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Sind Chinesen unzivilisiert? Chinas Star-Bloggerin Liu Yu zerlegt die sagenumwobene „Qualität” der Chinesen

Chinas Star-Bloggerin Liu Yu

In ihrem Essay „Was für eine ‚Qualität‘ eigentlich?” hinterfragt die Star-Bloggerin und Politikwissenschaftlerin Liu Yu die Annahmen kritisch, dass Chinesen notorisch ungebildet, ohne Manieren und unzivilisiert seien.
Dabei kehrt sie eine vermeintliche Prämisse Chinas gesellschaftspolitischer Entwicklung pointiert um.

Liu Yu – eine der wenigen Star-Bloggerinnen Chinas

 

Liu Yu, 36, ist Politikwissenschaftlerin, Autorin und eine der wenigen Frauen unter den bekanntesten Bloggern Chinas. Sie hat an der Columbia University promoviert, lehrte in Cambridge und ist nun Assistenzprofessorin am Politikwissenschaftlichen Institut der Qinghua-Universität in Peking. Neben ihrem Blog wurde sie in China besonders durch ihr Buch „Die Details der Demokratie” bekannt. Ihr Ende Oktober 2011 veröffentlichter Essay „Was für eine ‚Qualität‘ eigentlich?” ist ein gutes Beispiel für ihren Sprachwitz und ihre unkonventionellen Perspektiven und bietet darüber hinaus auch einen originellen Gegenstandpunkt zu jüngsten Positionen des bekanntesten chinesischen Bloggers Han Han (s. SAC-Übersetzungen der Blogtrilogie zu den Themen „Revolution” und „Demokratie”).

 

Lost in Translation – was ist „suzhi” im Deutschen?

 

Wie Liu Yu in ihrem Essay ausführt, fällt eine Übersetzung des Begriffs „suzhi” (素质) ins Englische sehr schwer. Im Deutschen lässt sich ebenso kein einzelner Begriff finden, der alle Facetten des Gemeinten widerspiegelt. Im folgenden Artikel wird „suzhi” mit dem in Anführungszeichen verwendeten Begriff „Qualität” übersetzt. Dieser ist als Platzhalter für verschiedene „Qualitäten” zu verstehen, die mit „suzhi” gemeint sein können und die sich darin gebündelt finden, wie bspw. Benehmen, Bildungsniveau oder Zivilisationsgrad.

 

„Was für eine ‚Qualität‘ eigentlich?” ein Essay von Liu Yu

 

Vielen ist wahrscheinlich bewusst, dass einige spezifisch chinesische Ausdrücke nur schwer ins Englische zu bringen sind, wie beispielsweise „tujishou” (突击手), „bu zheteng” (不折腾), „jingshen wenming” (精神文明), „banzi jianshe” (班子建设) … Wer „xuerande fengcai” (血染的风采)* übersetzen kann, der kriegt von mir sofort ein Fähnchen. Zu diesem Vokabular gehört auch „suzhi” (素质).

 

„The quality of Chinese people is low, so China should not…”? „Die ,Qualität‘ der Chinesen ist gering, deshalb sollte China nicht…” Dieser Satz ist so weit verbreitet, dass „Qualität” wie verloren dastünde, wenn dahinter „Chinesen” und „gering” fehlten. Aber wie lässt sich „suzhi” nun übersetzen? Eine Übersetzung mit „quality” erscheint am passendsten. Wenn man aber genau überlegt und den Satz mit „The quality of Chinese people is low, so China should not…” übersetzt, dann passt es offensichtlich nicht. Übersetzte man nämlich diesen englischen Satz ins Chinesische zurück, dann hieße es „Die Qualität der Chinesen ist gering, deshalb sollte China nicht…”. Das ist unverhohlener Rassismus und ganz sicher nicht im Sinne des Chinesen, der es sagt.

