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Datendiebstahl in China: Telefonbetrug mit Todesfolge

Xu Yuyu als Schülerin - sie war eine der besten Schülerinnen ihrer Schule. Screenshot von news.163.com.

Xu Yuyu als Schülerin - sie war eine der besten Schülerinnen ihrer Schule. Screenshot von news.163.com.

Eine Abiturientin stirbt, nachdem sie durch ein Telefonat um das Geld für ihren Universitätsbesuch betrogen wurde – kein Einzelfall, wie die Diskussionen im chinesischen Netz zeigen.

 


Xu Yuyu, eine 18-jährige Schülerin aus der Provinz Shandong, erhält nach ihrem Antrag auf ein Bedürftigen-Stipendium泛海助学山东行动 einen Anruf mit der Aufforderung, ihr Studiengeld, 9900 Yuan (ca. 1300 €), zu überweisen.

 

Wie später bekannt wird, hatte ihr Vater ein halbes Jahr für diesen Betrag gespart, um Yuyu den Universitätsbesuch zu ermöglichen. Die junge Frau stammte aus eher ärmlichen Verhältnissen und hatte im Monat gerade einmal 200 Yuan (ca. 27 Euro) zur Verfügung.

 

Als sie nach zwei Tagen bemerkt, dass sie Opfer eines Betrugs wurde, erstattet sie am 21. August 2016 Anzeige. Auf dem Rückweg nach Hause erleidet sie einen Herzinfarkt und stirbt wenig später im Krankenhaus.

 

Bildung ist Leben

 

Xu Yuyus Geschichte sorgt im chinesischen Netz für viel Gesprächsstoff. Shan Shibing, ein Blogger, der selbst aus ärmlichen Verhältnissen stammt und als Lehrer leistungsstarke Schüler aus dörflichen Gegenden unterrichtet hat, beschreibt, wie schwierig es, gerade für junge Mädchen, ist, überhaupt an Bildung zu gelangen. Viele Eltern auf dem Land investieren eher in die Bildung ihrer Söhne und rufen ihre Töchter nach Ablauf der Schulpflicht zurück, damit diese durch Arbeit zum Haushalt beitragen.

 

Ganz gleich, wie prächtig die Stadt ist, (in der sie lernen,) diese Prächtigkeit hat nichts mit ihnen zu tun. Sie kaufen sich keine hübschen Klamotten, kein Schminkzeug und können sich kein gutes Essen leisten. All ihre Freude gewinnen sie aus ihren Noten. Wenn sie in einer Prüfung schlechte Leistungen erbracht haben, so weinen sie und schreien sich die Lunge aus dem Leib. An jedem Abend, wenn die Lichter schon ausgemacht worden sind, suchen sie sich einen Ort unter einer Laterne, um zu lesen, bis sie ins Wohnheim zurückgetrieben werden. Auch am Wochenende gibt es für sie kaum ein Wiedersehen mit der Familie, stattdessen (entscheiden sie sich), im Klassenzimmer zu lernen.城市再繁华,也与她们无 关。她们不买漂亮衣服,没有化妆品,吃不起好的饭菜,分数就是她们所有快乐与幸福的所在。每次考完试,考砸的都会哭得撕心裂肺。每天晚自习熄灯后,她们总 会去抢路灯下的位置读书,直到被我赶回宿舍。周末她们也很少回家,安安静静在教室里学习。

 

Sie sind Gefangene des auf Prüfungen ausgerichteten Systems, aber gleichzeitig ist ebendieses System ihre Hoffnung (…). Für sie ist es keine Alternative, die Schule zu schmeißen, um zu arbeiten oder sich früh zu verheiraten. Um das vulgäre, ländliche Umfeld weit hinter sich zu lassen und ihren Traum zu leben, lernen sie, auf Teufel komm raus.她们就是应试教育的囚徒,但应试教育也是她们的希望。应试教育的考核标准化、行为短期化、目标功利化,尽管适合做放飞她们梦想的翅膀,但也随时会让 她们变成折翼的天使。她们不 认同辍学打工或早早出嫁的生活,为远离粗鄙乡村,开启梦幻人生,用尽心力去死读书,读死书。

 

Datenverkauf macht Betrug gefährlich

 

Die Betrüger gehen mit System vor. Immer wieder verschaffen sie sich Zugang zu persönlichen Daten, um Schüler oder auch ältere Menschen um ihr Geld zu bringen. In Xu Yuyus Fall kannten die Betrüger sämtliche Informationen und konnten diese korrekt am Telefon wiedergeben.

