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Gute Migranten, schlechte Migranten? – Blogger diskutieren das Hukou-System

Auf dem Weg zu einer sozial gerechteren Gesellschaft? Eine Reformierung oder Abschaffung des Hukou-Systems sorgt seit Jahren für Diskussionsstoff. Quelle: Wikimedia Commons

Auf dem Weg zu einer sozial gerechteren Gesellschaft? Eine Reformierung oder Abschaffung des Hukou-Systems sorgt seit Jahren für Diskussionsstoff. Quelle: Wikimedia Commons

Während die Migration in Europa meist ein internationales Entwicklungsproblem darstellt, betrifft das „Migrationsproblem“ in China die eigene Bevölkerung. Vor allem in den großen Städten setzt sich die Bevölkerung oft zu mehr als 50% durch ländliche Wanderarbeiter zusammen. Diese haben, da sie keine lokale Registrierung (Hukou) besitzen, weniger Rechte als die Lokalbevölkerung. Im Zentrum der Diskussion steht häufig die Frage, wem man einen der begehrten städtischen Hukous gewähren sollte und wem nicht.

 

Marginalisierung von Wanderarbeitern

 

Einige soziale Leistungen, wie der Schulbesuch von Kindern an städtischen Schulen oder die Subventionierung von Wohnungen im öffentlichen Wohnungsbau, sind an eine städtische Registrierung gekoppelt und somit der Lokalbevölkerung vorbehalten. Dadurch werden die Wanderarbeiter und deren Familien in den Städten weiter marginalisiert. Blogger „Unverletzliche kleine Person“ beschreibt die Ungerechtigkeiten des Systems:

 

Personen sollten eigentlich das Recht haben, sich frei zu bewegen. Aber indem die Regierung das Haushaltsregistrierungssystem eingerichtet hat, unterteilt sie die Menschen in diejenigen mit städtischem und mit ländlichem Hukou, (…). Die Regierung kann sich so vieler Lasten entledigen. (…) (Ohne lokalen Hukou) hast du Schwierigkeiten mit der Ausbildung deiner Kinder, mit der medizinischen Versorgung und mit deiner Altersvorsorge.(…)本来人应该具有自由迁徙的权利。但是政府搞了一户籍管理,把人分成市民户口和农民户口,(...)。或许你习 以为常了,(...) 政府可以减少很多负担。(...) 不知给你的孩子的教育,你的医疗,你的养老带来了多大的麻烦呢。

 

Su Cong Dong“ sieht vor allem die strengen Restriktionen* für einen Hukou-Erwerb in Metropolen wie Peking oder Shanghai als problematisch und fragt sich, mit welcher Berechtigung gerade die lokale Bevölkerung in den großen Metropolen so privilegiert leben darf:

 

(…) Warum gelten Pekinger eigentlich als so großartig? Wer entscheidet das eigentlich und lässt sie ohne nachvollziehbaren Grund die beste medizinische Versorgung, das beste Transportwesen und das beste Schulwesen Chinas genießen? Offen gesprochen, ist es nicht allein der Hukou, der ihnen diese Vorteile bringt? (…).(…) 北京人凭啥这么牛逼?又是谁让其这么牛逼,能平白无故地享受着全中国最好的医疗资源、交通资源和 教育资源?说白了,不就是户口给了他的这个“优待证”嘛?

 

Negative Folgen einer Lockerung des Hukou-Systems

 

Mofengling19“ sorgt sich dagegen um die negativen Konsequenzen, die eine Lockerung des Systems mit sich führen könnte:

 

(…) Erstens könnte die Flut von Menschen, besonders in den stark entwickelten Städten wie Peking, Shanghai und Guangzhou, gewaltigen Druck auf diese Städte ausüben. Zweitens könnten sich die Konflikte zwischen Einheimischen und Migranten verschärfen, sobald sich die Migranten langfristig in den Städten niederlassen. Die Einheimischen könnten denken, sie müssten mit den Fremden um ihre Ressourcen kämpfen, wodurch sie gegenüber den Fremden noch feindseliger werden könnten. Drittens könnte es zu massiven Verkehrsstaus kommen (…) die Zahl der Unfälle könnte sich erhöhen.(…) 一是大量人口涌进一线城市尤其是“北上广”这样的发达城市,给当地城市造成极大的压力;二是当地人民和外来人民的矛盾可能会激化,一旦外地人永久落户与当地,当地人就会觉得你 在和他们抢本来属于他们的资源,从而对外来人口更加敌对;三是造成当地交通严重堵塞 (...) 事故也会增多。

 

„Einbürgerungstests“ für Wanderarbeiter?

 

In einem kürzlich erschienenen Interview mit sina.com sprach sich der Tsinghua-Professor Wen Guowei dafür aus, dass Wanderarbeiter, welche in Peking einen lokalen Hukou erwerben wollen, einen Test ablegen sollten:

 

Wenn Auswärtige einen Pekinger Hukou bekommen wollen, könnte man darüber nachdenken, Tests dafür einzurichten. (Dieser könnte) einen Bildungstest, einen Test über das Rechtswissen, einen Test zu den Arbeitsfähigkeiten etc. enthalten.比如说外来人口想要取得北京户口,可以考虑进行考试审核。(...) 包括文化程度的考试、法律知识的考试、工作能力的考核等等。

 

 

Die meisten Netizens reagierten empört über den Vorschlag, wie z.B. „Fan Ran“, der Wen direkt anspricht:

 

Haben Ihre Vorfahren, als sie nach Peking kamen, etwa einen Test abgelegt?您祖宗去北京的时候参加考试了吗?

 

Auch „Cheng Bei Xiao Qi“ empfindet diesen Vorschlag als äußerst ungerecht:

 

Wenn es einen Test geben soll, dann sollte sich auch die Pekinger Lokalbevölkerung diesem unterziehen müssen. Diejenigen, die sich qualifizieren, dürfen in Peking bleiben, die Unqualifizierten müssen gehen. (…) Erst das wäre fair.应该考,而且北京本地人应该先考,合格的留在北京,不合格的离开北京(...)。这才公平合理嘛

 

“Nan Da Shi Fei“ sieht das ganze etwas differenzierter und meint, dass die Wanderarbeiter die Pflicht hätten, sich besser in die städtische Umgebung zu integrieren:

 

Man muss sowohl für die ländlichen Wanderarbeiter als auch für die Städter die gleichen öffentlichen Mittel bereitstellen, inklusive Bildung, medizinischer Versorgung, Behausung etc. Gleichzeitig muss man von ihnen jedoch auch hinsichtlich ihres Lebensstils, ihrer Verhaltensgewohnheiten und ihrer Art zu denken eine „Urbanisierung“ erwarten.(…) 要求为进城农民提供与市民一样的公共服务设施,包括教育、医疗、住房等。但与此同时,也需要他们在生活方式、行为习惯、思维模式等方面的市民化。(...)

 

 

* Dafür sind meist hohe Investitionen oder ein ausländischer Hochschulabschluss notwendig.

 

 

Zum Weiterlesen:

 

Ines Henning: “Chinas 58 Mio. Wanderarbeiter-Kinder – eine Kindheit ohne elterlichen Schutz und Geborgenheit“, Stimmen aus China, 14.04.2012.

 

Tanya: “Tests for migrants to settle in Beijing? Chinese reactions“, Chinasmack, 23.10.2013.

 

Wang, Fei-Ling (2005): Organizing Through Division and Exclusion: The Hukou System, Stanford University Press.

 

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