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Sehr geehrter Herr Ai, Sie sind zu schnell auf 180!

Harsche Kritik an Ai Weiwei übt die Bloggerin und Künstlerin Yu Gao, Ai sei ein „künstlicher Gott” und „Volksverräter”. Auslöser für ihre Rüge ist eine von Ai Weiwei gestartete Demonstration gegen den Abriss eines gemeinsamen Ateliers. Ai Weiwei würde bei jeder Gelegenheit direkt auf 180 sein, Öl ins Feuer gießen und statt friedlichem Dialog eine Radikalisierung von Problemen suchen. Der Blog löste eine breite Diskussion im Internet aus (siehe Blogübersetzung: Ai Weiwei- professioneller Revolutionär oder Künstler?). Die Kritik von Yu Gao übersetzte Volker Stanislav.


Personen Info: Ai Weiwei ist in Deutschland vor allem für seine Kritik an der chinesischen Regierung bekannt. Er kritisiert insbesondere Menschenrechtsverletzungen und setzt sich aktiv für den Umweltschutz in China ein. Wegen diesem politischen und gesellschaftlichen Engagement ist er regelmäßig Repressalien durch Chinas Staatsapparat ausgesetzt. Zuletzt versuchte er den Aktivisten Tan Zuoren zu unterstützen, welcher zu 5 Jahren Haft verurteilt wurde.

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Der erzwungene Abriss des Ateliers ereignete sich bereits am frühen Morgen des 22. Februars. Doch erst heute Morgen habe ich Zeit gefunden, darüber zu bloggen und die wirklichen Sachverhalte klarzustellen. Mein Ziel ist nicht, diesen Alptraum in den Medien publik zu machen, daher habe ich Interviewanfragen auch stets abgelehnt. Was mich jedoch stark wundert, ist Folgendes: Wieso manche Leute, die eigentlich gar nichts mit dieser Sache am Hut haben, so schnell auf 180 sind und sich dazu äußern? Verehrter Ai Weiwei, Sie sind ein guter Freund meiner Schwester und Xiaodongs. Deswegen begegne ich Ihnen mit einem gewissen Respekt. Aber dieses Mal empfinde ich für Sie nur Verachtung. Ihr Politikverständnis ist gewaltig, aber Sie sind schneller auf 180 als ein Rennauto.

Ich war eines der Opfer an jenem Tag. Ich fiel aus allen Wolken. Unser Anlass [das Atelier zu retten] ist Grund genug, um auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren. Aber auf folgendes Prinzip poche ich unablässig: Im Zhengyang Atelier müssen groß angelegte Aktionen immer mit absoluter Mehrheit beschlossen werden. Auch wenn ich verprügelt oder beraubt werden, so heißt das noch lange nicht, dass andere Künstler mir folgen müssen und sich mit mir gemeinsam beschweren müssen. Wären ich und die anderen fünf Künstler beim Abriss des Zhengyang Ateliers dabei gewesen, würde es heute noch stehen. Die Regierung hatte an jenem Morgen schon klipp und klar gesagt, dass sie sich dieser Sache annehmen würde. Auch wenn niemand daran geglaubt hätte, der Dialog hätte nicht durch die Demonstration zerstört werden dürfen! Wir haben drei Monate lang gekämpft, nur mit dem Ziel vor Augen, eine friedliche Lösung für alle Seiten zu finden.

„die Regierung ist schon seit 60 Jahren an der Macht und Ihr glaubt noch immer an sie.”

