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Impfstart in China – mit konventionellen Methoden gegen ein neuartiges Virus

Ein Impfpräparat des chinesischen Herstellers Sinovac.(c)  https://en.wikipedia.org/wiki/CoronaVac#/media/File:SINOVAC_COVID-19_vaccine.jpg

Ein Impfpräparat des chinesischen Herstellers Sinovac.(c) https://en.wikipedia.org/wiki/CoronaVac#/media/File:SINOVAC_COVID-19_vaccine.jpg

Das SARS-CoV-2 hält die gesamte Welt weiterhin in seinem Bann. Hoffnung bieten Impfstoffe. In China sind zwei Präparate aus eigener Produktion zugelassen, die bereits verimpft werden. Mit der Verfügbarkeit kommen bei den Netizens Fragen zur Sinnhaftigkeit, möglichen Gefahren und der Freiwilligkeit einer Impfung auf. SAC bietet einen Einblick in diese Diskussionen und stellt in einem Infokasten am Ende des Artikels Hintergrundinformationen über das chinesische Gesundheitswesen zur Verfügung.

 

In der Volksrepublik waren im vergangenen Jahr fünf vielversprechende Impfstoffe von den Firmen Sinopharm, SinovacAnhui Zhifei Longcom, sowie CanSino in der Entwicklung. Der Impfstoff der Firma Sinopharm erhielt zum 31. Dezember 2020 eine bedingte Marktzulassung附条件上市 in der Volksrepublik. Am 06. Februar 2021 folgte das Produkt der Firma Sinovac. Bereits zuvor wurden per Notfallverordnung ab Juli 2020 bis Jahresende etwa eine Million Chinesen mit den Wirkstoffen dieser beiden Firmen geimpft.

 

Im Gegensatz zu den Präparaten der Firmen Biontech/Pfizer und Moderna, die auf dem erstmalig zugelassenen Boten-RNA-Verfahren beruhen, handelt es sich beim ersten zugelassenen chinesischen Impfstoff von Sinopharm um einen konventionellen Impfstoff auf Basis von inaktivierten Erregern mit einer Wirksamkeit von etwa 79%, wobei die Wirksamkeit in verschiedenen Studien teils stark variierte. Das Sinovac-Präparat, das auf einer ähnlichen Technik beruht, zeigte in den Phase-3-Studien Wirksamkeiten zwischen 50 % und 90 %.

 

Impfglück und Impfdruck

 

Das  Für und Wider einer Impfung wird im chinesischen Netz engagiert diskutiert. Der Nutzer „iangong“  des Frage-Antwort-Portals Zhihu etwa ist skeptisch:

 

(…) Ich habe mich entschieden, mich nicht impfen zu lassen, wenn man nicht dazu gezwungen wird.想着有长生生物案例在先,我决定如果不是强制要求,我选择不打疫苗。

 

Diese Aussage wird auch vor dem Hintergrund verständlich, dass es in China in den letzten Monaten kaum Corona-Infizierte gab. Die Regierung begegnete jedem noch so kleinen Ausbruch mit strikten Maßnahmen wie der Abriegelung ganzer Millionenstädte, Massentests  und strengen Quarantäneregeln. Monatelang waren die neu gemeldeten Corona-Fälle fast ausschließlich auf aus dem Ausland eingereiste Chinesen  zurückzuführen. Daher war in China wieder ein weitgehend einschränkungsfreies Leben möglich, sodass der Anreiz sich impfen zu lassen nicht bei jedem ausgeprägt ist.

 

Netzbürger „Wie du willst“  antwortet iangong und verweist darauf, dass die Freiwilligkeit wohl auch vom eigenen Berufsstand abhängig sein könnte.

