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Sympathie und Spott: Reaktionen auf Chinas neue Namensrichtlinie

Eine Filiale des „Vienna International Hotel“ in Xi’an, die von der aktuellen Kampagne betroffen ist (Foto: Johannes Dietrich)

Eine Filiale des „Vienna International Hotel“ in Xi’an, die von der aktuellen Kampagne betroffen ist (Foto: Johannes Dietrich)

Seit der wirtschaftlichen Öffnung des Landes war es chic, Wohnvierteln und anderen Orten ausländisch klingende Namen zu geben. Damit soll jetzt Schluss sein, denn Präsident Xi Jinping fordert eine Rückbesinnung auf die eigene Kultur.

 

Wohnviertel wie Sonniger Barock阳光巴洛克小区, Santiago (de Chile)圣地亚哥 und Südliches Venedig南国威尼斯城 oder Markennamen wie Vienna International Hotels维也纳国际酒店 lagen lange Zeit im Trend. Sie galten als modern und fortschrittlich und sollten zum Beispiel Wohnungskäufer anlocken.

 

Neuerdings jedoch erregen sie das Missfallen der Kommunistischen Partei (KPCh), da sie dem Prinzip eines starken kulturellen Selbstbewusstseins zuwiderlaufen. Lokalregierungen beginnen nun daher solche Ortsnamen zu ändern.

 

Warum fern, wenn es auch nah gibt?

 

Bereits 2016 erläuterte Präsident Xi auf einer Gedenkveranstaltung zum 150. Geburtstag des Gründers der ersten chinesischen Republik, Sun Yat-sen, die Hintergründe dieser Parteirichtlinie:

 

Sun Yat-sen hatte ein hohes Maß an nationalem Stolz und Selbstbewusstsein. Er hing nicht althergebrachten Ideen nach und war nicht konservativ, aber er verehrte auch nicht blind die westlichen Staaten. Er hat immer betont: „Da die chinesische Gesellschaft anders aufgebaut ist als die westlichen, muss sich auch die Verwaltung und die Politik in der Gesellschaft vom Westen unterscheiden.“ (…) Aufgrund seines mühseligen Lebensweges und seines permanenten Kampfes ist dieses Prinzip erwachsen: Wer China verändern will, muss von der chinesischen Realität ausgehen und einen der chinesischen Mentalität angemessenen Weg beschreiten. 孙中山先生具有高度的民族自尊和民族自信,不泥古、不守旧,不崇洋、不媚外,强调“中国的社会既然是和欧美的不同,所以管理社会的政治自然也是和欧美不同”;“发展之权,操之在我则存,操之在人则亡”。他从坎坷人生经历和长期斗争实践中得出一个道理,就是改造中国必须从中国实际出发,走适合中国国情的道路。

 

Mit dieser Ideologie und der daraus resultierenden Parteirichtlinie scheint die KPCh einen Nerv zu treffen, so meint etwa Netzbürger „Shang Yang“:

 

Wenn man nun im Ausland etwas nach einer chinesischen Stadt oder Region benannte, würden die inländischen Medien alle ganz stolz berichten. Was hat diese willkürliche Namensgebung durch chinesische Geschäftsleute verursacht? Es ist nichts als ein mangelndes kulturelles Selbstbewusstsein. Dass sich jetzt viele Produkte mit einer ausländischen Benennung brüsten, sollte uns zu denken geben.国外那个地方有中国地名来命名,国内的各种媒体都是很骄傲的报道。国内的某些商家随便乱命名,是什么造成的了? 无非是文化不自信造成的,现在很多商品名都以洋名为荣,应该引起重视。

 

Die Richtlinie bedient auch die Sentiments nationalistisch, patriotisch eingestellter Chinesen, wie etwa „Phoenix Netizen VS20L1“, der viel tiefergreifendere Veränderungen befürwortet:

 

