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Nationalismus-Debatte in China: Wie muss ein echter Patriot sein?

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Ob im Netz oder auf der Straße: Chinas Patrioten zeigen Flagge auf © Jrwooley6 via Flickr

Parteimitglied, Demokrat oder Unruhestifter im Internet: Sie alle halten sich für die wahren chinesischen Patrioten. Leidenschaftlich diskutieren Chinas Netizens – doch manchmal eskaliert ein Streit.

 

Ich liebe China我爱中国“ schreibt eine Netzbürgerin. „China macht mich stolz因中国而骄傲“ ein anderer. Millionenfach lassen sich solche Posts in Chinas größtem sozialen Netzwerk Weibo finden.

 

Dennoch muss die chinesische Regierung Sorgen haben, denn immer wieder erinnert das Staatsfernsehen daran, warum die Bevölkerung stolz auf ihr Heimatland sein kann. Aus Anlass des Nationalfeiertages, der jährlich am 1. Oktober begangen wird, strahlt das Staatsfernsehen eine Straßenumfrage aus, die allen ins Gedächtnis rufen soll, welche Gründe es für chinesischen Patriotismus gibt.

 

Umfrage des Staatsfernsehens: Sie alle lieben China. © Screenshot bei guancha.cn, 11.08.2015

Umfrage des Staatsfernsehens: Sie alle lieben China. © Screenshot bei guancha.cn, 11.08.2015

Schon als Kind war ich in der Obhut der Partei. Ich bin im Waisenhaus aufgewachsen. Das Vaterland und die Partei sind wichtiger als alles andere. Wichtiger noch als meine Kinder (...) 从小就是共产党把我抚养大的。我在孤儿院长大的。… 共产党和国家…比什么都重要。比我儿女都重要“, antwortet eine der Befragten.

 

Der 1928 geborene Naturwissenschaftler Yu Hongru hingegen erinnert an die japanische Besatzung 1931-1945 und den Widerstandskampf der Kommunisten.

 

Damals mussten wir nicht nachdenken, ob wir Patrioten sind, weil wir dem Bombenhagel der Japaner ausgeliefert waren. 我们当时是不用想就是爱国的 (…) 因为…我们是在日本飞机的轰炸下(…)

 

Solche Antworten hört die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) gern, denn seit die Wirtschaft liberalisiert ist und das Land sich geöffnet hat, sieht die Regierung sich mit einem Dilemma konfrontiert: Wie soll sie die Einparteienherrschaft der Kommunisten jetzt rechtfertigen? Mao, Marx und Lenin gehören längst der Vergangenheit an.

 

Eines muss die Regierung deshalb deutlich machen, denn sonst könnte sie selbst bald obsolet sein:

 

Liebe zur Partei und zum Vaterland ist ein und dasselbe.(...) 爱党与爱国是一码事 (...)

 

Sind alle Patrioten auch Partei-Anhänger?

 

Dass Treue zum Heimatland automatisch auch Loyalität gegenüber der Partei bedeutet, sehen nicht alle so. Der bekannte Blogger und Demokrat Yang Hengjun kritisiert diese Sichtweise.

 

Ich bin ein glühender Patriot. In meinen Augen ist Patriot und gleichzeitig Demokrat zu sein kein Widerspruch, sondern ein und dasselbe. Patriotismus bedeutet vor allem, China entschlossen vor bösen Menschen zu schützen – besonders vor Bösewichten in der Regierung!我是一位狂热的爱国主义者,...。在我看来,爱国与追求民主不但不矛盾,而且是高度统一的...。爱国…更要坚决防止这个国家里的坏人——尤其是政府里的坏人(…)!

 

Yang, der einmal für das chinesische Außenministerium gearbeitet hat, hat nun vermutlich nicht grundlos einen australischen Pass. Gern gesehen sind solche Kommentare jedenfalls nicht. Obwohl der Verdacht bestand, bestreitet er jedoch, jemals von der chinesischen Polizei festgehalten worden zu sein.

 

Yang ist dennoch erstaunlich gut in Chinas sozialen Medien vertreten. Über 140.000 folgen ihm beim Mikrobloggin-Dienst Weibo. Seine Texte veröffentlicht er regelmäßig auf von China aus betriebenen Internetseiten. Sie scheinen von der sonst strengen Zensur verschont zu bleiben.

