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Wo die Flasche leer ist: David Beckham als Fußball-Botschafter Chinas

Feuer und Flamme für die Chinese Super League: David Beckham, Fotos © Wikimedia Commons, Fotomontage © Oliver Pöttgen

Feuer und Flamme für die Chinese Super League: David Beckham, Fotos © Wikimedia Commons, Fotomontage © Oliver Pöttgen

Er kam, sah und kickte: Mit viel Trara und nackter Haut zog Fußballgott David Beckham Ende März 2013 durch China. Im Internet diskutieren nun Fans, ob das neue Aushängeschild des chinesischen Fußballs auch dessen Heilsbringer ist.

Showtime für David Beckham

 

Vom 20. bis 24. März 2013 besuchte Englands Weltfußballer David Beckham (38) China. Als neuer Botschafter der Chinese Super League (CSL)* und des chinesischen Jugendfußballs hielt er in Peking, Qingdao und Wuhan viel umjubelt Hof. Für Hysterie  sorgten nicht nur die Kicks mit Jugendlichen und Profifußballern, sondern auch sein Striptease an der Peking Universität.

 

Dort lüftete der ehemals „sexiest man alive“ sein Hemd und zeigte stolz einen tätowierten Schriftzug in chinesischer Sprache. Dies bot eine Steilvorlage für Chinas Internetnutzer: Sie retuschierten das Foto, änderten die Schriftzeichen und bepinselten Beckhams Oberkörper. Für Lacher sorgte auch sein Ausrutscher auf einem Fußballplatz in Wuhan. User „2301515“ sieht darin ein Omen:

 

Kaum ist Beckham in China, schon rutscht er bei einem Schuss aus, Zufall?贝克汉姆一到中国踢球就摔跤,是不是偶然?

 

Chinas Fußball im Abseits

 

Unter den chinesischen Fußballfans dürften nicht wenige diese Frage verneinen. Für ihren am Boden liegenden Sport sehen sie in der Verpflichtung David Beckhams kaum Nutzen. Wie viele andere User macht sich auch „yiwanzhicaonimabenteng’erguo“ keine Illusionen:

 

Hört mir auf mit Beckham. Selbst wenn man – von der Putzfrau bis zum Trainer – alle Mannschaften sämtlicher Top-Ligen Europas einpacken und nach China schicken würde, könnte das Chinas Fußball nicht verändern.别说贝克汉姆,把整个西甲所有球队从清洁工到主教练一起打包搬中国来都改变不了中国足球

 

Diese Resignation rührt aus der 20-jährigen Skandalgeschichte des chinesischen Profifußballs. Sie ist durchtränkt von Spielmanipulationen und Bestechung, es gab sogar Morde an Schiedsrichtern, Spielern und Reportern. Die Wettmafia war oft am Ball. Als Co-Autor des 2009 erschienenen Enthüllungsbuchs „Hinter den Kulissen Chinas Fußballs“ wurde auch Star-Blogger und Ex-Fußballjournalist Li Chengpeng bedroht. Das Krankheitsbild des chinesischen Fußballs beschreibt er so:

 

Bei Europas Fußball ist es wie bei einem normalen Menschen, dem ein Tumor gewachsen ist. Bei Chinas Fußball aber, da wächst einem Tumor ein Mensch.欧洲足坛是一个正常的人长了一个肿瘤,而中国足坛是一个肿瘤上长着一个人。

 

iqianjiang“ stellt eine ähnliche Diagnose:

 

Die Wurzel ist verrottet, da ist nichts mehr zu retten!根上烂了,没救了!

 

Im Aus: Balljunge und chinesischer Fußball,
Foto © Wikimedia Commons

Traumatisiert hat die Fanseele zudem, dass der (Männer)Fußball international nicht konkurrenzfähig ist. Bei Weltmeisterschaften war die chinesische Nationalmannschaft oft nur Zaungast. Auch für die WM 2014 in Brasilien hat sie sich nicht qualifiziert.

 

Fußballnation China?

