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Die guten Menschen von Sichuan: Alles nur fake?

In der Ubahn von Chengdu. Bild: Dingli35 via Wikipedia (https://en.wikipedia.org/wiki/Line_2,_Chengdu_Metro)

In der Ubahn von Chengdu. Bild: Dingli35 via Wikipedia (https://en.wikipedia.org/wiki/Line_2,_Chengdu_Metro)

Eine Reihe von guten Taten beschäftigt derzeit die chinesische Netzgemeinde. Ausgelöst wurde die Diskussion von einer Reihe Fotos, die besonders vorbildliches Verhalten chinesischer Bürger in der U-Bahn der Provinzhauptstadt Chengdu dokumentieren.

 

Ende Juni 2017 verbreitete sich über das soziale Netzwerk erneut eine dieser Storys, die offenbar zum Nacheifern anregen soll. Sie trug sich wie die Meldungen zuvor auch in der U-Bahn der Hauptstadt der Provinz Sichuan zu. Über den offiziellen Account der Chengduer U-Bahn verbreitet heißt es diesmal:

 

Screenshot von Weibo

Screenshot von Weibo

 

Ein junger Mann, der unablässig mit seinem Handy spielte, griff ganz selbstverständlich nach dem Rollstuhlrad eines mitfahrenden Rollstuhlfahrers, um diesen vor dem Herumschlingern zu bewahren. Mehrere Stationen lang hielt er den Rollstuhl fest. Für Barmherzigkeit braucht man keinen Anlass. Wir danken dir, du wunderbarer Mensch.地铁里这个男生一直在玩游戏。当一位轮椅乘客进来的时候,他很自然地搭了手,拉住晃动的轮 (…)。几个站过去了,一直没放手。(…) 善良不需要更多理由,谢谢你,美丽的人。

 

Nicht einmal 24 Stunden später wurde der Post tausendfach geteilt und kommentiert, zum Beispiel auch von Netzbürger „HuSkysky“. Dieser begrüßt diesen Post und berichtet aus dem eigenen Umfeld:

 

Ein Freund hat mir dieses Bild geschickt: Gestern war in einer Haltestelle der U-Bahnlinie 2 in Chengdu dieses Mütterchen mit schwerem Gepäck auf dem Rücken unterwegs. Der junge Bursche hinter ihr half ihr, indem er den Korb anhob. Die Frau sagte zu ihm, er brauche nicht helfen, da der Korb nicht schwer sei, aber der junge Mann hob den Korb dennoch weiter an. Sowas von toll.朋友发给我的,昨天在成都二号线犀浦地铁站这个老奶奶背了很多东西很重,后面这个小伙子就给老奶奶提着,奶奶让他不用提说不重,可小伙子还是一直提着,很暖

 

Screenshot von Weibo.

Screenshot von Weibo.

 

Aufsehen erregte neben anderen Begebenheiten unter anderem auch ein kleiner Junge, der ebenfalls in der U-Bahn von Chengdu erst einer Frau mit Kind seinen Sitzplatz anbot und dann seiner ermüdeten Mutter den Kopf stützte.

 

Screenshot bei Weibo.

Screenshot bei Weibo.

 

Alles nur Propaganda?

 

Diese Begebenheit wurde durch den Weibo-Account eines staatlichen Nachrichtenorgans verbreitet. Diesmal veröffentlicht als Screenshot einer Smartphone-Textnachricht, die wohl von einem Leser an die Nachrichtenseite gesendet worden sein soll.

 

Dass all diese Beobachtungen innerhalb eines Monats in der U-Bahn von Chengdu gemacht werden, ist ein bisschen viel des Zufalls meinen einige Netizens. Weibo-Nutzer „yicangsu“ zum Beispiel merkt deshalb nicht ohne Ironie an:

 

Im Juni allein ereignete sich so einiges in der U-Bahn von Chengdu: Ein Junge, der die Tasche von seiner Mutter trägt, ein liebender Ehemann, der seiner Frau die Füße wärmt, ein Passant, der Medikamente für eine Schwangere besorgt. Und nun kommt noch der Junge mit dem Handy dazu, der dem Rollstuhlfahrer hilft. Gar nicht schlecht, was da alles so zusammen kommt. Es sieht so aus als, ob diese Kampagne ganz schön erfolgreich ist.这个月见证了成都地铁上的:给妈妈拎包小暖男、给老婆系凉鞋老暖男、给孕妇送药路人暖男。现在来了扶轮胎游戏暖男,集齐了 没毛病 (…) 看来这个推广做得很成功

