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“Unerwartetes Unrecht” für Tan Zuoren – Briefwechsel seiner Frau mit Ran Yunfei

tan zuoren

Tan Zuoren sitzt im Gefängnis in Isolationshaft. Zwar ist der Netzaktivist im Westen weniger Bekannt als etwa Liu Xiaobo, aber er und viele andere Dissidenten teilen das Schicksal des Nobelpreisträgers. Nach der Verhaftung Tans schrieb dessen Frau einen Brief and Freunde und Bekannte, darunter auch Ran Yunfei – der in diesem Jahr ebenfalls verhaftet wurde, allerdings seit dem 10. August 2011 wieder freigelassen wurde und nun in Sichuan unter Hausarrest steht. Ende 2010 hatte Ran den Brief noch auf seinem Blog veröffentlicht und kommentiert. Übersetzung und Hintergrundinformationen von Marie-Luise Abshagen

Lesen Sie zum Thema auch die Artikel Chinesische Dissidenten in unfreien Zeiten, Zwei Jahre nach dem Erdbeben: Korruption in Beichuan

 

Hintergründe

Das Jahr 2011 hat eine Welle von Verhaftungen von Regimekritikern gesehen, viele davon aus der Bloggerszene. Reporter ohne Grenzen gehen in ihrem Bericht vom März 2011 davon aus, dass momentan 77 Netizens in chinesischen Gefängnissen sitzen. Mittlerweile hat sich diese Zahl sicherlich noch erhöht. Während über das Schicksal bekannter Größen wie Ai Weiwei oder Liu Xiaobo weitestgehend in der deutschen Presse berichtet wird, ist wenig bekannt über die vielen anderen Blogger und Dissidenten, die für Meinungsfreiheit kämpfen und dafür ins Gefängnis wandern. Ein solcher Fall ist Tan Zuoren. Von Reportern ohne Grenzen wurde er 2011 für den Netizen Prize nominiert, welcher immer am Vorabend des “Welttags gegen Internetzensur” verliehen wird und besonderes Engagement für Meinungsfreiheit im Internet auszeichnet. Tan Zuoren hatte sich insbesondere nach dem Erdbeben 2008 in Sichuan dafür eingesetzt, die Not der Familien dort zu dokumentieren. Für den tödlichen Einsturz vieler Schulen machte er die schlechte Konstruktion vieler offizieller Gebäude verantwortlich und prägte dafür auch den Begriff “Tofu-Bauten” (豆腐渣工程), der in China längst zum geflügelten Wort avanciert ist. Tan Zuoren wurde im März 2009 verhaftet und 2010 zu fünf Jahren Haft verurteilt. Silvester 2010 postete der Autor und Bürgerrechtler Ran Yunfei einen öffentlichen Brief der Frau Tan Zuorens auf seinem Blog. Auch Ran Yunfei setzt sich für mehr Meinungsfreiheit ein, ist Unterzeichner der Charta 08 und kritisiert in seinem Blog die Regierung mit scharfen Worten. Ran Yunfei wurde im März 2011 verhaftet.

 

Ein öffentlicher Brief der Frau von Tan Zuoren an Freunde

Ich will nicht vergessen Euch allen herzlich dazu zu gratulieren, dass über Euch nicht unerwartetes und unrechtes Unglück gekommen ist, denn das ist in China wahrlich keine Selbstverständlichkeit. Vor einiger Zeit hat He Zuoxiu, ein Wissenschaftler der Kommunistischen Partei, dazu mal eine unumstößliche Wahrheit ausgesprochen: Warum soll es kein Glück sein, in China geboren zu werden?

