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„Menschenfleisch-Suchmaschine“ — Zwischen Lynchjustiz und freier Meinungsäußerung

Der Film „Caught in the Web“ - auf Chinesisch suosuo (was soviel bedeutet wie "eine Datenbank durchsuchen") - behandelt das Thema der „Menschenfleisch-Suchmaschine“ © Wikimedia Commons

Der Film „Caught in the Web“ - auf Chinesisch suosuo (was soviel bedeutet wie "eine Datenbank durchsuchen") - behandelt das Thema der „Menschenfleisch-Suchmaschine“ © Wikimedia Commons

Menschenfleisch-Suchmaschine人肉搜索“ ist ein Begriff der chinesischen Internetsprache. Er bedeutet, dass sich Netizens zahlreich zusammenschließen, um (vermeintliche) Delinquenten im Internet bloßzustellen. Die Betroffenen spüren die Folgen oft im richtigen Leben. Viele fragen sich, ob das noch zur freien Meinungsäußerung gehört.

 

So wie „Einsamer Wolf“ urteilen Netizens häufig über die „Menschenfleisch-Suchmaschine“:

 

Wenn du jemanden liebst, dann setz ihn der „Menschenfleisch-Suchmaschine“ aus. Bald wirst du alles über den Menschen wissen. Wenn du jemanden hasst, dann setz auch ihn der „Menschenfleisch-Suchmaschine“ aus, denn das ist die Hölle…如果你爱他,把他放到人肉引擎上去,你很快就会知道他的一切;如果你恨他,把他放到人肉引擎上去,因为那里是地狱…

 

Wer ist betroffen?

 

Die Fälle sind zahlreich und die Bandbreite der Zielpersonen groß. Auslöser ist in vielen Fällen ein Bild oder Video, das im Internet hochgeladen wurde und dann den Ärger der Netizens erregt. Mit großem gemeinschaftlichem Aufwand werden die Personen identifiziert und alle persönlichen Daten veröffentlicht. Bei betroffenen Privatpersonen ist meist kein Gesetzesverstoß, sondern für unmoralisch befundenes Verhalten der Anlass. Viele Betroffene haben dadurch ihre Arbeit verloren, da der Arbeitgeber sein eigenes Ansehen schützen will. Manche wurden massiv beschimpft und bedroht. So wie Grace Wang, die in den USA zwischen chinesischen und pro-Tibet Demonstranten vermitteln wollten. In anderen Fällen nahm man Menschen ins Visier, die der Tierquälerei oder des Ehebruchs verdächtigt werden.

 

Zuletzt sorgte die Kritzelei eines 15-jährigen Jungen für Aufsehen. Er hatte bei einem Famlienurlaub in Ägypten einen 3500 Jahre alten Tempel mit „Ding Jinhao war hier丁锦昊到此一游 “ beschrieben. Danach wurde seine Identität veröffentlicht. Wie die überregionale Zeitung Procuratorial Daily berichtete,entschuldigte sich die Mutter des Jungen bei der Öffentlichkeit. Gleichzeitig verurteilt der Artikel den „Internetmob网络暴民“, der teilweise hohe Strafen für den Jungen gefordert hatte.

 

Netizens haben Meinungen, die sie ausdrücken und Emotionen, die sie rauslassen wollen (…). Allerdings haben wir es hier mit einem Kind zu tun. Sollte man in so einem Fall nicht vernünftig sein und eine ebenbürtige Zielscheibe finden? Man muss sich mal in den Jungen hineinversetzen, wie das ist, wenn man selbst einen Fauxpas begeht und dann gleich von der ganzen Welt verteufelt wird. Was für ein Debakel.网民有观点要发表,有情绪要发泄 (…).但我们面对孩子时,是否应当理智一点,选择正确的发泄对象. 甚至推己及人地想想,若是自己做错了一点事情就被全世界打入地狱,会何等崩溃.

 

Verletzt die „Menschenfleisch-Suchmaschine“ die Privatsphäre?

 

Und so befindet sich China inmitten der Diskussion, bis wohin das Recht der freien Meinungsäußerung reicht und ab wann die Privatsphäre verletzt wird. Ein Blogger namens „Xi’an Webdesigner“ meint:

 

Persönliche Informationen sollten vertraulich behandelt werden und rechtlich geschützt sein. Das ist ein unantastbares grundlegendes Menschenrecht. (…) Eine uneingeschränkte freie Meinungsäußerung existiert nicht. (…) Die „Menschenfleisch-Suchmaschine“ ist eine Verletzung der Privatsphäre.私人信息应当依法得到保密并受到保护,这是不可侵犯的基本人权. (…) 不存在完全不受约束的言论自由. (…) 人肉搜索其实是对人生隐私的一种伤害 (…).

 

Der Journalist Liu Hongbo ist für eine differenzierte Sichtweise.

 

Ich habe die „Menschenfleisch-Suchmaschine“ immer mit einer gewissen Sorge betrachtet. Denn ich habe beobachtet, wie Beamte deswegen langsam abgestiegen sind. Ich sorge mich auch darum, ob normale Menschen durch sie verletzt werden. (…) Die Umstände der einzelnen Menschen sind vielfältig. Es gibt Durchschnittsmenschen und Personen des öffentlichen Lebens. Deren Umfang an Privatsphäre ist nicht der gleiche. Was bei normalen Menschen Privatsache ist, ist bei Personen der Öffentlichkeit nicht privat.我对人肉搜索一直持有一定程度的忧虑,因为我既看到有官员在人肉搜索中一步步地下了台,也担心人肉搜索是否会对普通人的生活构成伤害. (…) 个人的情况是复杂的,这里面既有相对纯粹的个人,也有公众人物,他们的隐私范围并不相同,对普通人而言是隐私的,对公众人物未必就是隐私.

 

99“ findet, die Betroffenen trügen eine Mitschuld.

 

Das eigene Fehlverhalten erregt die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. (…) In Wahrheit müssen wir uns nicht um die „Menschenfleisch-Suchmaschine“ kümmern, denn sie drückt eigentlich nur die öffentliche Meinung aus. Wer aufrecht steht, braucht einen krummen Schatten nicht zu fürchten.自己的行为不端导致引起公众的关注. (…)其实我们不必在意人肉搜索,其实他代表着民意。身正不怕影子斜.

 

Einige Betroffene haben auf Schadensersatz geklagt und Recht bekommen. In der Stadt Xuzhou hat ein Gericht die „Menschenfleisch-Suche“ untersagt. Auf nationaler Ebene hingegen geht die Suche weiter.

 

 

 

 

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Filmhinweis: Der Film „Caught in the Web“搜索 (2012) des Regisseurs Chen Kaige erzählt von einer Frau, die zur Zielperson der „Menschenfleisch-Suchmaschine“ wird, da auf einem sich verbreitenden Handy-Video zu sehen ist, wie sie sich einer älteren Person gegenüber unhöflich verhält.

 

 

 

Zum Weiterlesen

 

Junger Chinese bekritzelt Relief von Alexander dem Großen“, Süddeutsche Zeitung, 27.05.2013.

 

Vincent Capone: „The Human Flesh Search Engine: Democracy, Censorship, and Political Participation in Twenty-First Century China“, 31.03.2012.

 

Wieland Wagner: „Suche nach Menschenfleisch“, Der Spiegel, 30.10.2010.

 

 

 

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