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Enteignung für eine Touristenattraktion – Ein chinesisches Dorf protestiert

Die Dorfbewohner in Yunnan protestieren gegen die Enteignung © Radio Free Asia.

Die Dorfbewohner in Yunnan protestieren gegen die Enteignung © Radio Free Asia.

In Yunnan soll im Zuge einer großangelegten Modernisierung ein historischer Erlebnispark für Touristen entstehen. Ein Teil der Parkfläche wird von Dörfern besiedelt. Die Dorfbewohner sollen für das Großprojekt ihr Land aufgeben. Sie aber wehren sich dagegen. Immer wieder kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Der Erlebnispark „Facettenreiches Yunnan – Altes Dian-Reich七彩云 南 - 古滇国“ 

 

2012 gab die Regierung der südlichen Provinz Yunnan bekannt, sie plane in der Nähe der Provinzhauptstadt Kunming einen Erlebnispark zu errichten, der die Geschichte des alten Dian-Reiches für Touristen aufbereiten soll. Darüberhinaus ist geplant, ein modernes Neubaugebiet mit Wohnraum und anderen Einrichtungen zu bauen. Es wurden circa 2,7 Milliarden Euro in das Vorhaben investiert. Die Bauarbeiten für das 370,3 Hektar große Projekt haben bereits begonnen. So stellt die Regierung ihre ehrgeizigen Pläne selbst vor:

 

Das Projekt unterstützt die Entwicklung des Kulturtourismus‘ und die Modernisierung der neuen Stadt gleichermaßen. Dieser Fokus in Verbindung mit der Modernisierung der Südstadt Kunmings soll insgesamt unter Einbeziehung der Wasser-, Strom-, Energie- und Kommunikationsinfrastruktur, der medizinischen Versorgung, Bildung und der öffentlichen Sicherheit zum Bau eines umfassenden Ganzen führen. Dadurch soll sich hier Kunmings, Yunnans, Chinas und sogar ein für die ganze Welt bedeutender neuer Meilenstein in Sachen Kultur und Tourismus entwickeln. (…)(…) 项目坚持文化旅游发展与现代新城建设并重,注重与现代新昆明南城规划定位相衔接,统筹考虑水、电、气、通讯等基础设施和医疗、教育、治安等城市配套设施建设,使之成为昆明、云南、中国乃至世界文化旅游城市发展的新里程碑,(…)。

 

Das Gebiet dient jedoch unter anderem Einwohnern des Dorfes Guangji广济 als Lebensgrundlage. In der Gegend kam es wegen des Bauvorhabens bereits während des ganzen Jahres häufiger zu Auseinandersetzungen. Die von der Regierung angebotenen Entschädigungen reichen den Bewohnern nicht aus, denn mit dem Land verlieren sie auch ihre Arbeit und Einkommensquelle. Wie Radio Free Asia berichtete, hielten sie bei Demonstrationen Schilder mit zum Beispiel diesen Aufschriften hoch:

 

Das Volk braucht sein Land, nur wer Land hat, kann ein Zuhause haben. Land gewaltsam in Besitz zu nehmen ist ein Verbrechen.老百姓不能没有土地, 有了土地才会有家园强占土地是犯法

 

Die Bewohner hatten außerdem Petitionen an Ministerien und Behörden geschickt. Ende Oktober 2013 spitzte sich die Lage zu. Es kam zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Auf beiden Seiten wurden Verletzte und auch Tote gemeldet.

Die zuständige Polizeibehörde wollte sich zu dem Fall nicht äußern. Auch die Medien auf dem chinesischen Festland halten sich hinsichlich des Konfliktes bedeckt. Kritische Blogeinträge, die sich auf die Proteste bezogen, wurden nach und nach gelöscht.