 

Es hat bestimmt viele Gründe, dass ein Wort schwierig in andere Sprachen zu übersetzen ist. Ein möglicher Grund: Das Phänomen, auf das das Wort verweist, ist selbst nicht wirklich klar gefasst. Zum Beispiel „suzhi“, was heißt eigentlich „suzhi“? Intuitiv würde ich sagen: „Bildungsniveau”. Wie aber die aktuellste Volkszählung zeigt, beträgt Chinas Analphabetenrate gegenwärtig nur 4.08% und liegt damit weit unter dem weltweiten Durchschnitt. Eine andere Untersuchung von 2009 machte deutlich, dass 18,3% von Chinas 25- bis 30-Jährigen einen höheren als den College-Abschluss erworben haben, das ist mehr als in vielen demokratischen Ländern, wie Tschechien (15,5%), der Türkei (13,6%) oder Brasilien (10%). Man sieht also, dass das Bildungsniveau der Chinesen überhaupt nicht als niedrig gelten kann.

 

Teamgeist vs. Atomisierung: Chinesen als „Schale losen Sands”?

 

Wenn „Qualität” nicht auf das Bildungsniveau verweist, auf was dann? Vielleicht auf den Teamgeist. Es heißt, Chinesen seien wie „eine Schale losen Sands”, was als Beweis für die geringe „Qualität” der Chinesen angesehen wird. In der Sozialwissenschaft gibt es den Begriff „Soziales Kapital”, womit die Viskosität und die Dichte des menschlichen Umgangs miteinander gemeint sind. Wie einige Forscher bewiesen haben, hat soziales Kapital für das Funktionieren einer Demokratie eine ähnliche Bedeutung wie Motoröl für ein Automobil.

 

Ganz zu schweigen davon, dass später viele Forscher die politischen Folgen „Sozialen Kapitals” anzweifelten, selbst wenn es noch so nützlich und gut ist. Auch machten nicht wenige Forscher darauf aufmerksam, dass die Formel „eine Schale losen Sands” in Wahrheit überhaupt nicht der chinesischen Tradition gerecht werde. Die traditionelle Dorfgesellschaft verfügte über ein enges Netzwerk des sozialen Austausches und verwaltete sich selbst. Musste im Dorf eine Straße gebaut oder ein Kanal gegraben werden, dann beratschlagten oft alle Familien, wie Geld zusammenzubringen war. Kam es zwischen Hinz und Kunz zu Streitigkeiten, dann schlichteten die Clan-Ältesten und Großgrundbesitzer gemäß den Regeln des Dorfes… In New Yorks Chinatown sah ich, wie eine bereits vor mehr als hundert Jahren die Heimat verlassen habende chinesische Gemeinschaft sich bei jedem rauschenden Fest zu Löwentanz und Trommelspiel versammelte. Daher lässt sich nur schwer sagen, dass es in den Genen der Chinesen an Zusammenhalt fehle.

 

Stattdessen wurde mit dem Aufkommen des „allmächtigen Staates” der „feudalistische Abfall” wie Clans, Vereinigungen und Tempelmärkte unter Zwang abgeschafft, die Gesellschaft atomisierte sich zusehends und das Politische wurde zum einzigen Bindemittel. Bis heute kontrolliert das starke politische System die Bildung sozialen Kapitals. „Sandkörner” wollen sich zusammenschließen und eine Bauerngewerkschaft organisieren? Zu heikel! Eine Arbeitergewerkschaft? Hat doch die Regierung bereits organisiert! Eine Nichtregierungsorganisation? Geht schon, aber erst müssen 48 Anträge genehmigt werden… Die Atomisierung der chinesischen Gesellschaft ist somit nicht die Ursache für Macht, sondern dessen Ergebnis. Wenn ich einerseits deine Beine fessele, andererseits aber sage: Schau, dass du jetzt gar nicht losrennen kannst, beweist, dass dir die Fähigkeit zum Rennen fehlt, oder nein, dass dir die „Qualität” dazu fehlt. Dies kann schon nicht mehr als eine „sich selbsterfüllende Prophezeiung” gelten, dies ist ein „sich selbstbestätigender Befehl”.

