Print Friendly, PDF & Email

Geschlechterbewegung in der Coronakrise: Chinesische Frauen fordern mehr Unterstützung

Poster der Spendenkampagne „Bestärkung der Schwestern im Kampf gegen den Virus“ für die Frauen aus der Provinz Hubei (Screenshot: Weibo-Blog von „Liang Yu Stacey“, abrufbar unter: tinyurl.com/yaaozjjs)

Poster der Spendenkampagne „Bestärkung der Schwestern im Kampf gegen den Virus“ für die Frauen aus der Provinz Hubei (Screenshot: Weibo-Blog von „Liang Yu Stacey“, abrufbar unter: tinyurl.com/yaaozjjs)

COVID-19 hat in vielerlei Hinsicht das Leben aller Menschen weltweit auf den Kopf gestellt. In der Volksrepublik China hat die Pandemie unter anderem ein Thema in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt: die Notwendigkeit einer stärkeren Solidarität mit chinesischen Frauen in der Krisensituation.

 

Die Coronakrise hält die ganze Welt in Atem. In der chinesischen Provinz Hubei, dem Epizentrum des Coronavirus, kämpfte das medizinische Personal über Wochen hinweg Tag und Nacht gegen den Virus. Schätzungsweise 60 Prozent der Ärzte und 90 Prozent der in der Krankenpflege Tätigen waren Frauen. Nachdem weibliches medizinisches Personal in zahlreichen Krankenhäusern eine Reihe ungerechter Behandlungen erdulden musste, setzten sich chinesische Netizens für die Bedürfnisse der Frauen im Reich der Mitte ein, allen voran Weibo-Bloggerin „Liang Yu Stacey“. Am 6. Februar stellte die bis dato außerhalb dieser Diskussion nicht öffentlich in Erscheinung getretene Bloggerin in einem Weibo-Beitrag zwei wichtige Fragen:

 

Stehen dem medizinischen Personal an vorderster Front ausreichend Damenbinden und Menstruationsunterwäsche zur Verfügung? (…) Gibt es zuverlässige Kanäle und Methoden, um den Ärztinnen und Krankenschwestern an vorderster Front Menstruationsunterwäsche zu spenden? 前线医护人员的卫生巾和考拉裤还够吗?(…) 还有没有给前线女性医护工作人员捐考拉裤的靠谱渠道和方法啊?

 

Um dieser Sache auf den Grund zu gehen, kontaktierte sie medizinisches Personal in Krankenhäusern in der Stadt Huanggang (Provinz Hubei).

 

Aufruf zur Spendenkampagne

 

Ihre Erkenntnisse teilte „Liang Yu Stacey“ am 7. Februar auf ihrem Weibo-Blog und richtete gleichzeitig eine Bitte an die Öffentlichkeit:

 

Nachdem ich soeben mit Mitarbeitern aus der Stadt Huanggang Kontakt hatte…… bin ich erschüttert. Ich bitte die Medien darum, den Frauen aus diesem Pandemiegebiet mehr Aufmerksamkeit zu schenken! Nicht nur das medizinische Personal benötigt Menstruationsunterwäsche, sondern auch die Patientinnen. Während einer Lungenentzündung liegen diese nur im Bett, leiden an Fieber und erhalten Injektionen. Die Patientinnen befinden sich in einer schlechten gesundheitlichen Verfassung, sie können kaum atmen, geschweige denn ihre Damenbinden wechseln. So sind sie sehr anfällig für Infektionen. (…) Huanggangs Vorräte reichen nicht aus. Da viele Straßen gesperrt sind, ist der Kauf von Menstruationsunterwäsche gerade nicht so einfach. Somit herrscht ein großer Mangel. Hätte ich dieses Mal nicht so viele Menschen kontaktiert, wäre mir das wahre Ausmaß der Notlage im Pandemiegebiet gar nicht bekannt. 我刚联系上了黄冈市的工作人员……心态有点崩。拜托媒体多关注此次疫区的女性吧!不止是医护人员需要安心裤,原来病患也需要安心裤。肺炎患病的过程,一直发烧打针躺着,整个人虚弱无力呼吸困难,更别说起来换卫生巾了,人非常容易感染 。(…) 黄冈的物资也不是那么充足,到处封路安心裤也不是那么好买,所以缺口很大。不是我这次去多方联系我根本不知道疫区女性的困境。

 

