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Kehrseite des Wirtschaftswachstums: Rasanter Anstieg von Krebserkrankungen

Verschmutzter Fluss in China - Potenzielle Quelle für Zunahme von Krebserkrankungen © Ella Daschkey

Verschmutzter Fluss in China - Potenzielle Quelle für Zunahme von Krebserkrankungen © Ella Daschkey

Der im Januar 2013 veröffentlichte Krebsbericht der chinesischen Regierung macht deutlich, dass Krebs ein ernst zu nehmendes, nationales Problem ist, denn die Zahl der Diagnosen steigt. Auslöser soll in vielen Fällen rücksichtsloses Wirtschaftswachstum sein. Der Pessimismus steigt unter den chinesischen Netizens.

 

Aus dem im Januar 2013 veröffentlichten Krebsbericht der chinesischen Regierung geht hervor, dass täglich 8.550 Menschen in China an Krebs erkranken. Statistisch gesehen sind das sechs Menschen pro Minute. In der Gesamtstatistik liegt die Volksrepublik hinter den meisten Industrieländern zurück. Allerdings steigen die Zahlen immer weiter an. Was zum Beispiel Leber- und Magenkrebs angeht, ist China bereits jetzt eines der Länder mit den meisten Erkrankungen im internationalen Vergleich.

 

Neben der alternden Bevölkerung und ungesundem Lebenswandel macht der Bericht vor allem Umweltverschmutzung für Krebserkrankungen verantwortlich. Viele Blogger teilen diese Ansichten. Netizen „Tu Lu 8“ geht sogar noch einen Schritt weiter und gibt dem rasanten Wirtschaftswachstum die Schuld.

 

China hat sich in ein regelrechtes „Krebsland“ verwandelt. Jede Minute wird bei sechs Menschen Krebs diagnostiziert. Das ist eine beängstigende Zahl. Das ist nun das einzige Ergebnis von 30 Jahren Reform und Öffnung, das der normale Bürger zu spüren bekommt. Manche sind zufrieden und denken, dass alles ihr Verdienst sei. Andere kämpfen mit dem Tod und wissen nicht, wer der wirkliche Mörder ist. (…)中国是个癌变化的国家,每分钟确诊6人得癌症,这是个可怕的数字,也许这就是中国老百姓唯一能享受到30年改革 开放的成果。有些人沾沾自喜,眼前的一切都是他们成就出来的;有些人挣扎在死亡边沿,他们并不知道谁是真正的凶手,也许有部分人知道 (…)。

 

Chinas Wirtschaftswachstum wird nicht nur als Erfolg gesehen

 

Offiziell registrierte Krebsdörfer in China © Screenshot Lisa Krauss

Besonders dramatisch zeigen sich die negativen Auswirkungen des Wirtschaftswachstums in ca. 400 so genannten Krebsdörfern. Seit der Reporter Deng Fei 2009 eine inzwischen aktualisierte Karte von industrienahen Dörfern erstellte, in denen die Krebsrate unverhältnismäßig hoch ist, wurden immer wieder besorgte Stimmen laut. Trotz gesellschaftlichen Unmutes scheint die Regierung erst seit Beginn des Jahres 2013 nicht mehr wegzusehen.

 

Unternehmer und Investor Xue Manzi berichtet von einem betroffenen Dorf in der Provinz Hebei:

 

Der Umweltressortleiter wurde nach Protesten im Internet endlich entlassen. Laut Testergebnissen war die Verschmutzung (von Wasser) um ein Siebzigfaches höher als es der Grenzwert vorsieht. Die Chemiefabrik verpestete die Umwelt 23 Jahre lang. In dem Dorf wurden 30 Krebsdiagnosen gestellt. 26 von den Betroffenen sind verstorben. Die Dorfbewohner haben wiederholt protestiert. In den Berichten der zentralen und lokalen Ministerien für Umweltschutz wird behauptet, dass die Wasserqualitätsprüfungen in Ordnung seien ! (…) 400 der 655 chinesischen Städte sind von der Grundwasserversorgung abhängig. Was können wir tun? Was wird aus unseren Kindern?“河北沧县红豆水污染案有感沧 县环保局长在网民一片骂声中下台了。化验结果是污染超标70倍!化工厂污染长达23年。村里有确诊的癌症30例其中26例死亡!村民反复申诉,从环保部到 省环保厅层层文案下转,验水结果居然是水质合格?! (…) 中国655城市400个靠地下水供水。我们怎么办?我们的孩子呢。

