Print Friendly, PDF & Email

Zeitreisen leicht gemacht – Nordkorea lockert Einreisebestimmungen für chinesische Touristen

Dandong Brücke

Alte Brücke über den Yalu-Fluss in der chinesischen Grenzstadt Dandong. © Satbir Singh, via Wikimedia Commons

Zwischen April und Juni 2014 erleichtern verschiedene Maßnahmen das Reisen nach Nordkorea, ausgehend von den chinesischen Grenzstädten Dandong und Tumen. Doch wie stehen chinesische Netizens dazu? Was sind die Beweggründe für einen Urlaub in Nordkorea und welche Eindrücke nehmen die Touristen aus dem nahen und doch so fernen Nachbarland mit?

 

Neue Reiserouten wurden bereits eingerichtet, die Einreise mit dem eigenen Fahrzeug soll gegenüber den bisher obligatorischen Reisegruppen stärker ausgebaut und bislang unzugängliche Gebiete für den Tourismus geöffnet werden. Bei Weibo ruft die Neuigkeit jedoch wenig Begeisterung hervor: Während einige User Interesse an einer Nordkoreareise äußern, überwiegen ablehnende oder gar zynische Kommentare. Netizens antworten auf einen Post der Weibo-News z.B. so:

 

Yizhifei”:

 

Mit dem Auto fährt man rein, zu Fuß kommt man wieder zurück…开车过去,走路回来。。。。

 

Lejitoute”:

 

Mit einer Reisegruppe traue ich mich schon nicht, eine Reise mit dem eigenen Fahrzeug grenzt doch an Selbstmord.和团我都不敢去,自驾游基本和自杀差不多。

 

Jian jian jianjian”:

 

Wenn man was Falsches sagt, wird man dann von „Dickerchen Kim dem Dritten“ standrechtlich erschossen?(…)错话会不会被金三胖枪毙了。

 

Feiwo Liangbo Moon”:

 

Entschuldigt meine Unwissenheit, aber ich frage mal ganz kleinlaut, was es eigentlich in Nordkorea Interessantes gibt? Soll man sich Kim Jong-uns Haarschnitt anschauen?恕我无知,弱弱的问一句,朝鲜有嘛好游的?去围观金正恩的发型咩?

 

Wang Xinyi_Qi kuo yanxia“:

 

Lasst uns hingehen und das glücklichste Land der Welt erleben.去感受一下 全世界最幸福国家。

 

Vereinzelt werden die User jedoch zur Raison gerufen, etwa von Netizen „MoumouH_XMoumou“, die bezüglich der Kommentare auf die Meldung der Volkszeitung Renmin Ribao meint, dass gerade Chinesen es besser wissen sollten.

 

Wenn ich mir die Kommentare ansehe, bleibt mir echt die Spucke weg. Was haben sich nicht früher die Leute aus den entwickelten Ländern über China das Maul zerrissen. Vielleicht reden (die Kommentatoren) in Wirklichkeit ja noch viel krasser als in diesen Kommentaren voller Verhöhnung.看评论,感觉不是滋味。看到了中国以前,是怎么被发达国家的人民评头品足的。或许说的比看的的这些评论更过分,更充满嘲笑的味道。

 

Warum besuchen Chinesen trotzdem Nordkorea?

 

Im China der Reform und Öffnung ist es oft schwer vorstellbar, wie es dort noch vor wenigen Jahrzehnten ausgesehen hat. Jüngere Reisende zieht somit zumeist die Neugier nach den Lebensumständen ihrer Eltern in die „Demokratische Volksrepublik“. Blogger „Li Zheyu CATPart“ erklärt:

 

(…) Meine Kommilitonen konnten auch nicht verstehen, warum ich die Schönheiten Chinas links liegen lasse und in ein „China vor dreißig Jahren“ will. Richtig, eben genau, weil es (Nordkorea) wie das China vor dreißig Jahren ist und ich als Kind der 90er ohne viel Geld auszugeben in die 70er reisen und jene Abschottung, Rückständigkeit und die soziale Atmosphäre eines Personenkults erfahren kann. (…)(…)同学也很不解,放着祖国大好河山不去,干嘛去一个“三十年前的中国”。对,就是因为他像三十年前的中国,不用花多少钱就能让一个90后穿越到70年代去体验那种禁闭,落后,个人崇拜的社会氛围。(…)

 

Für ihn und andere spielt allerdings auch der finanzielle Aspekt eine nicht unbedeutende Rolle.