 

Unter den jetzigen Umständen (Anmerkung des Übersetzers) noch zwingen? Als normaler Bürger kann man sich ja jetzt nicht mal impfen lassen, wenn man es gerne möchte. Wenn man dich dann aber benachrichtigt, dass du dich impfen lassen kannst, ist es eine Art „halber Zwang“ für medizinisches Personal, in der Kühlkette von Lebensmitteln Beschäftigte oder für einen Wohnbezirk zuständige Kader der Kommunistischen Partei. Wenn man sich nicht impfen lassen möchte, kann man das ja machen, aber dann darf man sich nicht wundern, wenn man seinen Job verliert. 还强迫?目前普通人你想打也打不上捂脸捂脸 通知你打都是半强迫,医护人员,运输冷链行业从业者社区党员,不打不给上岗。你当然可以不打,还要不要工作了?

 

Eine Art „inoffizieller Zwang“ für gewisse Berufe, wie er von diesem Netizen beschrieben wird, lässt sich nicht belegen, ist aber auch nicht ausgeschlossen. Zhihu-Nutzer „Mitschüler Xiao Ding“ hingegen, der seinen Beruf mit „Öffentlicher Service公共服务“ beschreibt, scheint eine Wahl gehabt zu haben:

 

Unser Arbeitgeber hat eine kostenlose Impfung für uns organisiert. Damals habe ich mich aus einer Laune heraus und im Glauben an unser Land für die Impfung angemeldet, jetzt bin ein wenig unsicher geworden.我们单位组织的免费注射,当时脑袋一热本着相信国家的思想上报了同意注射,现在又有点犹疑 .

 

Prinzipiell ist man in China  Impfungen gegenüber aufgeschlossen. So sind etwa die Impfraten bei gängigen Krankheiten bei Einjährigen mit 98%-99% sogar höher als in Deutschland. Nach Daten der gemeinnützigen Forschungsorganisation „WellcomeTrust“  lag 2018 die Zustimmung für die Aussage, dass Impfungen bei Kindern wichtig sind, bei 90 % (Deutschland 89%) und die Zustimmung zu der Aussage, dass Impfungen sicher sind, bei 72% (69% in Deutschland).

 

In Bezug auf den Corona-Impfstoff sehen einige aber die kurze Entwicklungszeit oder die Tatsache, dass aufgrund mangelnder Fälle im Inland die Vakzine nur im Ausland erprobt wurden, kritisch. Letzteres war notwendig, da aufgrund der stabilen Corona-Lage nicht genügend Erkrankte in China für klinische Studien zur Verfügung standen. Daher wurden die Tests etwa in Indonesien, der Türkei oder in Brasilien durchgeführt.

 

Ein anderer Forist mit dem Namen „So ist es“, der sich selbst als „Freie Seele“自由的灵魂 bezeichnet, hat die Impfung bereits hinter sich und eine positivere Einstellung dem Impfprozess gegenüber.

 

Nach der Impfung bin ich eine halbe Stunde zur Beobachtung geblieben und es gab keinerlei negative Reaktion. Auch in Zukunft werde ich weiter begleitet. Ich werde hier weiter über meine Reaktionen berichten (wenn welche auftreten) . Bei uns im Wohnbezirk habe ich viele Straßenfeger und Fahrer gesehen, die sich alle haben impfen lassen. Ich möchte sagen, dass ich mein Land liebe! Vor allem mit Blick darauf, dass es im Ausland teils nicht einmal genügend Schutzmasken gibt und unsere Regierung uns gratis impfen lässt, verstehe ich nicht, dass es immer noch Leute gibt, die sich selbst als „Labormäuse “ betrachten… Wenn man sich dann ansteckt, ist es dann doch wieder der Staat, der einen retten soll.留观三十分钟无不良反应. 后续会持续跟进. 在社区看到很多环卫工人,司机都在接种,我只想说我爱祖国,外国连口罩都不够用的情况下,咱们国家还给免费打疫苗,为什么还有人说自己是小白鼠呢,感染新冠的话还不是要国家来救你

 

Der Impfablauf

 

Netzbürgerin „Regen am 12. März“  hat ihre Impfung schon hinter sich und berichtet bei Zhihu.com von ihren Erfahrungen.