 

Im Januar 2013 gab das Umweltministerium das Dokument „Prävention und Kontrolle von Umweltrisiken durch Chemikalien im Zeitraum des zwölften Fünfjahresplans (2011-2015)“ heraus. Es bestätigt erstmals offiziell die Existenz dieser Dörfer.

 

(…) Giftige und schädliche Chemikalien verursachen direkte Umweltschäden*, wie z.B. Wasser- und Luftverschmutzung. (…) In vielen Regionen kommt es zu regelrechten Trinkwasserkrisen. In einigen Fällen führt das sogar zu schwerwiegenden gesundheitlichen und sozialen Problemen wie z.B. den „Krebsdörfern“.(…) 有毒有害化学物质造成多起急性 水、气突发环境事件,多个地方出现饮用水危机,个别地区甚至 出现“癌症村”等严重的健康和社会问题.

 

Mit adäquaten Regelungen, großer Strenge im Gesetzesvollzug und Aufklärung, so sagt es der Bericht, wolle die Regierung zukünftig Verseuchungen durch giftige Chemikalien verhindern.

 

Aussichten weiterhin besorgniserregend

 

Der bekannte Firmengründer und Multimillionär Ma Yun äußerte sich im Februar 2013 pessimistisch zur Umweltsituation in China. Er prognostizierte in einer Rede:

 

(…) Ich bin davon überzeugt, dass in zehn Jahren jede Familie ein Mitglied mit Leber-, Lungen- oder Magenkrebs haben wird. Mögliche Ursache für Leberkrebs ist das Trinkwasser. Lungenkrebs kommt von der schlechten Luft, Magenkrebs von unserem Essen. (…) Was mich schlaflos macht, ist, dass man unser Wasser nicht trinken kann und unsere Nahrungsmittel nicht essen kann und auch unseren Kindern können wir keine Kuhmilch mehr geben. (…) Wir arbeiten und am Ende müssen wir unser hart verdientes Geld für Medikamente ausgeben.(…) 我们相信十年以后中国三大癌症将会困扰着每一个家庭,肝癌、肺癌、胃癌。肝癌,很多可能是因为水;肺癌是因为我们的空气;胃癌,是我们的食物,(… ) 让我睡不着觉的是我们的水不能喝了,我们的食品不能吃了,我们的孩子不能喝牛奶了,(…) 担心的是我们这么辛苦,最后我们所有挣的钱买的是医药费。

 

Es wird deutlich, dass die massiv gestiegene Zahl der Krebserkrankungen in China ein erhebliches soziales Konfliktpotenzial generiert. Es gibt immer mehr Krebsdörfer und die chinesische Regierung wird zukünftig besser auf die Einhaltung der festgelegten Standards achten müssen, wenn sie gesellschaftliche Ausschreitungen in hohem Maße vermeiden möchte.

 

 

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* Die wörtliche Übersetzung des chinesischen Originalzitats lautet: „Umweltangelegenheiten verursachen发环境事件“. Diese Formulierung stammt aus dem Sprachjargon der Kommunistischen Partei und wird im gewöhnlichen chinesischen Sprachgebrauch nicht verwendet. Solche verharmlosenden oder teils unverständlichen Ausdrücke werden von der Partei bewusst gewählt, um die Schwere von (in diesem Fall) Umweltproblemen zu bagatellisieren.

 

 

Zum Weiterlesen

 

Verena Menzel: „Wieder vergiftete Milch in China – Neuer Lebensmittelskandal empört Chinas Verbraucher“, Stimmen aus China, 29.02.2012.

 

Didi Kirsten Tatlow: „As Cancer Rates Rise in China, Trust Remains Low”, The New York Times, 17.04.2013.

 

Kategorien: Gesellschaft, Politik, Tags: , , , , , , . Permalink.

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