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„Wie in der Kulturrevolution“: Chinas Netizens diskutieren über die Terrorgruppe IS

Chinas Netizen vergleichen den IS mit der Kulturrevolution. Bild via  Weibo

Chinas Netizens vergleichen den IS mit der eigenen Vergangenheit. Bild via Weibo

„Islamischer Staat“ und China – das ist ein heikles Thema. Besonders weil Chinas Netizens finden, dass der „Islamische Staat“ viele Gemeinsamkeiten mit China und der Kommunistischen Partei habe.

 

Nachdem bekannt wurde, dass der „Islamische Staat“ (IS) im irakischen Mossul einzigartige Kulturgüter zerstört hatte, weil sie nicht ins Weltbild der Dschihadisten passten, war auch in China das Entsetzen groß. Schon länger beobachtet Chinas Internetgemeinde besorgt die Geschehnisse im Irak und Syrien, wo der IS seit Juni 2014 ein zusammenhängendes Gebiet kontrolliert.

 

Das Interesse ist groß, weil sich dort, wie die Global Times berichtete,  vermutlich 300 Chinesen dem IS angeschlossen haben sollen. Diese sollen aus der nordwestlichen Provinz Xinjiang stammen, wo ein Großteil der muslimischen Minderheit der Uiguren lebt. Das schürt die Angst, es könne auch in China zu erneuten Terrorattacken kommen.

 

„Die Vier Alten Zerschlagen“

 

Andererseits versetzten die Gemeinsamkeiten mit der eigenen Geschichte die Netizens in Unruhe. Die Vernichtung der Kulturschätze in Mossul gibt für viele chinesische Netzbürger Anlass, Parallelen zwischen der Kommunistischen Partei Chinas und dem IS zu ziehen. Weibo-User „Wu Chenhui“, der einen Artikel zur Zerstörungswut des IS in Mossul teilt, kommentiert: „Kulturrevolution? Genau wie die früheren Methoden der Kommunistischen Partei.文化大革命?如共党曾经的做法一致。

 

Propagandaplakat aus der Zeit der Kulturrevolution © Villa Guilia via Wikipedia

Propagandaplakat aus der Zeit der Kulturrevolution © Villa Guilia via Wikipedia

Damit spielt er auf eine Kampfparole von 1966/67 an: „Die Vier Alten Zerschlagen破四旧“. Diese rief während der Kulturrevolution (1966-76) zur Zerstörung der alten feudalistischen Denkweisen, Gewohnheiten, Sitten und Kultur zugunsten einer neuen kommunistischen Ordnung auf. Religion galt als schädlich und Ausdruck der alten Gesellschaftsordnung. Hauptsächlich junge Mao-Verehrer, genannt Rote Garden, zerstörten daher zahlreiche Klöster, religiöse Schriftstücke und Gegenstände. Die Bilder und Videos aus Mossul rufen deshalb Erinnerungen an die Geschichte des eigenen Landes wach.

 

Ein Nutzer des weit verbreiteten Nachrichtendienstes QQ schreibt unter dem Pseudonym „douglaslwh“:

 

Die islamistisch-radikale Organisation IS ähnelt tatsächlich der Kommunistischen Partei! Auch sie zerstören die „Vier Alten“. isis实际为伊斯兰类似共产党的极端组织是也!他们也搞破四旧了。

 

Gefahr für Leib und Leben

 

Es fielen jedoch nicht allein Gegenstände der Kulturrevolution zum Opfer. Menschen, die als Vertreter der alten Gesellschaftsordnung galten, wurden gedemütigt, verletzt oder getötet. Da während der Kulturrevolution chaotische Zustände herrschten, ist unklar, wie viele Menschen tatsächlich getötet wurden. Die Schätzungen von Chinawissenschaftlern liegen zwischen 30 und 70 Millionen Menschen.

