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Medikamentenskandal an Chinas Kindergärten – Wie viel sind die Kleinsten wert?

Bunte Pillen

Viele Kindergarten-Kinder in China werden „mit Medikamenten gefüttert“, um so die Anwesenheitsrate zu erhöhen. © EpSos.de, via Flickr

Seit einigen Wochen erhitzt ein Medikamentenskandal die Gemüter in Chinas Internetgemeinde. Mehrere Kindergärten sollen ihren Schützlingen Medikamente verabreicht haben, um auf diese Weise mehr Geld an ihnen zu verdienen. Chinas Netizens sind empört.

 

Zuerst wurde der Skandal in einem privaten Kindergarten in Xi’An aufgedeckt. Es folgten weitere Kindergärten in den Provinzen Jilin, Hubei und Gansu. Bei den Medikamenten handelte es sich um verschreibungspflichtige Anti-Grippe-Mittel. Die Folge: Die Kinder klagten über Schmerzen wie Schwindel, Bein- und Bauchschmerzen. Dass es sich dabei um Nebenwirkungen der verabreichten Medikamente handelte, wurde allerdings noch nicht bestätigt. Nach massiven Protesten der Eltern wurden einige der Kindergärten geschlossen – oft zu spät. Manche Kinder hatten bereits über Jahre regelmäßig Medikamente bekommen.

 

Viele Netizens reagierten äußerst emotional auf den Fall. So auch „chun bin tang“.

 

Kann man bitte die direkten Verantwortlichen (für den Fall) erschießen?!(…) 直接负责人,请枪毙了好吗!

 

Longshen 2011 tu“ meint dazu:

 

Habt ihr zu Hause denn keine Kinder? Sie (die Verantwortlichen) sind noch schrecklicher als Terrororganisationen!你们家就没有孩子吗?(...) 真的比恐怖组织还要可怕.

 

Jingrun Edward“ sorgt sich um das Wohl der Kinder. Er sieht den Fall als klaren Missbrauch gegenüber der kindlichen Unschuld.

 

Der Kindergarten ist die erste Schule im Leben der Kinder. Dort sollen sie fröhlich spielen und lernen. (…) Diese skrupellose Gesellschaft! Wie soll man diesen naiven und unschuldigen Kindern denn erklären, dass die von ihnen geliebten und respektierten Lehrer ihnen jeden Tag Medikamente gegeben und ihre Körper zerstört haben?幼儿园是小朋友们人生的第一所学校,他们在哪里开心的学习玩耍。(...)这个残忍的社会,你如何告诉那些天真无邪的孩子们他们所敬爱的老师每天在给他们喂药、残害他们的身体?

 

Geld wichtiger als Kinder?

 

Andere Netizens sind vor allem empört über den Grund des Missbrauchs. So stand nicht die Gesundheit der Kinder im Mittelpunkt, sondern allein das finanzielle Interesse der Kindergarten-Betreiber: In privaten Kindergärten werden die Gebühren pro Tag erhoben. Nur wenn ein Kind anwesend ist, müssen die Eltern bezahlen. Die Verabreichung der Medikamente sollte Erkrankungen bei Kindergartenkindern vorbeugen und dadurch den Betreibern mehr Geld einbringen. Auch die Angestellten der Kindergärten sollen für die Verabreichung der Medikamente Geld bekommen haben. Dazu schreibt Mikroblogger „xingzou wu rensheng“:

 

(…) Die Motivation der Schulen (war es), die Gebühren zu sichern, indem die Anwesenheitsrate gesteigert wurde (…). Die Lehrer haben nur dann jeden Monat einen Bonus von 25 Yuan (ca. 3 Euro) erhalten, wenn sie den Kindern die Medikamente gaben. Was ist denn wichtiger? Die Kinder oder das bisschen Geld? (…) 学校的动机为了不退保教费提高孩子出勤率,(...),老师每月会得25元奖励,才为孩子喂药。尼玛,孩子和那点钱相比哪个更重要?

 

Auch Netizen „zheng mai cai de qian cao mai fen de xin“ sieht ein klares Problem im finanziellen System der privaten Kindergärten. Die Verantwortung sollen aber vor allem die Eltern übernehmen.

 

Die Ursache des Problems liegt bei den Eltern. Sie wollen unbedingt pro Tag bezahlen. (…) Der Kindergarten muss jeden Tag Essen und Trinken, Lehrmaterialien und Lehrer bereitstellen, egal ob das Kind dann (zum Kindergarten) geht oder nicht. Wenn es nicht diese Kopplung an die tägliche Anwesenheit gäbe, würde der Kindergarten den Kindern auch keine Medikamente geben! Deswegen sollten auch die Eltern die Suppe auslöffeln, die sie sich eingebrockt haben. (…)这事的根源在于家长们的矫情,给孩子上幼儿园想按天交钱,(...) 不论你的孩子去不去,人家幼儿园都要准备吃的、喝的、教具和老师。如果不跟出勤率挂钩的话,幼儿园才不去给孩子喂药呢!所以说这都是家长们自作自受。(...)

 

Forderung nach mehr Kontrollen

 

Mikrobloggerin „Zhuguang Haiying“ fordert vor allem ein besseres Qualifizierungsprogramm für die Kindergarten-Betreiber und die Angestellten sowie strengere behördliche Kontrollen.

 

(…) Zunächst einmal müssen die Qualifikationen der Kindergarten-Betreiber streng kontrolliert werden. Die Angestellten sollten ebenfalls strenge Prüfungen durchlaufen müssen. Es muss regelmäßige Evaluierungen geben. Gleichzeitig sollte ein Trainingsprogramm aufgebaut und berufliche Weiterbildungen eingerichtet werden. (…) Das Bildungsministerium sollte die Kontrollen verschärfen und sowohl die privaten als auch die öffentlichen Kindergärten täglich überwachen und unangekündigte Kontrollen einführen. (…)(…) 对幼儿教育必须严格化办学资格审查,对从业人员必须进行资格考试,定期考评,同时建立职业培训制度,组织业务进修,(...) 教育部门应加强监察,把公办民办幼儿园都纳入日常监管,定期、不定期抽查。(...)

 

Es bleibt zu hoffen, dass dieser neue Skandal die chinesische Öffentlichkeit aufrüttelt und die Kleinsten im Land von den Verantwortlichen besser versorgt werden. Schließlich sind sie es, die Chinas Zukunft voranbringen sollen.

 

 

 

 

Zum Weiterlesen

 

Ju Juan: “Skandal um Pillen in Kindergärten“, Deutsche Welle, 24.03.2014.

 

Anwesenheit in Chinas Kindergärten: Sechsjährige mussten Tabletten nehmen“, Spiegel Online, 18.03.2014.

 

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1 Response to Medikamentenskandal an Chinas Kindergärten – Wie viel sind die Kleinsten wert?

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