Dieser Beitrag wurde in Weibo fast 51.000-mal geteilt und erhielt knapp 8.000 Kommentare. Darunter meldeten sich mehrere Dutzend Ärztinnen und Krankenschwestern aus der ganzen Provinz Hubei, die um Spenden von Damenbinden und Menstruationsunterwäsche baten. Da es den Frauen an entsprechenden Hygieneartikeln fehlte, trugen viele Windeln und litten an einem erhöhten Infektionsrisiko oder liefen gar mit blutigen Hosen herum. Krankenschwester „Bai’ Er Er“ war froh darüber, dass dieses Problem endlich beim Namen genannt wurde:

 

Die Frauen an vorderster Front machen mehr als 60 Prozent (des medizinischen Personals, Anm. d. Übers.) aus, die Menstruation bereitet uns wirklich Probleme. Wir ertragen die körperlichen Schmerzen und halten die Stellung, obwohl es keine Hygieneartikel gibt. Wir haben die Teamleiter zwei Tage lang darum gebeten und nichts ist passiert. Jetzt hat endlich jemand für uns gesprochen! 在岗的一线女性占比超60%,生理期真的很麻烦,忍着生理痛还要继续坚守岗位连卫生用品都没有,向护士长申请了两天都没发下来。终于有人为我们发声了!

 

Kommentare wie diese bewegten „Liang Yu Stacey“ zum Handeln: Am 7. Februar gründete sie die Spendenkampagne Bestärkung der Schwestern im Kampf gegen den Virus 姐妹战疫安心行动. Alleine in den ersten drei Tagen nach Gründung ihrer Initiative konnten Hygieneartikel im Wert von 710.000 Yuan (93.000 €) an 20 Krankenhäuser gespendet werden. Mit Hashtags wie #BestärkungDerSchwesternImKampfGegenDenVirus und #SehtDieArbeiterinnen看见女性劳动者 erreichte die Weibo-Aktivistin mehrere Millionen Leser und damit auch Spender.

 

Menstruation weiterhin Tabuthema

 

Am 7. Februar erzählte „Liang Yu Stacey“ auf Weibo von einem Mann, der zu ihr gemeint hatte, man benötige in Krankenhäusern wohl eher Masken und Schutzkleidung als Damenbinden. Zudem teilte sie zahlreiche Screenshots von Unterhaltungen mit Ärztinnen und Krankenschwestern, die sich ebenfalls darüber beschwerten, wie männliche Krankenhausleiter Damenbinden und Menstruationsunterwäsche als „nicht notwendig“ bezeichnet hatten. Das war auch der Grund dafür, weshalb es keinen offiziellen Kanal gab, der die Versorgung mit entsprechenden Hygieneartikeln sicherstellte. Dass die Krankenhausleitung sich so verhielt, hatte vermutlich nichts mit Böswilligkeit zu tun, sondern mit Ignoranz. Schließlich handelt es sich bei der Menstruation der Frau nach wie vor um ein Tabuthema im Reich der Mitte. Netizen „Hua Fan Wird Zhe Fan Immer Mögen“ erzählte in einem Kommentar auf Weibo von einem Mädchen aus der Mittelschule:

 

Es gab ein Mädchen in der Klasse, das ihre Hose während der Menstruation verschmutzt hat. Ihre Mutter kam, um sie abzuholen, beschimpfte sie und schlug sie vor sich her. (…) Die Mädchen in meiner Klasse wussten nicht einmal, dass die Menstruation ein normales physiologisches Phänomen ist. Es mangelte wirklich an einer Sexualerziehung. 班级还有个姑娘来月经把裤子弄脏了,她妈妈来接她当着面又骂又打(…)我班女生甚至不知道月经是正常生理现象。性教育真的匮乏。

 

Viele Mädchen und Frauen schämen sich dafür, ihre Menstruation offen anzusprechen. Stattdessen sagen sie, dass sie das eine da 那个 haben, dass die Tante gekommen ist 大姨妈来了oder dass es einen regelmäßigen Feiertag 例假 gibt. Außerdem vermeiden sie auch das Wort Damenbinden 卫生巾 und weichen stattdessen auf Worte wie Tantenhandtuch 姨妈巾 aus. Auch hier versuchte Weibo-Aktivistin „Liang Yu Stacey“, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren und schrieb am 16. Februar:

 

Damenbinden sind Damenbinden und keine Tantenhandtücher. Menstruation ist Menstruation und nicht das eine da, keine Tante und kein regelmäßiger Feiertag.卫生巾就是卫生巾不是姨妈巾,月经就是月经,不是那个不是姨妈不是例假。

 

Netzbürgerin „Bücher Enthalten Alles“ stand voll und ganz hinter der Weibo-Bloggerin und kommentierte ihren Beitrag wie folgt:

 