Polizeieinsatz während der Proteste  © Radio Free Asia

Polizeieinsatz während der Proteste © Radio Free Asia

Stimmen aus dem Dorf

 

In einem Telefoninterview mit Radio Free Asia berichtete der Dorfbewohner Herr Zhang über die Lage im Dorf :

 

Reporter: Sind die Einwohner von Guangji in ihrem Dorf eingeschlossen?
Zhang: Ja. Es sind einige Tausend Menschen. Die Situation ist sehr schlecht. Sie fordern das Land mit Gewalt ein. Am besten ist es, wenn ihr kommt. Wir brauchen die Unterstützung der Medien.
Reporter: Sind Dorfbewohner gestern von der Polizei geschlagen worden?
Zhang: Ja. Viele Dorfbewohner wurden geschlagen.
Reporter: Waren die Auseinandersetzungen gestern ernst? Zhang: Ja. Schwerwiegende Dinge sind schon oft passiert. (Aber) es war noch nie so schlimm wie gestern. Zuvor sind schon Menschen gestorben. Die Regierung benutzt andere Maßnahmen, sie schlagen sie nicht zu Tode. Sie haben eine Falle gegraben. Zwei Schüler sind in der Falle gestorben. Das ist im Juni passiert.记者:广济村现在是不是被封村了? 张先生:封锁了,村民有几千人,情况很糟糕,暴力征地,最好是你们来,要媒体的帮助。记者:昨天有没有村民被警察打伤? 张先生:有,村民被打伤的多了。 记者:昨天发生的冲突是不是很严重? 张先生:严重,已经发生了很多次了,昨天的是其中的一次。曾经还有人死亡,政府用其他手段,不是他们打死的,他们挖了陷阱,陷死了两个学生,这是6月份的事情.

 

 

Ein Dorfbewohner berichtet im Fernsehinterview mit dem in New York ansässigen chinesischsprachigen Sender „New Tang Dynasty“ von seinen Beobachtungen. Er widerspricht Presseberichten aus der Volksrepublik die Dorfbewohner hätten Polizisten geschlagen und verletzt:

 

Das wurde im Internet veröffentlicht und dabei haben sie die Wahrheit schon ganz verdreht. Denk mal drüber nach, die kamen mit einem Einsatzkommando von mehreren Tausend. Die Dorfbewohner waren vollkommen unbewaffnet. Die hatten außerdem Pistolen. Wie können wir die dann schlagen? (…) Diejenigen von uns, die ein paar Autos umgeworfen haben, wurden festgenommen. Als sie uns geschlagen haben, haben die Dorfbewohner mit Ziegeln geworfen. Da waren so um die zehn Fahrzeuge. Die anderen sind alle weggefahren. Wir haben einen Videobeweis, dass insgesamt über 3000 Polizisten eines Sondereinsatzkommandos gekommen sind.网上公布的那个东西,它已经歪曲了事实。你想呀,他几千个防暴警察,手无寸铁的老百姓,他们还拿着枪,怎么可能把那些人打伤。(…)我们所砸的那些车,是抓捕我们,打我们的时候,村民用砖头扔的,有十个车左右,其他的车开走了,我们有视频为证,总共来的特警有三千多。

 

 

In der Vergangenheit haben einige Dörfer mit Erfolg gegen Korruption und Enteignung demonstriert. Doch ob das diesmal wieder der Fall sein wird, ist fraglich. Dafür scheint eine solche Touristenattraktion für die Provinz zu lukrativ zu sein und der geschaffene Wohnraum und die Infrastruktur zu wichtig für reichere Anwohner. Die Provinzregierung scheint die Modernisierung des Gebietes mit aller Macht durchsetzen zu wollen.

 

Zum Weiterlesen

 

Celia Hatton: „Chinese villagers protest against land deal in Yunnan“, BBC, 25.10. 2013.

 

John Sudworth: “China’s Shangpu village fights back over land grab”, BBC, 05.03.2013.

 

Oliver Poettgen: “Chinesische Dorfbewohner rebellieren erfolgreich gegen Korruption in Wukan“, Stimmen aus China, 04.01.2012.

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Ein Kommentar zu Enteignung für eine Touristenattraktion – Ein chinesisches Dorf protestiert

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