffnung durch Bildung – Drei Jahrzehnte spendenfinanzierte Schulen auf dem Land

  1. avatar Stephan J. M. scherer sagt:

    Hab kürzlich einen TV-Bericht über gefährliche Schulwege Gesehen. Es ist bewundernswert von den Schülern und beschämend für die Gesellschaft, welche Unzumutbaren Strapazen Schulkinder auf sich nehmen müssen, Um Ihr Recht auf Bildung zu erkämpfen, nicht nur in China.

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