 

Jackie Chan: „Chinesen brauchen Kontrolle”

 

Und wenn „Qualität” das Regelbewusstsein meint? Chinesen stehen nicht gerne an und laufen bei Rot über die Ampel… Diese Phänomene bewiesen, dass es den Chinesen an „Qualität” mangele, daher müsse Chinas Volk von einer Elite kontrolliert werden. Dies meinte in etwa Jackie Chan mit seinem „Chinesen brauchen Kontrolle”. Diese schlechten Angewohnheiten kenne ich selbst nur allzu gut, besonders was das Anstehen betrifft. Manchmal wünschte ich mir einfach, man würde vor jedem Tresen eines Marktes einen Verkehrspolizisten postieren.

 

Ich war aber auch schon in Hongkong und Taiwan. Dort habe ich genauso eng beieinander lebende Städter gesehen, die wie selbstverständlich anstanden. Dass auch sie Chinesen sind, macht deutlich: Es kommt nicht sofort zu einer Abstoßungsreaktion, wenn Regelbewusstsein auf Chinesen trifft. Wichtiger aber noch ist: Selbst wenn das Regelbewusstsein des chinesischen Volkes nicht ausreicht, so lässt sich wirklich nicht erkennen, wie sich daraus die Überlegenheit eines totalitären Systems ableiten ließe. Dessen implizite Prämisse ist: „Ein Volk mit ,geringer Qualität‘ muss von Beamten mit ,hoher Qualität’ erzogen und kontrolliert werden.” Schaut man sich aber diese Beamten mal an, dann kriegt man es mit der Angst zu tun. Schlagen wir heute eine Zeitung auf, dann sehen wir einen Offiziellen wegen Veruntreuung einiger Millionen ins Gefängnis wandern; schlagen wir morgen eine Zeitung auf, dann sehen wir einen anderen Offiziellen wegen Veruntreuung einiger zehn Millionen ins Gefängnis wandern. Gehen wie heute auf eine Internetseite, dann lesen wir, wie sich jemand wegen der gewaltsamen Häuserabrisse durch die Regierung zum Petitionieren gezwungen sieht; gehen wir morgen wieder auf eine Internetseite, dann lesen wir, wie dieses Abreißen jemand anders dazu gebracht hat, sich selbst anzuzünden.

 

Natürlich sind solche Beamte vielleicht nicht repräsentativ, aber es ist eine Tatsache, dass Geschichten dieser Art ständig passieren. Dies gerade ermahnt uns, wie es zu erklären ist, dass es dem Volk an Regelbewusstsein mangelt: Wenn „die da oben” ständig bei Projektausschreibungen interne Absprachen treffen, sich bei Grundstücksstreitigkeiten nicht ans Gesetz halten oder trotz wiederholtem Verbots öffentliche Gelder bei Gelagen verprassen, wie kann man denn da hoffen, dass „die da unten” untertänigst die Regeln achten? Wie bringt jemand, der überall seinen Stuhlgang verrichtet, jemand anderem bei, dass er nicht überall hinspucken darf?

 

Andersrum wird ein Schuh draus!

 

Also selbst wenn die „Qualität” der Chinesen nicht so gut ist, so liegt das – obwohl es diesem auch schadet – vielmehr am System. Natürlich glaube ich nicht, dass Systemreformen über Nacht eine Kultur verändern können, aber sie können zumindest einen Raum öffentlichen Lebens schaffen. Und ähnlich wie zuerst Fußfesseln gelöst werden müssen, bevor man zu rennen lernt, so bedarf es für die Ausbildung bürgerlicher Fähigkeiten zuerst eines öffentlichen Raumes. Diejenigen, die sagen „Die ‚Qualität‘ der Chinesen ist gering, daher sollte China nicht…” können vielleicht darüber nachdenken, den Satz so zu verändern: „Die ‚Qualität‘ der Chinesen ist gering, daher sollte China umso mehr…”.