 

Verdächtig findet das die Aktivistin Ye Haiyan. Auf ihrem Mikroblog schreibt sie über Yang Hengjun:

 

Er ist ein KPCh-Anhänger. Er bedient sich der Parteisprache. In Schlüsselfragen folgt er der Partei(ideologie). Warum setzt ihr so große Hoffnungen auf ihn?(…)他是党的人 (…)顺从体制语言 (…)关键时刻他还是得听党的。…为什么要对他寄予那么多期望。…

 

Ein Streit eskaliert

 

Dass solche Meinungsverschiedenheiten nicht nur im Internet ausgetragen werden, musste ein besonders patriotischer Jugendlicher am eigenen Leib erfahren. Wie es dazu kam, erklärte Hou Jusen in einem Zeitungsinterview.

 

2013 begann er, sich in Internetforen aufzuhalten. Dabei stieß er auf Kommentare, die er „ziemlich unglaublich觉得挺不可思议的“ fand.

 

Dort stand, dass das japanische Kaiserreich besser als die KPCh sei. Ich meine, das ist Landesverrat. Also habe ich diese Leute als verdammte Landesverräter beschimpft. Langsam erlangte ich ein wenig Berühmtheit. Es kam zu Beleidigungen und wir Patrioten wurden eingeschüchtert. Es gab auch welche, die die amerikanische Demokratie angepriesen haben und die Partei entmachten wollten. An manchen Tagen, wenn ich schlechte Laune hatte, habe ich solche Leute beschimpft.(…) 说大日本帝国好, 中国共产党不好的言论,感觉这些都是网络汉奸吧。所以就骂那些人,骂他们狗汉奸。慢慢自己…也有一些知名度了。(…)各种辱 骂,恐吓爱国人士 (...) 还有鼓吹美式民主的,推翻共产党的 (...) 有时候心情不好上火了也骂几句。 (…)

 

Er berichtet weiter, dass er der „Menschenfleisch-Suchmaschine“ zum Opfer fiel. Andere Forumsteilnehmer hätten damit begonnen, sein Umfeld zu terrorisieren und systematisch das Internet nach seiner Adresse und Telefonnummer zu durchsuchen. Schließlich lauerten sie dem Schüler auf und verprügelten ihn.

 

Bei Weibo veröffentlicht Hou Jusen eine Statusmeldung zu dem Angriff. Viele Netzbürger sprechen ihm ihre Sympathien aus. Doch für einige ist auch der 18-jährige nicht patriotisch genug.

 

Da unter Weibo-Statusmeldung immer zu sehen ist, mit welchem Gerät der Eintrag verfasst wurde, echauffiert sich Netizen „ssfssaz“:

 

Du bist ein Verräter. Du benutzt ein (Google) Nexus-Handy! Dein Vater ist Amerikaner und dein Großvater Japaner! Deine Mutter hat wohl die Vereinigten Acht Staaten (die den Boxeraufstand 1900 niedergeschlagen haben) mal rangelassen! 你个汉奸,用Nexus手机!美国人是你亲爹吧!日本人是你爷爷吧!你妈让八国联军干了吧!

 

Die Patriotismus-Debatte wird in China leidenschaftlich geführt. Jeder hat eine eigene Vorstellung, welche Eigenschaften ein echter Patriot haben muss. Dass die Netizens dabei untereinander in Konflikt geraten, dürfte der Regierung gerade recht sein.

 

 

 

Zum Weiterlesen

 

Kim Vender: „Zwischen Demokratie und Nationalismus – Entwicklung eines Nationalbewusstseins in China“, Stimmen aus China, 26.07.2014.

 

Lisa Krauss: „100 Jahre Erster Weltkrieg: Wie blickt China zurück?“, Stimmen aus China, 04.04.2014.

 

Florian Stark: „Wie sich China an London für den Boxerkrieg rächt“, Die Welt, 05.12.2013.

 

Florian Jung: „Der Streit um die Diaoyu-Inseln: Antijapanische Proteste in China“, Stimmen aus China, 30.09.2012.

 

„China matters: Ein Informationsportal für die Zivilgesellschaft“, mit freundlicher Unterstützung durch die Stiftung Umwelt und Entwicklung Nordrhein-Westfalen

„China matters: Ein Informationsportal für die Zivilgesellschaft“, mit freundlicher Unterstützung durch die Stiftung Umwelt und Entwicklung Nordrhein-Westfalen

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