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“Die Unerträgliche Leichtigkeit des Seins” in Chinas Sweatshops

Die Armut der Wanderarbeiter und unzumutbare Arbeitsbedingungen gehören zu den großen Herausforderungen der chinesischen Arbeitspolitik. Die gesetzliche Pflicht zu Arbeitsverträgen und einige Mindeststandarts haben daran nichts geändert. Überstunden im Akkord gehören nach wie vor zur chinesischen Arbeitswelt. Die Selbstmordserie bei Foxconn rückt das Problem mal wieder ins Rampenlicht. Für Wang Yishu, Zhan Youbing und Liu Zhiyi von der Nanfang Zhoumo (South China Morning Post) ist außerdem ein klaffender, psychologischer Zwiespalt im Leben der Arbeiter wert, analysiert zu werden: der schizophrene Gegensatz zwischen maschinenartigem Funktionieren der Arbeiter im Betrieb und ihren Träumen und Wünschen von einem erfüllten Leben. Übersetzt aus dem Chinesischen von Jost Wübbeke und Jingjie Hou.


Am Tag der Arbeit veranstaltete die Stadt Foshan in Kanton eine Fotoausstellung unter dem Titel „Arbeiter”. Interessanterweise sind unter den fotografierten Protagonisten, den Fotografen und den Besuchermassen nicht wenig junge Menschen, die sich Jahre lang am Fließband abgemüht haben. Die Arbeiterin Zhao Qin, die in einer Möbelfabrik der Stadt Shunde jobbt, sagt: „Beim Anblick dieser Photos fühle ich Bitterkeit, aber auch Dankbarkeit. Ich hätte nicht gedacht, dass Bilder von uns Wanderarbeitern den Weg in solche Ausstellungsräume finden könnten.” In der Tat tauchen Wanderarbeiter selten an solchen Orten auf. Selbst wenn sie hier erscheinen, kennen doch nur sie selbst den Unterschied zwischen der Ausstellung und ihrem wirklichen Leben.
Schon vor fünf Jahren hat ein Arbeiter aus einer Elektronikfabrik im Ort Chang’an bei Dongguan in Kanton seine Fabrik und Lebensumwelt fotografiert. Vom Fotografiefieber erfasst, hat er anfangs eher ästhetische Photos geschossen. Oder solche, mit denen er gute Erfolgsaussichten bei Fotografie-Wettbewerben hatte. Langsam bemerkte er aber, dass das „total uninteressant” ist. Nachdem er einige Wirtschafts- und Managementbücher gelesen hatte, begann der Arbeiter über ernsthaftereFragen nachzudenken. Das aufsteigende Kapital hat ihn vom Dorf in die Stadt gezogen. Wohin kann er aber gehen, wenn das Kapital verschwinden sollte? Wohin sollen dann all die jungen, kräftigen Menschen hingehen? Daraufhin begann er, seine Kollegen und Nachbarn an den Fließbändern aufzunehmen. In gewisser Hinsicht kann er sich glücklich schätzen. Er ist auf der Karriereleiter bis in die Verwaltung aufgestiegen und beaufsichtigt nun die über zweihundert Wachmänner der Fabrik. Daher kann er seine Kamera zücken, wo immer er etwas fotografieren möchte. Außerdem kann er damit neben seiner „Arbeiter”-Karriere noch auf eine geistreiche „Beschäftigung” bauen. Die Meisten aber vergeuden in dieser eintönigen Maloche die besten Jahre ihres Lebens.

 

Gabelstabler statt Benz

Liqiang, der in einem Joint Venture in Shenzhen arbeitet, kehrt von seiner ersten Nachtschicht nachhause zurück. Er erinnert sich, dass er in seiner Ausbildung mit seinen Kumpeln „Wir lieben Überstunden” rufen musste. Das kam ihm schon ein wenig komisch vor. Ihm ist klargeworden, dass er nur mit Zusatzverdienst genug verdienen kann. Neben den acht Stunden Arbeit gibt es nicht viel, für das er sich interessiert. Außerdem glaubt er nicht, dass das bisschen Zusatzverdienst für mehr als ein paar Tage ausreicht. Er dachte immer, dass er weniger von der Familie eingeschränkt würde, wenn er arbeiten ginge. Seit er damit begann , geriet er in einen Strudel, noch weniger und stetig schwindender Freiheit: „Was kannst Du schon machen, wenn Du kein Geld hast?” Mit wenig Geld bleibt dir höchstens, mit dem Gabelstapler in der Fabrik hin- und her zu rasen und zu tun, als wäre es ein BMW oder Benz. Das ist nicht unbedingt langweilig, ist aber eigentlich nur ein wenig Spaß im Elend. Und man geht die Gefahr ein, vom Aufsichtspersonal erwischt zu werden und einen Verweis zu bekommen.


Liebe, am Fließband produzier
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Viele Leute wohnen lieber außerhalb der Stadt, weil da nicht die Maximalgrenze von zehn Leuten pro Wohnung gilt, das ist praktischer. Ab 70 Yuan kann man schon eine Wohnung für 10 bis 20 Quadratmeter mieten. Und noch wichtiger: man kann sich eine Freundin suchen. Dann ist das Leben nicht mehr so langweilig. Innerhalb und außerhalb des Fabrikgeländes kann man überall Liebespaare sehen. Zu bestimmten Zeiten treten sie gemeinsam aus der Tür. Da sie kaum Gelegenheit und Zeit haben mit Leuten außerhalb der eigenen Abteilung in Kontakt zu kommen, entstehen Liebschaften nur gleichzeitig mit dem Firmenprodukt, am selben Fließband. Später „verschmelzen” sie dann händchen haltend oder Schulter an Schulter miteinander – im Partnerlook der einheitlichen Arbeitsuniform – auf der Wiese, der Brücke oder dem Platz in der Nachbarschaft.


das seelische Meer der Arbeiter tobt

Nach dem ersten chinesische Weißbuch zur Gesundheit der städtischen Wanderarbeiter aus dem Jahr 2008 sind 69% der Wanderarbeiter mit ihrem gegenwärtigen Leben zufrieden und ihrem seelischen Zustand nach ziemlich optimistisch. Auf die Frage „Was denkst Du, wenn Du reiche Leute auf der Straße siehst”, antworteten 59% der Wanderarbeiter „gleichgültig”, während 33% sie nur „beneiden” und lediglich 4% „missgönnen”. Im Vergleich mit dem Weißbuch zur Gesundheit der Internetnutzer von 2007 lässt sich ein gesünderer Seelenzustand der Wanderarbeiter als der städtischen Angestellten feststellen – mehr als die Hälfte der Internetnutzer gestehen seelische Probleme ein. Die befragten Internetnutzer sind größtenteils städtische Angestellte.
Zwei Jahre später zeigt die Selbstmordserie bei Foxconn in Shenzhen, wie sehr das seelische Meer der Arbeiter eigentlich am toben ist. Dadurch werden auch Aussenstehende auf diese„Unterträgliche Leichtigkeit des Seins” (Anm. d. A.: Titel eines tschechischen Romans, der sich in der chinesischen Sprache als geflügeltes Wort eingebürgert hat) aufmerksam gemacht, die das Arbeiterleben in China bedeutet.

URL: http://www.infzm.com/content/45144?page=0

Kategorien: Politik. Permalink.

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