 

Wenn ich auf den gestrigen Ablauf zurückblicke, muss ich sagen, dass ich es mir einfacher vorgestellt hatte. Zunächst musste man sich anmelden, da unser Arbeitgeber den Termin für alle gemeinsam vereinbart hat (…) Anschließend unterschreibt man die Einverständniserklärung und wird im Detail gefragt, ob man auch alles verstanden hat. Daraufhin werden dann Blutdruck und Körpertemperatur gemessen und der Inhalt der Erklärung (in der es nicht um Haftungsfragen, sondern nur um allgemeine Hintergründe zum Coronavirus geht, Anmerkung des Übersetzers) wird noch einmal verdeutlicht. Dann werden die persönlichen Informationen in den Computer eingetragen, hierfür benötigt man seinen Personalausweis. Anschließend trägt man seine Informationen noch einmal per Hand in eine Tabelle ein, der Inhalt der Erklärung wird ein weiteres Mal betont und es wird ein weiteres Mal unterschrieben, um seine Entscheidung zu bestätigen. Schließlich geht es in ein Arztzimmer zur Impfung. Es ist eine Impfung in den Muskel, die überhaupt nicht schmerzt und das, obwohl ich Angst vor Nadeln habe. Zum Schluss bleibt man noch eine halbe Stunde im Beobachtungsraum. Heute ist der zweite Tag und ich habe noch keinerlei (negative) Reaktionen. Meine Kolleginnen meinten, sie seien etwas schläfrig, eine hat Muskelkater-artige Schmerzen am Fußgelenk, auch gab es einige, bei denen die Einstichstelle am Arm ein wenig wehtat.回顾一下昨天接种的流程,比我想象中复杂。首先是去报到,因为之前我们单位有让我们统一报名,然后接种疫苗的单位给我们预约时间。然后就是签之情同意书,会仔细询问确认之情同意书上的内容。再然后就是测血压和体温,强调知情同意书上的内容。接着就是电脑录入信息(需要身份证)。然后手动填写信息及表格,再次确认之情同意书上的内容,再次签字确认。然后给我安排接种的诊室。然后去接种,是肌肉注射,一点也不疼,其实我是有点怕打针的。最后去观察室观察半小时。今天接种疫苗后的第二天,到目前为止没有任何反应。我的同事们说她们有的有点瞌睡,有一个脚踝有点酸痛,有的手臂接种的地方有的痛。

 

Auch nach sieben Tagen fällt ihr Fazit weiterhin überwiegend positiv aus. „Regen am 12. März“ selbst hat keinerlei Probleme. Von ihren Kolleginnen berichtet sie, dass bei einigen die Periode verzögert kam und leichte Erkältungssymptome auftraten, als schlimmstes Symptom nennt sie leichten Schwindel. Einen anderen Netzbürger mit dem Namen „Yiran“ hat es hingegen härter erwischt.

 

Ich hatte meine Impfung vor sechs Tagen. Am Anfang hatte ich Brust- und Halsschmerzen. Anschließend kam Husten dazu, der dann über drei Tage lang auch nachts anhielt. Fieber habe ich keines. Vor der Impfung war ich gesund und hatte keinerlei Probleme. Jetzt traue ich mich nicht, zur zweiten Impfung zu gehen.我接种新冠疫苗后已经六天了,先是胸痛 嗓子疼,然后咳嗽,连着三晚整夜咳嗽 ,无发热,接种之前我身体健康,无一切不适,第二针,我是不敢打了

 

Die anderen Netizens im Forum raten Yiran dringend zu einem Arztbesuch. Viele Andere, die ihre Erfahrungen mit der Impfung posten, haben hingegen kaum oder gar keine Symptome.

 

Wer darf zuerst?

 

Bis zum chinesischen Jahreswechsel am 12. Februar sollten insgesamt 50 Millionen Menschen geimpft werden. Bis zwei Tage vor diesem Datum wurden nach offiziellen Angaben bereits knapp über 40 Millionen Dosen verabreicht und das Ziel damit deutlich verfehlt. Nach einer Umfrage der IPSOS Group sind 80% der Menschen bereit sich impfen zu lassen. Dies sind auch mit Blick auf einen großen Impfstoffskandal von 2018, bei welchem Hunderttausende fehlerhafte Impfstoffe aus chinesischer Produktion ausgegeben wurden, sehr hohe Raten. Die Impfpriorisierung ist in dieser Phase der Pandemie allerdings eine gänzlich andere als etwa in Deutschland.

