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Da werd‘ ich lieber Wanderarbeiter – Chinesische Blogger über die Arbeitsmarktsituation für Hochschulabsolventen

Chinesische Studentin - Wird sich das Lernen lohnen? © Ernie

Chinesische Studentin - Wird sich das Lernen lohnen? © Ernie

Das Leben chinesischer Kinder ist oft schon stressig, bevor sie richtig lesen können. Nach dem Schulabschluss geht es dann mit hohem finanziellen und persönlichen Aufwand zur Hochschule. Doch welche Berufschancen haben junge Akademiker nach dem hart erarbeiteten Studium?

 

Bildung wird in China als Chance angesehen

 

Ende 2011 gab es in China mehr als 29 Millionen Studenten. Gesellschaftlich wie familiär hat sich der Zugang zu einer Hochschule in den letzten Jahrzehnten von der traditionellen Eliteausbildung zu einem Muss entwickelt. Für die Ausbildung des einzigen Kindes wird alles gegeben. Problematisch ist, was danach kommt. Denn ist der Student nach den Strapazen seiner Ausbildungsodyssee endlich fertig, erwartet ihn oft vor allem eins: Arbeitslosigkeit oder Ausbeutung.

 

Der Stress der Ausbildung rentiert sich oft nicht

 

Nicht nur mangelt es an Arbeitsplätzen, es gibt in China vor allem zu wenig Stellen, die dem Ausbildungsniveau der Absolventen entsprechen. Außerdem ist die Ratio zwischen Arbeitsort und -art ausgesprochen unausgeglichen. Während auf dem Land und in den westlichen Regionen Arbeitskräftemangel herrscht, drängt es die meisten jungen Menschen in die Ballungszentren an der Ostküste. Zusätzlich ist das Gehalt von fast 70% der Berufseinsteiger niedriger als das von Wanderarbeitern.

 

Eine Diskussion über das Ungleichgewicht zwischen Druck und Entlohnung findet sich auch im chinesischen Internet. Bildung hat für Blogger Hua Tinghe  in China eindeutig an Wert verloren.

 

Ein Universitätsabschluss ist doch das Gleiche wie Arbeitslosigkeit. Seinen Traumjob zu bekommen ist noch schwerer als in den Himmel zu kommen (außer dein Vater ist Li Gang)*. Seit alten Zeiten gibt es den Glauben, wer Bücher habe, besäße ein Haus voller Gold und ein Angesicht wie Jade. Das funktioniert heute aber nicht mehr. Vergleicht man Studenten und Wanderarbeiter in Bezug auf ihre physische Kraft, Fertigkeit und Arbeitserfahrung, so schneiden Studenten viel schlechter ab.大学生毕业即等于失业。要找理想的工作无疑比登天还难(当然“我爸是李刚”的除外)。古来一直信奉“书中自有黄金屋,书中自有颜如玉”,如今却不灵了。论体力,大学生不如农民工;论经验,大学生不如农民工;论干活,大学生还是不如农民工。

 

Liegt der Fehler im Bildungssystem?

 

Blogger „Student der Tang-Dynastie-Stadt Qingdao“ kritisiert den Zuwachs der Studentenzahlen an den Universitäten.

 

In den letzten Jahren haben sich die Universitäten unermüdlich vergrößert und immer mehr Schülern die Möglichkeit gegeben, zu studieren. Die heutigen Uniabsolventen werden damit wertloser und die Berufsaussichten trüber. Die blinde Erweiterung der Unis hat zu einem Absinken der Bildungsqualität geführt, so dass überall Studenten anzutreffen sind, die nach ihrem Abschluss zu Hause auf eine Anstellung warten.近几年高校不断扩招,越来越多的学生有了上大学的机会(…)。现在的大学毕业生变得越来越不值钱了(…) 但与此同时,高校毕业生就业状况并不乐观:一些带有盲目性的扩招导致了学校教学质量下降,毕业后待业在家的大学生比比皆是。

 

Lehrer „Chen Zhenghuas Öllandschaften“ schreibt, dass sich viele Studenten keine Zeit mehr für den eigentlichen Inhalt ihres Studiums nehmen können. Alles werde auf die Anwendbarkeit auf dem Arbeitsmarkt rationalisiert.

