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Staatliche Geburtenkontrolle: Dalai-Lama-Reinkarnation ist ein Muss

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Der 14. Dalai Lama im Jahr 2002 © Christopher Michel, via Flickr

Der Dalai Lama stellte in Frage, ob es nach ihm einen weiteren Dalai Lama geben wird. Die chinesische Regierung aber, die den tibetischen Exil-Buddhisten zum Staatsfeind erklärt hat, besteht auf eine Wiedergeburt. Im Chinesisch-sprachigen Netz fragt man sich warum.

 

Er gilt als autokratischer Vaterlandsverräter, der Tibeter zu Gewalttätigkeiten wie Selbstverbrennungen anstachelt und Gegner gnadenlos aus dem Weg räumt. Die Rede ist vom 14. Dalai Lama. Er ist der chinesischen Regierung verhasst wie kaum ein anderer. Das zeigte sich auch im März 2015 wieder als Pekings Tibet-Beauftragter Zhu Weiqun朱维群 sich auf einer Pressekonferenz über den Exil-Tibeter äußerte. Er versicherte, dass es Tibet unter der chinesischen Vorherrschaft besser gehe als jemals zuvor, was vor allem an der Abwesenheit des Dalai Lamas liege.

 

Nicht die Kontrolle verlieren

 

Wie es scheint, will die chinesische Regierung alles, was den 79-jährigen Dalai Lama betrifft, kontrollieren. Ironischerweise sogar sein Leben nach dem Tod, an das die kommunistisch-atheistische Regierung eigentlich gar nicht glauben kann. Sie reagierte im März dennoch auf Aussagen des Dalai Lamas, er könne sich gut vorstellen, dass er der letzte mit diesem Titel sei. Das Amt sei nicht mehr vonnöten. Damit ginge die fast 500-jährige tibetische Tradition zu Ende, bei der Mönche nach dem Ableben eines Lamas seine Reinkarnation identifizieren.

 

Der Tibet-Beauftragte der chinesischen Regierung Zhu Weiqun kritisierte nun, dass solche Ansichten „Betrug in doppelter Hinsicht双重背叛“ seien.

 

(Der Dalai Lama) hat einerseits die Regierung Chinas betrogen, denn, wie wir alle wissen, müssen bei der Reinkarnation des Dalai Lama eine Reihe von historischen Gepflogenheiten und religiösen Riten berücksichtigt werden. Dazu gehört auch, dass alle Schritte der Zentralregierung gemeldet werden und deren Zustimmung erhalten. Was nicht die Zustimmung der chinesischen Zentralregierung erhält, gilt als illegal. Damit ist das, was der so genannte Dalai Lama von sich gibt, illegal. Andererseits betrügt er den tibetischen Buddhismus. Die Wiedergeburt des Dalai Lamas hat eine Geschichte von Jahrhunderten. Aber der 14. Dalai Lama hat in diesen Fragen eine sehr unseriöse, respektlose Haltung. Meiner Ansicht nach handelt es sich bei den Aussagen des Dalai Lama in Wirklichkeit um eine Verschwörung.(...) 他在政治上是对祖国的背叛,因为我们知道,达赖喇嘛的转世需要经过一系列的历史定制、宗教仪轨,而这个历史定制、宗教仪轨每一个环节都包括了必须向当时的中央政府报告,得到当时的中国中央政府的批准。没有中国中央政府的批准和承认,所有这些都是非法的,由此产生的所谓的达赖喇嘛也是非法的。(…)第二种背叛,是宗教上对藏传佛教…的背叛。达赖喇嘛这个世系存在已经有数百年历史...十四世达赖对这个问题采取了一种非常不严肃的、非常不尊重的态度... 我想说,达赖喇嘛这个举动实际上也是一场阴谋 (...)