Viel praktischer wäre es doch gleich den Englischunterricht abzuschaffen. Man lernt es und wendet es doch nicht an. Reine Zeitverschwendung für Schüler! Besser wäre es doch aus dem Englischunterricht einen Landeskundeunterricht zu machen, sodass die Schüler zu moralischen, kultivierten, patriotischen Talenten erzogen werden. Dann löst sich das Problem der Verherrlichung westlicher Ideen von selbst.最实际的就是取消英语课程,学了也用不上,浪费学生的时间,还不如把英语改学习国学,把学生教育成有道德,有素质热爱祖国的人才。崇洋媚外自然就没有市场了

 

Nutzen rechtfertigt nicht den Aufwand

 

Die Idee der Umbenennung trifft jedoch nicht nur auf Zustimmung. So häufen sich Stimmen, die die Praktikabilität der Aktion bezweifeln. Ein Nutzer der regierungstreuen Webseite „Phoenix News“ schreibt beispielsweise:

 

Wie viel Aufwand und Kosten ist es denn diese Namen zu ändern? Wie viel davon übernehmen die Unternehmen? Habt ihr das denn schonmal nachgerechnet? Macht euch keine falsche Vorstellung von den Auswirkungen dieses „kulturellen Selbstbewusstseins“.改这些地名需要多少成本?企业要负担多少费用?这个你们算过没有?不要曲解了“文化自信”的深刻内涵。

 

An den Phoenix anlehnend“ aus der Provinzhauptstadt Fuzhou erläutert, was auf Mieter und Pächter zukommt:

 

Oberflächlich betrachtet handelt es sich ja nur um die Änderung einiger Schriftzeichen, aber die anderen (notwendigen) Änderungen, die dies hinter sich herzieht, verschwenden die Kapazitäten unserer Gesellschaft in großem Maßstab! Beispiele sind die Immobilienbesitzurkunden, Personalausweise, Hukou-Hefte, Gewerbeerlaubniszertifikate, usw.(…) 现表面上看到是几个字改动,可因改名引起的一系列变更那才是造成社会资源的极大浪费,不动产证、身份证、户口本、营业执照、等等

 

Spott für die Richtlinie

 

Auf der Webseite Wenxuecity, die vor allem von Chinesen außerhalb der Volksrepublik genutzt wird, wird die Namensrichtlinie ins Lächerliche gezogen und mit Systemkritik verbunden. Netizen „Wenn man nicht sprechen will, kann man es auch lassen“ meint:

 

Also ich finde (die Richtlinie) großartig! Auch die Begriffe „Kommunistische Partei“ und „Sozialismus“, die ja ursprünglich aus Japan kommen, sollte man alle rausschmeißen. Jenen Tag erwarten wir alle sehnlichst!绝对支持,连共产党,社会主义这些日本名也一起都赶出去,我们大家都盼着这一天那

 

Dieser Netizen spielt hierbei darauf an, dass ein großer Teil moderner politischer Begriffe über Japan nach China kam.

 

Aber auch auf Webseiten, die in der Volksrepublik selbst angesiedelt sind, bleibt Spott für die neue Politik nicht aus. Beliebt ist der Hinweis auf ein über die Ländergrenzen hinaus bekanntes chinesisches Unternehmen, dem eine Verherrlichung der arabischen Kultur vorgehalten wird:

 

Das Volk im ganzen Land fordert eine Umbenennung von Alibaba!!!全国人民强烈要求阿里巴巴改名!!!

 

Zum Weiterlesen:

 

Westliche Astrologie in China: “Steinböcke sind die besten Liebhaber”

 

Friederike Böge: „Chinas Kulturkämpfer“, Frankfurter Allgemeine Zeitung Online, 25. Juni 2019.

 

He Huifeng: “China still committed to getting rid of ‘big, foreign and weird’ place names”, South China Morning Post, 22. Juni 2019.

 

Eine Liste der betroffenen Gebäude in der Provinz Hainan (auf Chinesisch) findet sich unter dem Link.

 

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