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Nabelschau oder Märchenstunde? Chinesische Regierung veröffentlicht nationalen Gini-Koeffizienten

Der Direktor des Nationalen Chinesischen Statistikbüros, Ma Jiantang, präsentiert die Entwicklung des nationalen Gini-Koeffizienten. © Nationales Chinesisches Statistikbüro

Der Direktor des Nationalen Chinesischen Statistikbüros, Ma Jiantang, präsentiert die Entwicklung des nationalen Gini-Koeffizienten. © Nationales Chinesisches Statistikbüro

Am 18.01.2013 veröffentlichte das Nationale Chinesische Statistikbüro erstmals seit zehn Jahren die Gini-Koeffizienten für die Jahre 2003 bis 2012. Vielbeachtete Kommentatoren äußerten sich im Internet kritisch zu den offiziellen Zahlen und bezeichnen die Verantwortlichen als Märchenerzähler.

 

Märchenerzähler und Bikini-Index – es erschließt sich nicht auf Anhieb, dass es eine Pressekonferenz des Nationalen Chinesischen Statistikbüros war, welche die Beiträge chinesischer Netizens in diese Richtung lenkte. Der Gini-Koeffizient dient als Indikator für die Ungleichverteilung von Einkommen innerhalb eines Staates. Er reicht auf einer Skala von Null (absolute Gleichverteilung des Einkommens) bis Eins (das gesamte Vermögen ist an einer Stelle gebündelt).

 

Ziemlich genau vor einem Jahr titelte das liberale Wirtschaftsmagazin Caixin noch anklagend: „Regierung weigert sich, Gini-Koeffizient zu veröffentlichen“. Entsprechend überrascht dürften die anwesenden Journalisten gewesen sein, als der Direktor des nationalen Statistikbüros, Ma Jiantang, am 18.01.2013 im Rahmen einer jährlich stattfindenden Pressekonferenz zur wirtschaftlichen Entwicklung erstmals die Gini-Werte für die Jahre 2003 bis 2012 präsentierte.

 

Sinkender Gini-Koeffizient Resultat staatlicher Wohlfahrtsprogramme?

 

Neben den bloßen Werten ist dabei vor allem der Trend von Interesse: Nach seinem Höchststand im Jahr 2008 (0,491) fiel der Gini-Koeffizient in China sukzessive auf 0,474. Der aktuelle Wert wird auch von offizieller Seite als „alarmierend“ eingestuft.

 

Der aus verschiedenen national ausgestrahlten Fernsehsendungen bekannte Nachrichtenkommentator Shi Shusi vermutet in einem Beitrag auf seinem Mikroblog, dass mit den Zahlen eine ganz bestimmte Botschaft kommuniziert werden soll:

 

Die Kernbotschaft ist, dass die Wohlfahrtsprogramme der Regierung nach 2008 zu einer sukzessiven Absenkung des Gini-Koeffizienten geführt haben.核心在于08年后政府的民生政策使其逐年下降。

 

Dass er diese Deutung persönlich nicht unbedingt teilt, wird spätestens in den von ihm vorgeschlagenen Reaktionen deutlich.

 

1. Also wirklich, vielen Dank liebes Vaterland; 2. Das ist ein Mythos; 3. Keine Ahnung, aber erhöht mir schleunigst mein Gehalt.请选择:1、真的,感谢祖国;2、这是神话;3、说不清,但赶紧加薪。

 

Zweifel an Vertrauenswürdigkeit der Zahlen des Chinesischen Statistikbüros

 

Laut Caixin hatte Xu Xiaonian, Professor für Wirtschaft und Finanzwesen an der China Europe International Business School, die Regierung bereits letztes Jahr über seinen Mikroblog dazu aufgefordert, die Zahlen zu veröffentlichen. Als es nun dieses Jahr tatsächlich dazu kam, machte er vor seinen über fünfeinhalb Millonen Followern keinen Hehl aus seiner persönlichen Haltung gegenüber den offiziellen Zahlen.