 

Die Diskussionen im Netz

 

In der tibetischen Gemeinschaft kommen solche Stellungnahmen der Regierung natürlich nicht gut an. Die tibetische Schriftstellerin Tsering Woeser次仁唯色, die in Peking lebt und arbeitet, kommentiert die Pläne der Regierung auf ihrem Blog:

 

Das tibetische Volk wird niemals einer sogenannten, von der chinesischen Regierung bestimmten Reinkarnation trauen. Ich aber glaube an die Reinkarnation des Dalai Lamas.西藏人民永远不会信任由中国政府任命的所谓转世化身。但我认为,达赖喇嘛会转世。

 

Die tibetische Autorin Tsering Woeser © Zhang Ming (VOA), via Wikipedia

Die tibetische Autorin Tsering Woeser © Zhang Ming (VOA), via Wikipedia

Tsering Woesers kritischer Kommentar ist eine Rarität im chinesischen Netz, denn offen über den Dalai Lama zu sprechen ist in China unmöglich. „Gemäß der gesetzlichen Bestimmungen und der politischen Richtlinien können Suchergebnisse zu „Dalai Lama“ nicht angezeigt werden根据相关法律法规和政策,“达赖喇嘛”搜索结果未予显示。“ heißt es beispielsweise bei Weibo. Jede Dalai-Lama-Suchanfrage wird somit konsequent unterbunden. Auf diese Weise ist es für Anhänger des Friedensnobelpreisträgers schwierig, sich bei dem Mikroblogging-Dienst zu finden und zu vernetzen. Kommentare zum Dalai Lama, vor allem wenn sie wohlmeinend sind, verschwinden rasch wieder.

 

Auf Webseiten, die nicht von China aus betrieben werden, löst das Thema hingegen lebhafte Diskussionen aus. Bei Wenxue City, einem Online-Magazin für Überseechinesen mit Sitz in Kalifornien, spottet Netizen  „luting“ über die chinesische Regierung:

 

Wird denn Mao Zedong wiedergeboren?那毛泽东要不要转世?

 

Netzbürger „woundwolf88“ fragt sich hingegen, warum die chinesische Regierung überhaupt auf eine Reinkarnation besteht.

 

Gilt der Dalai Lama denn nicht als „Volksfeind“? Wenn Verräter nicht wiedergeboren werden ist das doch gut, oder nicht? Warum besteht man darauf, dass er wiedergeboren wird? Dann besteht man doch auf generationenübergreifendem Landesverrat, oder? 达赖不是“叛国者”吗?叛国者不转世岂不是好事吗?为什么非要他转世?非要他一世有一世地叛国吗?

 

Dass die Regierung dennoch auf eine Reinkarnation des Dalai Lamas besteht, hat politische Gründe. Sie könnte ähnliche Pläne wie nach dem Ableben des zweithöchsten Würdenträgers Tibets, dem Panchen Lama, haben. Traditionell suchen Mönche die Reinkarnation des Lamas. Peking jedoch bestimmte Gyaincain Norbu. Der von Tibetern als Nachfolger identifizierte Junge, Gedhun Choekyi Nyima, verschwand. Über seinen Verbleib ist seit 1995 nichts bekannt. Wie in diesem Fall könnte die Regierung planen, eine Peking-treue Marionette als Dalai Lama einzusetzen. Mit der Infragestellung seiner Wiedergeburt macht der Dalai Lama es für die Regierung schwierig, solche Vorhaben umzusetzen. Sie befürchtet, die Kontrolle zu verlieren.

 

 

 

Zum Weiterlesen

 

China’s tensions with Dalai Lama spill into the afterlife”, Taipei Times, 16.03.2015.

 

Petra Kolonko: „Dalai Lama: Peking verordnet die Wiedergeburt“, FAZ, 12.03.2015.

 

Marie-Luise Abshagen: „Kommentarschlacht – Wie Chinesen im Internet über die Menschenrechtslage in Tibet diskutieren“, Stimmen aus China, 25.05.2013.

 

Christine Maags: „Selbstverbrennung in Tibet – Mönche zünden sich für religiöse Freiheit an“, Stimmen aus China, 21.03.2012.

 

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