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Abnehmende Moral oder Erfüllung natürlicher Bedürfnisse? – „Temporäre Ehen“ unter Wanderarbeitern

Viele Wanderarbeiter, die weit entfernt von ihrer Familie in den Städten arbeiten, leiden an Einsamkeit. © Wikimedia Commons

Viele Wanderarbeiter, die weit entfernt von ihrer Familie in den Städten arbeiten, leiden an Einsamkeit. © Wikimedia Commons

Millionen von Wanderarbeitern müssen ihre Ehepartner auf dem Land zurücklassen – häufig jahrelang. Die Trennung resultiert oft in seelischer und körperlicher Vereinsamung. Eine Lösungsstrategie wurde kürzlich von Liu Li* im Rahmen einer Pressekonferenz zur Lage der Wanderarbeiter angesprochen und sorgt seitdem unter Netizens für Aufregung: Das Phänomen der so genannten „temporären Ehen“.

 

Laut Liu sind „temporäre Ehen“ unter Wanderarbeitern sehr weit verbreitet. Dabei suchen sich Wanderarbeiter in den Städten „Partner auf Zeit“, die die Lücke der Einsamkeit schließen sollen.

 

Temporäre Ehen zur Befriedigung emotionaler und körperlicher Bedürfnisse?

 

cyyjqyjy“ sieht es als ganz natürlich an, sich einen zweiten Partner in der Stadt zu suchen.

 

(Die Wanderarbeiter) haben ein Leben, das unter viel Druck steht und sie dazu zwingt, ihre Heimat zu verlassen (…). Sie werden zu einsamen „Fremden in der Fremde“, wo sie „Eselsarbeit“ leisten müssen. In ihrer freien Zeit suchen sie selbstverständlich nach seelischem Trost und nach Befriedigung ihrer körperlichen Bedürfnisse. Und wenn ein Mensch an ihrer Seite auftaucht (der diese Bedürfnisse befriedigen kann), dann sind solche außerehelichen Beziehungen doch fast nur natürlich (…).(…) 来自生活的压力,迫使农民朋友们背井离乡 (...),“独在异乡为异客”的孤独寂寞,(...),单调乏味,闲下来自然渴望得到心灵上的慰藉以及生理需求上的满足。此时,如果身边刚好出现那么一个人,“出轨”几乎是顺理成章的事情。(…)

 

Auch „hongfen sifang nüren fang“ hat Verständnis für die Lage der Wanderarbeiter und sorgt sich besonders um deren sexuelle Bedürfnisse.

 

(…) Nicht wenige Wanderarbeiter, die unter solch bedrückenden und deprimierenden Verhältnissen leben, gehen zu einer Prostituierten, um sich Erleichterung zu verschaffen. Dabei kann man sich leicht eine Geschlechtskrankheit holen und sich an Aids anstecken. Die Wanderarbeiter gehen allein in die Städte und manche verlassen ihre Heimat für Jahre (…), wodurch ihre sexuellen Bedürfnisse oft lange Zeit nicht gestillt werden. Häufig sind sie matt und niedergeschlagen (…), was wiederum Einfluss auf ihre Arbeitsgeschwindigkeit und -qualität haben kann. Ihre sexuellen Bedürfnisse sollten nicht ignoriert werden.(…) 面对压抑和苦闷,不少农民工都是通过买春、看情色等方式来进行释放。(...) 容易患上性病,加剧性病艾滋病的传染。这些民工都是单身来城里打工的,有的离家几千里,(...),所以他们忍受不了长期的性饥渴,常常萎靡不振,(...),也会影响到工期的速度和质量,他们的性需求不应该被忽视,(...)。

 

Zeichen einer abnehmenden Moral?

 

Bloggerin „Jany“ ist dagegen empört.

