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“Modernisierung”: Eine uralte aktuelle Debatte

“Modernisierung”: Eine uralte aktuelle Debatte

Mehr als jedes andere Wort repräsentiert “Modernisierung” den Wunsch Chinas nach Verbesserung der Lebensbedingungen und nach Wiederaufstieg in der Weltpolitik – und das schon seit einer Zeit vor der Gründung der Volksrepublik. Jingjie Hou und Jost Wübbeke geben einen Überblick über seine facettenreichen Interpretationsformen.

Blogger “anzhoup” beschreibt Modernisierung als einen konkreten historsischen Prozess. Er begreift die gesellschaftliche Modernisierung als eine Art revolutionäre Umwälzung. Sie drücke sich in der stetigen Verbesserung der Lebensqualität und dem Wandel von Lebensweise und -anschauung aus. Durch sie verbessere sich die gesellschaftliche Wohlfahrt und der soziale Frieden. Die internationale Position des Landes verändere sich ebenso. Allerdings sei Modernisierung ein langwieriger und etappenweise erfolgender historischer Prozess, der nicht über Nacht vollendet wird. In den letzten 400 Jahren vom 18. bis 21. Jahrhundert habe sich die Welt zunächst von einer Agrar- zu einer Industriegesellschaft entwickelt und schließlich zu einer Wissensgesellschaft. Anzhoup sieht Modernisierung als eine Form internationalen Wettbewerbs, in dem verschiedene Staaten nach der internationalen Führungsposition streben. Aus diesem Grund veränderten sie die soziale Lebenswelt im eigenen Land sowie seine Gesellschaftsstrukturen tiefgreifend.

Der “Unsterbliche vom Mond” (Yue zhi Xianzhe) begreift Modernisierung dagegen als jeweils aktuelle Frontlinie des Fortschritts der menschlichen Gesellschaft. Die Bedeutung der Modernisierung ändere sich fortlaufend. Sie orientiere sich immer an den fortgeschrittensten Elementen einer Gesellschaft. Jedes Land strebe nach Veränderung seiner Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Kultur, um mit dem fortschrittlichsten Level mitzuhalten. In diesem Prozess werde irgendwann ein kritischer Punkt erreicht. An diesem kritischen Punkt schreite er weiter fort und erneuere die bestehende Welt grundlegend und setze einen neuen Maßstab von Modernisierung. Diese Sichtweise betreffe jeden Prozess der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit.

“Jupiter” (Huoxing) thematisiert die Unumkehrbarkeit der Modernisierung und ihre negativen Konsequenzen. Die Modernisierung rationalisiere alle Kategorien und Systeme, um die „effektivste” Welt der Herrschaft über die Natur und die Verbesserung des menschlichen Lebens zu realisieren. Obwohl China schon ein halbes Jahrhundert nach der Modernisierung strebe, habe es diese noch nicht erreicht. Andererseits würde die Unumkehrbarkeit der Modernisierung in China deutlich. Selbst wenn in den Entwicklungsländern viele Hindernisse bestünden, so schreite die Modernisierung Welt doch unumkehrbar voran. Für die Modernisierung müsse die Menschheit einen hohen Preis bezahlen. Sie opfere das traditionelle Moralsystem und die menschlichen Beziehungen kühlten deutlich ab. Diese negativen Effekte seien heute in China schon sehr deutlich geworden. Selbst wenn sich nicht alles davon auf die Modernisierung zurückführen lasse, so sei es doch eine Folge des gegenwärtigen Systems. Das habe viele Menschen darauf aufmerksam gemacht, dass mit jedem weiteren Schritt in Richtung Reformierung, Öffnung und Modernisierung, die negativen Nebeneffekte der Modernisierung nach Kräften abgefedert müssten

Blogger Chichizhimeng macht deutlich, dass Modernisierung auch ein Aufholen der Entwicklungsländer gegenüber den Industrieländern bedeutet. Damit ist Modernisierung unmittelbar mit dem Wiederaufstieg Chinas verbunden. Der Begriff „Modernisierung” beschreibe die gesamte Dynamik der plötzlichen Umwälzungen im Zuge der neueren Entwicklung der Menschheit. Obwohl dieser Begriff erst in den letzten Jahren in wissenschaftlichen Publikationen aufgetaucht sei, so sei der historische Prozess, den er beschreibt, doch schon lange unter den Leuten bekannt. In der Zeit der Vierten-Mai-Bewegung sprach man in den Zeitungen stattdessen häufig von „Verwestlichung” und „Europäisierung”. Die damaligen Zeitgenossen meinten, der Westen, also die Großmächte Europa und Amerika, sei ein unabhängige, reiche und mächtige Vorbilder und auch China solle sich Richtung Unabhängigkeit, Reichtum und Macht bewegen. Es müsse nur von den westlichen Ländern lernen, ihnen geradewegs nacheifern und so das Ziel erreichen, ein reiches Land mit starker Armee zu werden. Das war der frühe Modernisierungsgedanke der Chinesen. Heute aber gelten die westlichen Staaten nicht mehr als Vorbilder der Moderne. Daher bildete sich langsam ein neuer Modernisierungsbegriff mit umfassenderer Bedeutung heraus. Dieser neue Begriffe definiere sich durch vier Aspekte: Erstens bezeichne Modernisierung das Bestreben der rückständigen Staatn durch eine eine große technologische und wirtschaftliche Revolution mit dem fortschrittlichsten Level in der Welt aufschließen. Zweitens bezeichne Modernisierung die Industrialisierung in rückständigen Staaten. Drittens betreffe sie die plötzliche Mobilisierung der Menschheit nach der wissenschaftlichen Revolution. Damit wachse auch das Wissen der Menschen an, die Politik entwickele sich und die Menschen passten sich psychologisch an. Viertens änderten sich in der Modernisierung die Weltanschuung und Lebensweise der Menschen, die eine bestimmte „Kulturform” schafften.

Die vorgestellten Kommentare der Blogger verdeutlichen, dass die Chinesen Modernisierung in erster Linie als ein Wiederaufschließen mit den fortschrittlichsten Nationen der Welt begreifen. Damit hängt die Verbesserung der Lebensqualität unmittelbar zusammen. Dabei wird Modernisierung als ein „nationales” Projekt betrachtet, das China als ganzes leisten muss. Wenige Leute betonen auch die negativen Konsequenzen dieser Entwicklung, obwohl diese Sichtweise wichtiger wird.

 

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