 

Du willst wissen, ob sich die 2.000/3.000 Yuan für die Reisegruppe lohnen? Die Antwort ist: Ja, sehr sogar. An wie viele Orte kommt man mit 3.000 Yuan* innerhalb Chinas (…)? Und kann man eine günstigere Auslandsreise finden? Außerdem ist es auch noch ein geheimnisvoller Ort.你要问我这两三千团费值不值?(…) 答:值,很值。三千块在国内玩些什么地方(…)。请问你还能找到更便宜的出境游吗?而且又是一个如此神秘的地方。

 

Welche Eindrücke nehmen die Touristen mit?

 

Chinesen, die Nordkorea besucht haben, zeigen sich häufig schockiert über die dortigen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Verhältnisse. Für Bürger der Volksrepublik ist dieser Zustand gleichzeitig eine Mahnung daran, wie China heute ohne Reform- und Öffnungspolitik aussehen könnte. Unter der Überschrift „back to the free world“ beschreibt etwa Flickr-Userin „ShanLu“ ihre Impressionen.

 

Dieses Land ist wirklich schwierig in Worte zu fassen. Vom Zug aus habe ich die nahen Felder und politischen Slogans und die ferne Skyline von Dandong gesehen. Ich weiß, dass ich zurückgekehrt bin, zurück in ein Land mit Handys, Internet und Menschlichkeit. Es hat sich angefühlt, als ob der Zug durch einen Zeittunnel gefahren wäre und ich einen Blick auf das China vor 30 Jahren erhaschen konnte. Wer es nicht mit eigenen Augen gesehen hat, wird es nie verstehen. Bilder können das niemals ausdrücken, erst recht nicht, weil viele meiner guten Bilder von den psychopatischen nordkoreanischen Zollbeamten und Reiseleitern gelöscht worden sind. Bilder kann man auslöschen, Erinnerungen nicht (…). Was ich vor allem sagen will ist: Danke, Deng Xiaoping.这真的是一个让人一言难尽的国家。坐在火车上,看到近处的农田和标语,远处丹东的天际线。我知道我回来了,回到一个有手机,有网络,有人情味的祖国。这列火车如同行驶在时空隧道,一瞬间看到了30年间的中国。不体验永远无法理解。照片也无法表达,更何况很多喜欢的照片都被变态朝鲜海关和导游删除了。照片可以删,但记忆删不掉 (…)。最想说的一句话:谢谢邓小平。

 

Augenscheinlich ist eine Reise nach Nordkorea für Chinesen eine exotische Wahl. Eine Förderung von offizieller Seite wird das wohl vorerst nicht ändern. Klar scheint jedoch, dass diejenigen, die sich dorthin wagen, aufgrund der eigenen Vergangenheit einen ganz speziellen Blick auf ihr Reiseziel haben.

 

 

 

___

 

* Derzeit ca. 350 Euro.

 

 

 

Zum Weiterlesen

 

Tobias Adam: „Reine Provokation oder reelle Gefahr? Chinesische Blogger über nordkoreanische Drohgebärden“, Stimmen aus China, 16.04.2013.

 

Melanie Adamietz: „Menschenrechtslage in Nordkorea – Einmischen oder gewähren lassen?“, Stimmen aus China, 26.03.2014.

 

Florian Jung: „China zu Nordkorea unter Kim Jong-un: Wohin steuert Nordkorea nach Kim Jong-il?“, Stimmen aus China, 28.12.2011.

 

Christoph Moeskes: „Nordkorea: Einblicke in ein rätselhaftes Land“, Ch. Links Verlag 2013.

 

Barbara Demick: „Nothing to envy. Real Lives in North Korea“, Granta Books 2010.

 

Simon Gisler: „Tumen – Ein Fluss, zwei Welten“, China Radio International, 22.07.2009. m

 

Reisen nach Nordkorea wird einfacher“, German.people.cn, 06.05.2014.

 

Nina Trentmann: „Ein Blick nach Nordkorea – in das ‚Reich des Bösen‘“, Die Welt, 04.11.2013.

 

Kategorien: Kultur, Tags: , , , , , , . Permalink.

Ist Ihnen dieser Beitrag eine Spende wert?
Dann nutzen Sie die Online-Spende bei der Bank für Sozialwirtschaft oder über PayPal.
Sicher online spenden über das Spendenportal der Bank für Sozialwirtschaft(nur Überweisung über 1 Euro.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.