 

_____

* Hier die Übersetzungs- bzw. Erklärungsversuche des Vokabulars aus dem ersten Abschnitt (der Übersetzer dankt Zhang Tao aus Tübingen ganz herzlich für ihre Hilfe):

– 突击手 (tujishou): Soldat eines Stoßtrupps; hier wahrscheinlich in der weiteren Bedeutung „Stoßarbeiter” zu verstehen, eine Person, die in ihrer (meist politischen) Arbeit sehr gut und fleißig ist

– 不折腾 (bu zheteng): sich nicht immer wieder mit etwas Sinnlosem beschäftigen

– 精神文明 (jingshen wenming): „geistige Zivilisation”; bezeichnet alle Errungenschaften geistiger Arbeit (Philosophie, Kunst, Kultur usw.)

– 班子建设 (banzi jianshe): „Aufstellung der Führungsgruppe”; verwendet für die Führungsebene von Partei- und Regierungseinrichtungen

– 血染的风采 (xuerande fengcai): „mit Blut befleckte Anmut”; Titel eines Liedes aus den 1980er Jahren, mit dem ursprünglich Chinas Gefallenen im Chinesisch-Vietnamesischen Krieg von 1979 gedacht wurde; später auch (besonders in Hongkong) zum Gedenken an die Opfer der Niederschlagung der Pekinger Proteste von 1989 verwendet

 

 

Zum Weiterlesen:

Jackie Chan: Chinese People Need To Be Controlled“, Huffington Post, 18.04.2009 (englisch)

“uncivilized? Chinese City Introduces Shame List”, China realtime online,  24.03.2011 (englisch)

Youtube Video Liu Yus zum Thema „Arabischer Frühling”, September 2011 (Chinesisch ohne Untertitel)

 

Bild: By 用心阁 (Own work) [CC-BY-SA-3.0 or GFDL], via Wikimedia Commons

 

Kategorien: Gesellschaft. Permalink.

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3 Responses to Sind Chinesen unzivilisiert? Chinas Star-Bloggerin Liu Yu zerlegt die sagenumwobene „Qualität” der Chinesen

  1. avatar Sven Haenke sagt:

    Interessant. Über die Übersetzungsschwierigkeiten des Wortes 素质 gab es gerade eine längere Diskussion auf Weibo. Jemand hatte folgende Möglichkeiten gepostet (evtl. aus einem Wörterbuch) 身体素质: körperliche Kondition, physische Veranlagung; 文化素质: kulturelle Bildung; 职业素质: berufliche Qualifikation,Professionalität; 业务素质: fachliches Können; 军事素质: militärische Leistungsfähigkeit. Die Frage “那怎么翻译“太没素质了/素质太低”?” habe ich mit “charakterlos(es A….) beantwortet. Etwas besseres ist mir nicht eingefallen.

    • Danke für die Ergänzungen! Sorry, dass ich erst jetzt darauf reagiere, mir war der Kommentar damals entgangen. Für “太没素质了/ 素质太低” bietet sich vielleicht noch “Prolet” an…

  2. In ein ähnliches Horn wie Liu Yu stoßend sagte der chinesische Menschenrechtsaktivist Chen Guangcheng während seines Taiwan-Besuchs am 24.06.2013 über die Demokratietauglichkeit von Chinesen: “Die Erfolge von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit auf Taiwan zeigen, dass Demokratie nicht nur ein “westliches” System ist. Dort wurde es nur zuerst verwirklicht. Gleichzeitig widerlegt der Erfolg dieses Systems auf Taiwan von Grund auf die Lüge, dass die universellen Werte demokratischer Systeme für Chinesen ungeeignet seien.” (http://www.voachinese.com/content/chen-guangcheng-taiwan-20130624/1687922.html)

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