Na klar,
Du denkst, die Katastrophen sein zu Ende;
Du denkst, Li Gang* sei die Grenze;
Du denkst, 70 Miles per Hour** sei die Grenze;
Du denkst, die Ungerechtigkeiten, die Xu Kun erfahren hat***, seien die Grenze;
Du denkst, du denkst die Selbstverbrennung von Wu Yongzhong**** sei die Grenze;
Du denkst, die fehlende Aufklärung des großen Brandes in Shanghai sei die Grenze;
Du denkst, die fehlende Aufklärung des Minenunglücks in Wangjia sei die Grenze;
Du denkst, die fehlende Aufklärung über den Tod von so vielen Schulkindern wegen schlecht konstruierter Gebäude sei die Grenze;
Du denkst, dass Zhao Lianhai dafür verhaftet wurde, dass er die Rechte von sich und seinem Kind verteidigte*****, sei die Grenze;
Du denkst, dass an Qian Yunhui****** abgeschlachtet wurde, sei die Grenze.
Falsch gedacht!

In China gibt es keine Grenzen für das Leiden und die Schmerzen, welche die allmächtige Gruppe******* den Menschen antun kann.

Euch allen also kurz vor dem neuen Jahr zu wünschen, dass Euch kein unerwartetes und unrechtes Unglück überkommt, ist ein schöner Wunsch. Denn dass einem unerwartet Unrecht geschieht, ist in China an der Tagesordnung. Sag niemals, Du seiest dir sicher, dass Dir dieses Unrecht nicht passieren könne. In anderen Ländern, insbesondere in Demokratien, kann man das sagen, weil dort die Wahrscheinlichkeit dafür sehr gering ist. Dass in China die Wahrscheinlichkeit für so etwas allerdings sehr hoch ist, kann sehr bestürzend sein.

 

Ran Yunfeis Kommentar

Ehrliche Menschen wie Tan Zouren sitzen für die Menschen in ihren Heimatstädten im Gefängnis. (Tatsächlich sitzt er für öffentliche Interessen im Gefängnis. Dafür, dass er den Einsturz von schlecht konstruierten Schulgebäuden, die den Tod von Schulkindern mit verursachten, erforschte. Er sitzt im Gefängnis, weil er gegen die Umweltverschmutzung der Chemieindustrie in Pengzhou gekämpft hat. Würden normale Leute aus seinem Heimatdorf dafür verhaftet werden? Und auch aus den Intellektuellenkreisen, bei denen ich in Chengdu nachgesehen habe, wäre keiner dabei.) Dass Tan Zuoren, für das, was er getan hat, eine Strafe erleidet, ist nicht nur unerwartetes und unrechtes Unglück, sondern genauso unverständlich wie viele andere Justizirrtümern in China (wie bei Zhao Lianhai z.B.).

Und weil so ein Skandal so oft in China passiert, kann doch keiner von sich selbst sagen, dass er in China dem plötzlichen Überfall eines solchen Unrechts wirklich entkommen kann. Als ich also denn Brief von Frau Wang gelesen habe, den sie in Vertretung von Zuoren an alle geschrieben und in welchem sie uns Glück wünschte, war ich wirklich tief berührt.

Außerdem möchte ich noch ein wenig über Tan Zuoren im Gefängnis berichten, was der Brief von Frau Wang ja nicht preisgegeben hat (oder was sie vielleicht vergessen hat zu schreiben). Ich selber halte mich für einen Menschen, der sehr viel liest. Wenn ich einmal einen Tag nicht lese, weiß ich nicht wohin mit mir und nichts kann mich wirklich zufrieden stellen. Ich habe einmal Frau Wang und auch andere Freunde, die Zuoren besucht hatten, gefragt, ob er im Gefängnis lesen dürfe. Die Antwort, die ich darauf bekam, war wirklich unfassbar. Man darf keine Bücher für Tan Zuoren ins Gefängnis mitnehmen, dass hat er selber zögerlich angedeutet. Ich frage mich, ob dahinter irgendein Machtspiel oder Hintergedanke steckt, dass man ihn nicht lesen lässt, dass man es ihm verwehrt, etwas gegen die Depressionen zu tun, die man im Gefängnis bekommt, und Kraft aus Wissen und Intelligenz zu ziehen. Aber es ist nicht nur, dass man ihm nicht erlaubt Bücher zu bekommen, sondern anderen Gefangen wird es auch untersagt mit Tan Zuoren zu sprechen oder ihn aus der Ferne zu grüßen. Diese Behandlung gleicht einem Baum, bei dem ich mit dem Spaten den lebenswichtigen Boden weggrabe, den ich nicht gieße, den ich die Sonne nicht sehen lasse, den ich keine Luft atmen lasse, den ich völlig seinem Schicksal überlasse. Zusätzlich dazu hat man die Familie in diesen Monaten nicht zu ihm gelassen und deren Briefe wie auch die seinen sind nicht angekommen. Tan Zuoren nicht lesen zu lassen, ihm keine Interaktion mit den anderen Gefangenen zu genehmigen und all die anderen schrecklichen Verfahren der Gefängnisleitung machen einen so wütend und sollten eigentlich zu heftigem Protest führen.