 

Als die Abgeordnete des Volkskongresses diese Rede gehalten hat, waren alle schockiert. Die heutige Zeit, die immer mehr von der Ansammlung von wirtschaftlichem Wachstum und unkontrollierter Anbetung des Geldes begleitet wird, ruft auch noch diese schwindende Moral hervor (…).当人大代表,说出这句话时,所有的人都震惊了,在伴随着经济集聚发展,拜金主义日益横行的今天,也伴随这道德的沦丧 (...)。

 

Auch „Zhu Shaoxuan“ ist nicht begeistert. Er erachtet die längerfristigen Folgen solcher „Arrangements“ für Familie und Gesellschaft für wichtiger als die kurzfristige Erfüllung körperlicher und emotionaler Bedürfnisse:

 

(…) Zwar können temporäre Ehen natürlich kurzfristig eine Lösung für körperliche und emotionale Bedürfnisse sein. Trotzdem sollte man sie nicht fördern. Erstens entsprechen temporäre Ehen nicht den Gesetzen unseres Landes. Das illegale Zusammenleben sollte gesetzlich bestraft werden (…). Zweitens, (…) selbst wenn der Ehemann sich wieder von seiner temporären Ehefrau trennt und zu seiner ursprünglichen Ehefrau zurückkehrt, kann diese Erfahrung zu einem immerwährenden Kummer führen, über den nicht gesprochen werden kann und der zu ewigen Gewissenskonflikten führt. Drittens könnte sich eine temporäre Ehe dazu entwickeln, dass sich die beiden Partner auf Zeit nicht mehr voneinander trennen wollen. Ein Sprichwort sagt: Mit der Zeit kommt die Liebe. Wenn man ständig Kontakt zueinander hat, in einem Haus zusammenlebt, sich ein Bett teilt, ist es schwer zu sagen, ob sich nicht doch echte Gefühle entwickeln. Und mit der Zeit könnten diese immer stärker werdenden Gefühle die ursprüngliche Ehe zerstören. Dies könnte zu einer Gefahr für die Stabilität unserer Gesellschaft werden (…).(…) 临时夫妻自然可以解决暂时的生理的需要和情感需要,但是无论如何也不是一件可以提倡的事情。首先,组成临时夫妻不符合我们国家现行的法律,非法同居就应该受到法律的处罚。(...) 其次,(...) 即使组成临时夫妻的男女之后能够轻松分手、各自回到自己的爱人身边,但那段过程、那段经历,永远也是难以启齿的疼,永远也会受到良心的谴责。第三,临时夫妻的组建,极有可能发展为彼此都再也难以舍弃对方的结局。常言道:日久生情。彼此朝夕相处、同在一个屋檐下生活、同床共枕,很难说不会滋生出 真正的情感。而随着时间的推移,这种与日俱增的情感就会成为摧毁原来家庭的原子弹,这也就给社会的稳定带来了极大的危害, (…).

 

Kankan zatang“ schließlich glaubt, dass man die Wanderarbeiter nicht zu schnell verurteilen sollte.

 

(…) Körper und Seele der einsamen Fremden, die weder Familie noch Freunde haben, (…), haben gewisse Bedürfnisse, was doch ganz menschlich ist (…). Wie kann man das denn verurteilen? Natürlich sollte man temporäre Ehen nicht unterstützen. Aber wenn sie viele Probleme lösen können, (…), warum sollte man da nicht ein Auge zudrücken?(…) 孤身在外,无家无友,(...),生理、心里都有渴望,这是人性,(...)!骂什么骂?!(...)当然也不是提倡这个东西,但如果这能解决很多的现实问题,(...),为什么就不能睁一只眼闭一只眼呢?(...)

 

 

 

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* Liu Li ist eine der wenigen Wanderarbeiterinnen unter den Abgeordneten des Nationalen Volkskongresses und wurde in China unter dem Spitznamen, „Fußwäscherin洗脚妹“ (xijiaomei) bekannt, da sie in einem Massagesalon als Fußmasseurin arbeitet.

 

 

Zum Weiterlesen

 

Ning Hui: „Lonely and far from home, China’s migrant workers turn to ‘temporary marriages’ to survive“, The Tea Leaf Nation, 26.03.2013.

 

Xinhua Nachrichtenagentur: „Temporary couples’ rise among migrant workers“, 11.03.2013.

 

Rede von Liu Li vom 10.03.2013 (Chinesisch).

 

 

 

 

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