 

Collage Vergleich Kulturrevolution-ISIS

Collage Vergleich Kulturrevolution-ISIS. Bild: via Weibo

Eine Collage verdeutlicht für Chinas Netzbürger die Parallelen zwischen der Kulturrevolution und IS ganz besonders. Sie stellt Bilder von Zerstörungen bzw. Gewalttaten durch IS und im China der 1960/70er Jahre gegenüber. Auch Netizen „Ein friedliches Land gestalten“ postet das Bild bei Weibo. Er findet jedoch, dass man solche Vergleiche nicht ohne Weiteres ziehen kann und versucht, die Kulturrevolution zu verteidigen.

 

Wenn man sich ernsthaft mit der Kulturrevolution und der Parole „die Vier Alten Zerschlagen“ auseinander gesetzt hat, dann weiß man, dass sie mit guten Absichten begonnen haben! Wer die unmenschlichen Gräueltaten dieser Extremisten mit der großartigen kommunistischen Befreiung der Menschheit gleichsetzt, kann schwarz von weiß nicht unterscheiden und ist ignorant! Die Verrückten vom IS haben alte Kulturgüter zerstört und das haben sie von China gelernt. Die Kulturrevolution hat genau so angefangen, nicht?如能正确理解文革与破四旧,是良心立起来的开始!拿反人类极端分子的恶行与共产主义解放人类的伟大事业划等号,这是何等的黑白不分又是极为无知…! @田花间 ISIS疯狂破坏古文物,这是向中国学的…。文革不就是从这样的行动开始。

 

Doch in puncto Gewalt sehen Viele Gemeinsamkeiten zwischen dem IS und China. Auf die Gewalttätigkeiten während der Kulturrevolution spielt ein Weibo-Nutzer an, indem er ein Foto mit der Aufschrift „Szene vom Blutigen Zwischenfall in (der Provinz) Qinghai am 23.2.1967“ teilt und kommentiert „Chinas IS!中国的ISIS!“ An diesem Tag, bei dem die genauen Hintergründe bisher ungeklärt sind, tötete die Volksbefreiungsarmee 169 Menschen und verletzte 178.

 

Und auch den Weibo-Nutzer „Hailiboans Tagesanbruch“ bringen die brutalen Nachrichten aus dem Gebiet des IS zum Grübeln.

 

Ich habe die Nachrichten über den IS angesehen und was mich am meisten erschreckt hat, war die Frage, ob zwischen „dem IS und dem China von vor 50 Jahren ein Unterschied besteht?“. Beim Zerstören von Historischem und der barbarische Gewalt müssen uns die westlichen Länder damals genauso gesehen haben wie wir den IS heute. Damals lebten größtenteils die Generationen unserer Väter und Großväter und wir haben nichts geahnt. Von daher muss ich sagen, dass die Welt ziemlich rätselhaft ist. Dass die Chinesen ihren Glauben (schließlich) so einfach abgelegt haben, ist wirklich eine gute Sache.看ISIS的新闻,其实最令我悚然的是“我们五十年前和他们有何区别?”这个念头。信仰至高,毁灭历史,野蛮暴力,当时的西方世界看我们,就和我们今天看他们一样吧。而想到当年的许多人就是我们的父辈或爷爷辈,而我们一无所知,不禁觉得世界真奇妙,中国人能轻易抛弃信仰真是一件好事啊。

 

Die Vernichtung von Kulturgütern und die brutale Gewalt des IS entsetzt offenbar viele in der chinesischen Internetgemeinschaft und bringt sie zum Nachdenken. Sie scheinen sich darüber einig zu sein, dass blinder Glaube großen Schaden anrichten kann.

 

 

 

Zum Weiterlesen

 

Terrorismus und China: Schlagwort-Archiv, Stimmen aus China.

 

Sven Hauberg: „“Islamischer Staat” soll Chinesen hingerichtet haben“, 21China, 05.02.2015.

 

Li Zhensheng: „Roter Nachrichtensoldat“, Phaidon,  2003.

 

Yu Hua: „Leben!“, Klett-Cotta, 1994.

 

Kategorien: Kultur, Politik, Tags: , , , , . Permalink.

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