Du liegst vollkommen richtig! Ich kann es nicht leiden, Begriffe wie „Tante“ und „Tantenhandtuch“ zu verwenden, um mich auf die Menstruation zu beziehen. Meine Tochter und ich benutzen solche Ausdrücke nicht.是啊是啊。很反感用大姨妈、姨妈巾那样的词来指代月经,我和我女儿也不说那样的词。

 

„Liang Yu Stacey“ fragte im Rahmen ihrer Spendenkampagne medizinisches Personal nach den benötigten Mengen von Damenbinden und Menstruationsunterwäsche. Auch hier wurde deutlich, dass sich die befragten Frauen genierten, das Thema ehrlich zu besprechen. Die Weibo-Aktivistin schrieb:

 

Was mich am meisten aufregt, ist, dass es ihnen jedes Mal unangenehm ist, wenn wir sie fragen, wie viel sie brauchen – als ob sie zu viel verlangen würden. Sie sagen uns nur, dass wir unser Bestes geben sollen. 最让我生气的就是,每次我们问她们要多少,她们都特别不好意思,好像提什么过分要求一样,就和我们说你们尽力就好。

 

Dieses Thema stimmte eine Abonnentin der Weibo-Aktivistin namens „Du Sagst Mir Wo Timo Hingegangen Ist“ traurig:

 

Wenn ich sowas lese, kommen mir die Tränen.这段看的我他妈眼泪要下来。

 

Ermutigung zur öffentlichen Diskussion

 

Mit ihrer Initiative bezog sich „Liang Yu Stacey“ nicht nur auf medizinisches Personal, sondern auch auf Polizistinnen, Soldatinnen sowie weibliche Feuerwehrleute. Sie versuchte, ihren Teil dazu beizutragen, um eine derartige Notlage künftig zu vermeiden:

 

Das Spenden von Menstruationsunterwäsche (Damenbinden) sollte weder meine harte Arbeit sein noch die von sozialen Organisationen oder gar Frauenverbänden. Das muss in einem “Kriegszustand” in die einheitliche Beschaffung und Verteilung von notwendigen Materialien mit einbezogen werden, denn die Möglichkeiten von Einzelpersonen und anderen Institutionen sind begrenzt.捐赠安心裤(裤型卫生巾)不应该是我在劳心劳力,也不该是任何社会组织慈善基金,甚至不应该是妇联。这本就应该划进【战时状态】的统一采购分派的必须物资,个人和其他机构的能力太有限了。

 

Nur wenn die grundlegenden Bedürfnisse der Frauen anerkannt würden und die Versorgung mit entsprechenden Hygieneartikeln sichergestellt werde, könnten die Frauen an vorderster Front ihre Aufgaben erfüllen und gleichzeitig auch ihre eigene Gesundheit schützen. „Liang Yu Stacey“ erhielt sowohl bei ihrer Spendenkampagne als auch bei ihrem Versuch, die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema Menstruation zu fördern, von allen Seiten Unterstützung. So meinte auch Netzbürgerin „Wqyana“, dass sich Frauen nicht für ihre Menstruation schämen müssen und ihre Emanzipation zum Teil selbst in der Hand haben:

 

Der Grad des zivilen Fortschritts eines Landes oder einer Gesellschaft hängt vom Grad der Befreiung der Frauen in diesem Land oder dieser Gesellschaft ab. Befreie dich selbst, anstatt darauf zu warten, dass andere dich befreien.一个国家或社会的文明进步程度取决于这个国家或社会的妇女的解放程度。自己解放自己而不是等别人来解放。

 

 

 

Zum Weiterlesen:

 

 

Das schwache Geschlecht? – Chinesische Blogger über die Rolle der Frau

 

David Wayand: „Frauen stützen den halben Himmel“, Bosch-Stiftung, Juli 2017.

 

Li Sipan: „Chinese Liberals on Women’s Rights: Why Don’t Mainland Chinese Liberals Support Womens Rights?“ Übersetzt von David Ownsby, in: Reading The China Dream, 27.05.2019.

 

Georgina Rannard; Kerry Allen: „Actress gets China talking about periods“, BBC Trending, 21.05.2018.

 

 

 

Das lernen sie schon selbst: Die Rolle chinesischer Eltern in der Sexualaufklärung

 

Kategorien: Allgemein, Gesellschaft, Tags: , , , , , . Permalink.

Ist Ihnen dieser Beitrag eine Spende wert?
Dann nutzen Sie die Online-Spende bei der Bank für Sozialwirtschaft oder über PayPal.
Sicher online spenden über das Spendenportal der Bank für Sozialwirtschaft(nur Überweisung über 1 Euro.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.