 

Die Zweifel an der Echtheit sind berechtigt, denn schon zuvor hatte die Regierung mit verschiedenen Aktionen versucht, das öffentliche Betragen der chinesischen Bevölkerung zu „zivilisieren“, wie sie es selbst nennt. Verwendet wird dabei im offiziellen Politjargon der Begriff wenming文明, der sowohl mit Zivilisation, Bildung oder aber Kultur übersetzt werden kann.

 

Im Rahmen der seit den späten 1980er Jahren andauernden Wenming-Kampagne wurden Aktionen zum unter anderem ordentlichen Anstehen an Haltestellen ins Leben gerufen, um dem Drängeln an Bus- und Bahnhaltestellen Herr zu werden.

 

Meist jedoch ohne großen Erfolg. Während die Aufrufe zum guten Betragen im Vorfeld der Olympiade 2008 noch für Verwunderung bei ausländischen Journalisten sorgten, bleiben sie in China selbst inmitten der Propagandaflut meist unbeachtet.

 

Dass es sich bei den Posts aus der Chengduer U-Bahn um Inszenierungen handelt, scheint nicht nur wegen der Häufigkeit dieser zufälligen Aufnahmen wahrscheinlich zu sein, sondern auch, weil andere staatliche Weibo-Accounts wie der des städtischen Umweltamtes prominent unter den Kommentaren vertreten sind.

 

Ebenso die Ähnlichkeit zu sonst nur auf staatlichen Seiten geschilderten Begebenheiten ist auffällig sowie dass diese gut zu den Mission Statements der staatlichenWenming-Webseiten passen. So heißt zum Beispiel auf der Seite des Weming-Ministeriums von Chengdu:

 

Ziel der Webseite des Erziehungsministeriums ist es ideologische Arbeit zu leisten, eine Plattform für die ideologische Entwicklung der Stadt zu bieten, Kultur zu verbreiten, die herausragende Position von zeitgemäßen Sitten zu unterstreichen und ein Vorbild für den Aufbau von Chengdus besonderer Internetkultur zu sein.成都文明网建设目标是成为成都宣传思想工作和精神文明建设的工作平台,传播文明、引领风尚的重要阵地,(…)、建设成都特色网络文化的示范窗口。

 

In Chinas sozialen Medien wird öffentliches Fehlverhalten schnell verurteilt, wie das Beispiel eines U-Bahn Passagiers zeigt, der sich ganz ungeniert an einer Haltestelle erleichtert hatte. Ob es sich bei den weitverbreiteten Social-Media-Posts nun um Inszenierungen oder um tatsächliche Zuschriften handelt, tut der Reichweite der Posts und den generell positiven Reaktionen keinen Abbruch. Diese scheinen zumindest im Netz zu bezwecken, was der Kern der Wenming-Kampane ist: Gute Vorbilder hervorzuheben, denen es sich lohnt nachzueifern wie der Kommentar von Netzbürger „Klavier Kaiser 17950“ zeigt:

 

Die Gesellschaft braucht Menschen wie diese. Wir alle sollten von ihnen lernen.社会需要你这样的人,我们大家都应该像你学习(…).

 

Zum Weiterlesen

 

Weibo der Woche #5: Handyvideo von ertrinkendem Jungen entfacht Diskussion

„Menschenfleisch-Suchmaschine“ — Zwischen Lynchjustiz und freier Meinungsäußerung

 

Kategorien: Gesellschaft, Politik, Tags: , , , , , , . Permalink.

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Ein Kommentar zu Die guten Menschen von Sichuan: Alles nur fake?

  1. avatar Peter Heininger sagt:

    Die Kampagne erinnert an ähnliche Aktionen in der Sowjetunion zur Erziehung “der Massen”. Hat nichts genützt! Vor der Moral kommt das Fressen. In Form von Nahrung und Bildung.

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