 

So sollen nur Menschen im Alter von 18 bis 59 Jahren geimpft werden, bei denen aufgrund ihrer Arbeit die Wahrscheinlichkeit, mit dem Virus in Kontakt zu kommen, erhöht ist. Hierzu zählen etwa Beschäftigte im Zoll, im Transportwesen oder im Tiefkühlbereich in der Lebensmittelindustrie. Letzteres ist der Fall, da man in China annimmt, dass Virusübertragungen durch tiefgekühltes Fleisch, unter anderem aus deutscher Produktion, erfolgt sind. Deutsche Behörden äußerten sich skeptisch gegenüber der Möglichkeit dieses Übertragungsweges, schlossen ihn aber auch nicht aus. Seit Kurzem zählen auch all jene, die vor dem chinesischen Neujahrsfest aus Berufs- oder Studiengründen ins Ausland reisen müssen, zur priorisierten Gruppe.

 

Auf der beliebten teil-staatlichen chinesischen Nachrichten-Plattform „Phoenix Television“  befürwortet der User „wusheng_42ca39e“ die Impfreihenfolge.

 

Die Otto-Normalverbraucher im chinesischen Inland haben keine Eile mit dem Impfstoff. Wir sollten jene, die im Seuchenschutz, beim Zoll oder im Krankenhaus arbeiten, bevorzugt impfen. Im Inland gibt es die Seuche kaum noch, da braucht man sich keine Gedanken zu machen. Man kontrolliert die Fälle, die von außen kommen und fängt jene Kranke in der Quarantäne ein. So muss das sein.国内的普通人不着急注射疫苗,防疫工作者海关医院应优先注射。国内己基夲无疫情期,不怕的。国家控制了外来感染,抓紧隔离内部突现的病人,真的是好事。

 

Eine der Maßnahmen, auf die der User anspielt, ist, dass jeder, der nach China einreist, sich nach der Einreise 14 Tage lang in eine Quarantäne in vorbestimmte Hotels/ Ankunftszentren am Ankunftsort begeben und sich über diese Zeit mehrfach testen lassen muss. Je nach Provinz sind anschließend weitere Maßnahmen notwendig.

 

Als offizielle Begründung, weswegen gerade jene Alters- und Berufsgruppen priorisiert werden sollten, verweist die Chinesische Medizinische Vereinigung中华医学会 darauf, dass man so hoffe, die angestrebte „Verhinderung der Einfuhr und des Rückfalls im Inland“外防输入、内防反弹 am ehesten zu erreichen.

 

Völlig besiegt ist das Coronavirus auch in China noch nicht. So gingen zuletzt die beiden Millionenstädten Shijiazhuang石家庄 und Xingtai邢台 in der Provinz Hebei aufgrund von 300 Neuinfektionen in den Lockdown.

 

Im Hinblick auf das Chinesische Neujahrfest am 12. Februar, zu welchem in normalen Jahren Chinesen zu Millionen durch das Land reisen, um das Fest mit ihrer Familie zu verbringen, mahnte man angesichts wieder gestiegener Zahlen zur Vorsicht. Nach ersten Berichten lässt sich feststellen, dass die Menschen teils ihre Reisetätigkeiten freiwillig  eingeschränkt haben, daneben aber auch Reisebeschränkungen seitens der Regierung Erfolg zeigten. Besonders Wanderarbeitern, die zu Millionen in Chinas Großstädten leben, wurde bereits im Vorfeld der Feiertage  ausdrücklich von einer Reise abgeraten.

 

Im Angesicht weiterhin niedriger Fallzahlen in der Volksrepublik wird es zukünftig darauf ankommen, die breite Bevölkerung von der Wichtigkeit der Impfungen zu überzeugen. Überwiegend positiven Erfahrungsberichten, die Ängste nehmen können, wird dabei eine wichtige Rolle zukommen.

 

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