 

Viele machen für diese Misere das kurzfristige Profitstreben der Vereine verantwortlich. Der Profifußball sei zu sehr Melkkuh, es fehle an weitsichtiger Planung und ehrlicher Begeisterung für den Sport. Andere fordern hingegen mehr Kommerzialisierung, das steigere die Transparenz. Der Staat entscheide im Sport zu viel. Darum sei auch die Nachwuchsarbeit mangelhaft. Es gebe zu wenig öffentliche Fußballplätze, kaum jemand spiele privat. Für „Soko“ ist Fußball in China ein Luxusgut.

 

International ist Fußball ein Massensport. In China ist er aber ein Elitensport, so wie Golf, sogar noch mehr als Golf.在国际上足球是大众运动,但在中国是高端运动,犹如高尔夫甚至高于高尔夫。

 

Dass der Fußball mehr in die Mitte der Gesellschaft müsse, findet auch „xiaosheng“.

 

Der Ausweg des chinesischen Fußballs liegt darin, ihn den Menschen zurückzugeben.让足球回归民间,才是中国足球的出路所在。

 

Wenn sie ihn denn wollen. Li Chenppeng hat nämlich eine andere Erklärung dafür, warum es zwischen König Fußball und den Chinesen bisher noch nicht so recht gefunkt hat.

 

Dieses auf dem Fairness-Prinzip aufbauende Spiel passt nicht zu uns. Es ist ein kollektives Projekt, man muss im Team mit anderen zusammenarbeiten. Nicht nur einer hat den Ball, sondern alle müssen sich aufeinander abstimmen. (…) Wann immer Chinesen bei diesem Spiel, das sowohl das Team als auch das Individuum braucht, dabei sind, klappt es nicht!我们不配玩这种以公平为原则的游戏。是集体项目,你必须人和人 的团队合作,不是一个人带球,要和大家配合好。(…) 中国人在但凡这种既要团队又 要个人的游戏里面,都是不行的!

 

Ein hartes Los für David Beckham.

 

 

 

___

 

* Seit 2004 heißt die oberste Spielklasse des chinesischen Fußballs Chinese Super League. Eine Profiliga ist sie seit 1994, gegründet wurde sie 1989. Derzeit zählt sie 16 Vereine.

 

 

Zum Weiterlesen

 

Fabian Lübke: „Olympia 2012 – China nach dem Goldrausch von London“, Stimmen aus China, 28.09.2012.

 

Why even David Beckham may struggle to revive Chinese football“, Guardian Online, 22.03.2013.

 

 

Kategorien: Gesellschaft, Kultur, Tags: , , , , , . Permalink.

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5 Kommentare zu Wo die Flasche leer ist: David Beckham als Fußball-Botschafter Chinas

  1. Pingback: Chinesische Meinungsvielfalt? Stimmen aus China! | Inter:Culture:Capital

  2. Der Hysterie während des neuerlichen China-Besuch Beckhams im Juni 2013 widmet stern.de eine Fotostrecke. http://www.stern.de/panorama/uni-besuch-in-china-beckham-loest-massenpanik-aus-2027618.html.

  3. Mit 1:5 verlor die chinesische Fußballnationalmannschaft (Herren) am 15.06. gegen die Auswahl Thailands. Die Wochenzeitung Southern Weekly | 南方周末 wollte daraufhin von ihren Online-Lesern wissen, wie sie diese historische Niederlage erklären. Über 44% (Stand: 21.06.) machten dafür das System des chinesischen Fußballbunds verantwortlich (und damit die Korruption innerhalb diesem). Viele Leser zeigten sich auch resigniert und wenig überrascht. Hier geht’s zur Umfrage: http://vote.infzm.com/vote/viewResult/395

  4. Während einer Pressekonferenz in Hangzhou auf die Niederlage des chinesischen Teams gegen Thailand angesprochen antwortete David Beckham: “Aus Niederlagen Gewinne zu ziehen, das ist eine wichtige Erfahrung. Bei vielen chinesischen Spielern habe ich das Potential und die Leidenschaft von Profifußballern gesehen.” (http://e.weibo.com/2009113272/zCuBEvSbD)

  5. Der chinesische Fußballbund hat aus der Niederlage zumindest die Erkenntnis gewonnen, den Vertrag mit Nationaltrainer José Antonio Camacho Alfaro besser aufzulösen. Der Spanier war seit August 2011 im Amt und bereits der sechste ausländische Chefcoach.

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