 

Blogger Shan Shibing meint dazu:

 

Jeden Tag stehen wir nackt (vor diesen Betrügern). Es ist sehr wahrscheinlich, dass unser aller Daten an irgendeinem Knotenpunkt billig verscherbelt werden. Mit allen Konsequenzen, die dieses Verhalten mit sich bringt, müssen wir eben leben.我们每天都处于“裸奔”的状态,你我他的信息都可能在任何环节被低价出售,这些“信息出卖”的后果,我们必须自己承担。

 

Betrug am Telefon gehört zu den Alltagserfahrungen vieler Chinesen. Oft werden verdächtige Anrufe bemerkt und direkt aufgehängt, weswegen die Verbrecher zu immer perfideren Methoden greifen. Studenten zählen zu den beliebten Opfern, wie das Staatsfernsehen CCTV in einer Auflistung darstellt.

 

Netzbürger Ye Liangruoshui  berichtet genau dies aus eigener Erfahrung:

 

Im ersten Jahr an der Uni bekam ich ein Telefonat wegen einer Kreditkarte. Alle Daten wurden korrekt wiedergegeben. Das hat mich sehr eingeschüchtert. Später haben mich meine Zimmergenossen gewarnt (…). Seit diesem Tag lege ich bei ähnlichen Anrufen direkt auf. (…) Diese Anrufe haben System, es sind immer ähnliche Vorwahlen.大一时候接到一个电话说我信用卡什么什么 信息都对 唬的我一愣一愣 后来舍友提醒我 学生哪有信用卡 才发觉是骗子 从此后这种电话基本一个人的时候就挂 和朋友一起闲的话 就一起听听 而且电话挺有规律 基本都带区号

 

Netznutzer “Wüstenkaktus” fühlt sich mit seinen Sorgen allein gelassen.

 

Wir bekommen jeden Tag solche lästigen Betrugsanrufe und wir alle leiden darunter! Warum kümmert sich niemand darum?这些骚扰电话诈骗电话每天打,严重影响百姓的生活工作,为啥就没有人管?

 

Auch Netizen “1572985591“  möchte, dass von staatlicher Seite stärker eingegriffen wird:

 

Man sollte von der Grundschule an bis zur Universität unbedingt Kurse zum Schutz vor Betrug und zur Verkehrssicherheit einrichten. Alle zwei Monaten sollten die Schüler bzw. Studenten daran teilnehmen. (…) So könnte man dergleichen schon früh vorbeugen.从小学到大学应该接受防骗知识和交通安全知识教育课,每两个月上一堂这样的课。从学校就开始强化这方面的教育,做到增强安全防范意识,早期预防。

 

Die Behörden haben den Kampf gegen Betrüger aufgenommen und versuchen durch Information  und schnelle Aufklärung die Bevölkerung zu schützen. Inwieweit sie damit erfolgreich sein werden, wird die Zukunft zeigen.

 

Staatsfernsehen CCTV informiert über gängige Betrugsmaschen, um das Bewusstsein der Bürger zu schärfen. Screenshot von CCTV.

Staatsfernsehen CCTV informiert über gängige Betrugsmaschen, um das Bewusstsein der Bürger zu schärfen. Screenshot von CCTV.

 

 

Zum Weiterlesen:

 

Florian Jung: “Die Wei Zexi-Affäre: Ist Baidu ein Totengräber?”, Stimmen aus China, 14.06.2016.

 

Herztod junger Studentin nach Telefonbetrug”, German.china.org.cn, 25.08.2016.

 

Sun Liangzi, Li Rongde: “Scam targeting poor student highlights need for privacy protection”, CaixinOnline, 29.08.2016.

 

Bilder

 

Screenshots von Florian Jung: news.163.com und CCTV.

 

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