 

Ein Reporter rief mich an und bat mich, die heute veröffentlichten makroökonomischen Kennzahlen zu kommentieren. „Falsche Zahlen ernsthaft kommentieren, bin ich verrückt?“ Dieser Gini-Koeffizient, um Zheng Yuanjies* Worte zu gebrauchen, „erscheint selbst für ein Märchen noch zu gewagt.“记者来电,要我评论今天发布的宏观经济数据。"假数真评,我有病?"那个基尼系数用@郑渊洁的话说,"连童话都不敢这么写"。

 

Auch der bekannte Romanautor Yu Hua äußerte sich gegenüber seinen rund 14 Millionen Followern eher kritisch. In seinem Beitrag spielt er damit, dass die letzten beiden Silben des chinesischen Wortes für Bikini mit den gleichen Schriftzeichen geschrieben werden wie „Gini“.

 

Gestern hat das Nationale Statistikbüro zum ersten Mal den Gini-Index für die Jahre 2003 bis 2012 veröffentlicht. Am Anfang habe ich mich verguckt und daraus den „Bikini-Index” gemacht. Da hab ich mir gedacht: Wenn man dieses Body-Mass-Dingsda über so viele Jahre geheim halten muss, heißt das nicht, dass die eigene Statur ziemlich unansehnlich ist?“国家统计局昨日首次公布了2003至2012年基尼系数⋯⋯我刚开始看错了,看成比基尼系数了,心想这个三围的东西还要保密这么多年,是不是身材很难看?

 

Glaubwürdigkeit durch mehr Transparenz

 

Der an der Pekinger Renmin Universität lehrende Wirtschaftsprofessor Liu Yuanchun wird in einem Beitrag der Tageszeitung „Beijing Times” mit abwägenden Worten zitiert.

 

Dass die offiziellen Werte (im Entwicklungsland China) noch nicht ganz 0,5 erreichen bedeutet zweierlei: Zum einen verdeutlicht es, dass die Einkommensunterschiede recht groß sind. Gleichzeitig bedeutet es auch, dass einige Wohlfahrts- und Armutsbekämpfungsmaßnahmen der Regierung Wirkung gezeigt haben.作为发展中国家,中国官方公布的数据还不到0.5,这一方面说明中国收入差距较大,同时也说明政府采取的一些民生和扶贫措施,产生了一定的作用。

 

Darüber hinaus regt er zu einer höheren Transparenz an.

 

Das Maß an Vertrauenswürdigkeit und Wissenschaftlichkeit könnte erhöht werden, wenn das Statistikbüro gleichzeitig mit den Werten auch seine Stichproben und seinen Primärdatensatz veröffentlichen würde.统计局在公布数字的同时,如果能公布样本和原始数据,会显得更有可信度和科学性。

 

Vielleicht kann bald zumindest das für Peking zuständige Statistikbüro dieser Forderung Folge leisten. Einem Bericht des staatlichen Auslandssenders „China Radio International“ zufolge bestehen konkrete Pläne, den lokalen Gini-Koeffizienten für die Region Peking zu veröffentlichen.

 

 

___

*Zheng Yuanjie ist ein sehr erfolgreicher chinesischer Kinderbuchautor und Philanthrop mit dem Spitznamen „Der große Märchenkönig“.

 

 

 

Zum Weiterlesen

 

Markus Ackeret: „Gefühltes und gemessenes Wohlstandsgefälle: Chinas Gini-Koeffizient“, NZZ, 25.01.2013.

 

China Radio International: „Reichtumsschere erreicht in China alarmierenden Level“ , 20.01.2013.

 

Kirsten Tatlow: „China’s ‘Lamborghini’ Coefficient: Who’s Getting Richer and Who Poorer?”, NYT-Blog, 20.01.2013.

 

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