 

Durch die hohe gesellschaftliche Anspannung wissen Studenten meist schon im zweiten Jahr, dass sie nach ihrem Abschluss gegebenenfalls arbeitslos sein werden. Somit müssen sie sich in diesem Lebensabschnitt jenseits der ständigen, dramatischen Sorgen ihrer Jugend auch noch so früh Gedanken über die Realität machen. Vor drei, vier Jahren fragte mich ein aus Hunan stammender Student im Unterricht, welchen Sinn das Lernen mache, wenn er später sowieso keinen Arbeitsplatz fände. Was überhaupt der Sinn darin sei, die Universität zu besuchen. Es ist doch so, dass in gewissen Medien zu lesen ist, dass hier bei uns in der armen Region des mittleren Westens für eine Familie der einzige Wunsch darin liegt, ihr Kind an die Uni zu schicken und dass Eltern und Kinder dafür große Mühen durchleben. Haben sie es dann mit viel Anstrengung vollbracht, an eine der berühmten Unis an der Ostküste zu kommen, kann ihnen unsere Gesellschaft noch nicht mal den Wunsch eines Arbeitsplatzes erfüllen.由于社会就业紧张的现状,我们的同学在大二就知道大学毕业就有可能失业,这个年龄段的他们,在承受充满诗意的青春烦恼之外,又平添早到的现实烦恼。四五年前的一个课间,一位湖南籍的同学一再问我,(…) 最后还找不到工作,读书有什么用?也就是上大学有什么用?确实,在一些媒体上,看到我们中西部贫困地区,把孩子上大学当成家庭唯一的希望,那种父母和孩子含辛茹苦的付出,通过努力考上沿海城市的名牌大学之后,我们的社会还不能给他们要求并不高的就业希望.

 

Dominiert Marktwirtschaft über Sozialismus?

 

Geradezu wie Sozialdarwinismus lässt der Kommentar von Blogger „Fünfter Stern“ anmuten, wenn er davon spricht, dass Studenten heute die Macht des Marktes erkennen müssen, um erfolgreich zu sein.

 

In diesem Zeitalter der schnellen wirtschaftlichen Entwicklung gilt das Gesetz des „Überleben des Tüchtigsten und der Aussonderung der Untüchtigen“. Das betrifft nicht nur Staaten, Gewerbe und Unternehmen, sondern im gesellschaftlichen Wettbewerb auch das Individuum. Heutige Hochschulabsolventen müssen dieses Wettbewerbsgesetz begreifen.在这经济高速发展的时代中,“适者生存,不适者淘汰”的法则不仅体现在国家与国家之间、行业与行业之间、企业与企业之间,在社会竞争中更体现在个体。当代大学毕业生必须明白“适者生存”的社会竞争法则 (…)。

 

Potential für gesellschaftliche Instabilität

 

Mit den Bestrebungen, Wirtschaftswachstum und Modernisierung beizubehalten, dürfen gerade junge, gebildete Chinesen nicht auf der Strecke bleiben. Potenzial zur Hinterfragung des Systems gibt es in der jungen Elite genug. Ob nun Reformen des Bildungssystems, Korruptionsbekämpfung auf dem Arbeitsmarkt oder eine Verbesserung der Arbeitsrechte von Berufseinsteigern, die chinesische Regierung wird sich in den nächsten Jahren unter Zugzwang sehen.

 

 

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* „Li Gang” bezieht sich auf einen Vorfall auf dem Gelände der Hebei Universität im Oktober 2010 als der 22-jährige Li Qiming betrunken zwei Studenten mit seinem Auto anfuhr und einen der beiden tödlich verletzte. Bei seiner Verhaftung schrie er den Sicherheitsbeamten wütend entgegen „Mein Vater ist Li Gang!” und bezog sich dabei auf die Position seines Vaters in der Lokalregierung. Nachdem die Regierung zunächst versuchte, Berichte über den Vorfall zu unterdrücken, breitete sich im Internet schnell Protest aus, was dazu führte, dass Li Qiming zu sechs Jahren Haft verurteilt wurde.

 

Zum Weiterlesen

 

BBC: “Young and umemployed“, BBC, 19.07.2011

 

Asia Media Journal: “GroupM Researches University Students In China“, Asia Media Journal, 20.12.2011

 

Sarah Butrymowicz: “In China, Private Colleges, Universities Multiply to Meet Higher-Education Demand“, The Washington Post, 12.02.2012

 

Crystal Chui: “China Job Market for Graduates Shows Stress on Slowdown“, Bloomberg Businessweek, 26.07.2012

 

Lilian Lin: “China’s Graduates Face Glut“, The Wall Street Journal, 22.08.2012

 

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