Obwohl unser Leben an vielen Stellen sehr unbefriedigend ist und trotz der extrem schlechten Bedingungen in China, wüsche ich Euch trotzdem allen ein frohes neues Jahr und dass Ihr unerwartetes und unrechtes Unglück in China umgehen könnt. Und ich wünsche unserem Land, dass es auf dem Pfand der Zivilisation voranschreiten möge. Am allermeisten wünsche ich Euch allen den Mut für Eure Rechte zu kämpfen. 31.12.2010 9.30 Uhr in Chengdu

 

* A.d.Ü. „Li Gang” bezieht sich auf eine Vorfall auf dem Gelände der Hebei Universität im Oktober 2010 als der 22-jährige Li Qiming betrunken zwei Studenten mit seinem Auto anfuhr und einen der beiden tödlich verletzte. Bei seiner Verhaftung schrie er den Sicherheitsbeamten wütend entgegen „Mein Vater ist Li Gang” und bezog sich dabei auch die Position seines Vaters in der Lokalregierung. Nachdem die Regierung zunächst versuchte Berichte über den Vorfall zu unterdrücken, breitete sich im Internet schnell Protest aus, was dazu führte, dass Li Qiming zu sechs Jahren Haft verurteilt wurde.

** A.d.Ü. „70 miles per hour” bezieht sich auf einen Vorfall in Hangzhou 2009, bei dem ein junger Mann mit einem aufgemotzten Auto aufgrund von erheblich erhöhter Fahrgeschwindigkeit in eine Menge raste und einen Menschen tötete. Der Fahrer behauptete nicht mehr als 70 mph gefahren zu sein, was von der Polizei in ihrem Bericht so auch übernommen wurde, obwohl Zeuge von mindestens 100 mph sprachen. Der Vorfall wurde im Internet heiß diskutiert.

*** A.d.Ü. Der Fall „Xu Kun” dreht sich um einen demokratisch gewählten Bürgermeister in der Provinz Guangxi, der wegen illegaler Businessaktivitäten 2011 verurteilt wurde, selber aber auf seine Unschuld pocht.

**** A.d.Ü. Aufgrund einer drohenden Landenteignung hatte sich 2010 „Wu Yongzhong” in seinem Haus selbst angezündet.

***** A.d.Ü. „Zhao Lianhai” ist ein ehemaliger Mitarbeiter der Behörde für Lebensmittelsicherheit, der sich für die Aufklärung des Babymilchskandals 2008 einsetzte und wegen Störung der öffentlichen Ordnung verhaftet wurde. Auch sein eigenes Kind war durch die verseuchte Milch erkrankt.

****** A.d.Ü. „Qian Yunhui”, ein Bauer aus Zhejiang, bekannt in der Gegend für seine wiederholten Petitionsstellungen gegen Machtmissbrauch der lokalen Behörden, starb im Dezember 2010, als er von einem mit Steinen beladenen LKW überfahren wurde. Augenzeugen, die später verhaftet wurden, sagten aus, dass Qian Yunhui von vier Beamten auf den Boden gedrückt worden war, während der Wagen langsam über ihn rollte. Eine Pressekonferenz der lokalen Behörden gab an, er sei durch einen Verkehrsunfall umgekommen.

******* A.d.Ü. „Die allmächtige Gruppe” ist hier natürlich die Zentralregierung, was so natürlich aufgrund der Zensur nicht geschrieben werden kann.

 

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