Ich habe gehört, dass Sie an jenem Tag nachmittags im Zhengyang Atelier angekommen sind und alle zum Demonstrieren angestachelt haben. Doch niemand schenkte Ihnen Aufmerksamkeit. Daraufhin haben Sie begonnen, die Anwesenden zu beschimpfen: „die Regierung ist schon seit 60 Jahren an der Macht und Ihr glaubt noch immer an sie. Werft mal einen Blick in den Spiegel, ihr Arschlöcher!” Anschließend sind Sie zum 008-Atelier gegangen und haben die Leute zur Chang An Straße geführt, während Sie ein paar Fotos gemacht haben. Niemand konnte unterscheiden, ob Sie Demonstrant, Arbeiter oder bloß ein Fotograf waren, der zufällig vorbeigelaufen ist. Die ausländischen Medien konnten Sie als Anführer einer Demokratie-Bewegung zum Schutz des Ateliers darstellen. Wenn die Polizei gekommen wäre, dann hätten Sie Zeit genug gehabt zu fliehen. Heute haben Sie noch jeden von uns anrufen lassen mit der Nachricht, dass wir auf gar keinen Fall den Namen „Ai Weiwei” erwähnen dürfen, falls uns die Polizei nach dem Vorfall fragt.
Liu Yi und Wu Yuren wurden im Zhengyang Atelier verprügelt. Ich habe genug Verständnis für die Aktionen der beiden. Aber wenn die zwei außer Kontrolle geraten, dann sollten Sie auf Grund ihrer Erfahrung und ihres Erfolgs einschreiten und die beiden beruhigen. Es gehört sich schlicht und einfach nicht, wegen einer Schlägerei in der Chang An Straße solch eine große Show abzuziehen. Was kann man denn schon Großes in der Chang An Straße erreichen? Das Ziel liegt doch darin, dass die Regierung das Problem lösen soll. Nicht die US-Regierung, sondern die chinesische Regierung ist hier am Steuer. Sie aber wollen diesen Anlass dazu ausnutzen um die ganze Sache eskalieren zu lassen. Die tatsächliche Vertragsbetrügerei und die Abrissaktionen sind aber nicht spektakulär genug dafür. Sie wollen hier einfach eine weitreichende Demokratie-Bewegung wie die Bewegung am 4. Juni ins Leben rufen.

provozieren und radikalisieren

Als Zeuge dieses Ereignisses muss ich Sie heute schelten. Sie sind ein Volksverräter, vollkommen schamlos. Sollte es jemals zu einer Eskalation dieses Zwischenfalls kommen, werden viele Leute wegen Ihnen geopfert werden. Kein Künstler würde auch nur einen Yuan an Erstattung erhalten. Ohne Erlaubnis der Künstler im Zhengyang Atelier sind Sie demonstrieren gegangen. Daraufhin haben die Medien Sie als Gott stilisiert, der die Rechte Aller verteidigt. Sie haben de facto die 20 oder 30 Jahre jüngeren Künstler verraten. Meinen Sie, dass Sie weiterhin ihres Respekts würdig sind?
Manche Leute wollen gerne mit Verweis auf ihre Menschenrechte Leute um sich schaaren und Ereignisse eskalieren lassen. Gestern wurde im Internet verbreitet, dass die Polizei bereits nach Wu Yuren und Liu Yi fahndet. Wir wurden aufgefordert, als Gruppe gemeinsam zum 008-Atelier zu gehen, um die beiden zu unterstützen. Heute wurde verbreitet, dass Wu Yuren ein Polizeiauto verbrannt haben soll. Morgen wird bestimmt wieder ein anderes Gerücht die Runde machen. Das Ziel ist klar: mit allen Mitteln die Leute provozieren um sie zu radikalisieren. Dabei haben die Rädelsführer schon eine Rangordnung unter sich festgelegt. Ich möchte nur sagen: Liu Yi, Wu Yuren, ihr wart beide gute Kämpfer in der Schlägerei und alleine seid ihr so schon zu Helden geworden, aber ihr seid keine klugen Menschen. Auf der Chang An Straße werdet ihr nichts werden. Das ist nämlich nur ein Platz für Medienunterhaltung.

Die Elite der Künstlerwelt

In der Künstlerwelt dominiert immer nur die Meinung der Elite und der Mächtigen. Elite ist manchmal gleichzusetzen mit Gewalt. Wenn man da oben sitzt und trotzdem für Gleichheit plädiert, ist das nicht zu seltsam? Ich dagegen schätze die Freiheit, die vom Westen immer betont wird. Deswegen bin ich in keiner Partei, denn erst wenn man sich mit keinem zusammenschließt, achtet man die Würde des einzelnen Menschen. Eine Gruppe, die sich mit irgendeiner Wahrheitslehre betitelt, ist letzten Endes auch nichts anderes als eine Sekte. Ihr wart schon erfolgreich genug, ihr braucht nicht auch noch andere angreifen!
Ich hoffe wirklich, dass die Leute, die diesem Ereignis Beachtung schenken, nicht von einigen wenigen Medien oder Gerüchten getäuscht werden. Die Künstler haben das Recht, als normale Menschen zu leben, ihr privates Eigentum zu schützen, zu verreisen und ungestört zu leben. Es bleibt jedem selbst überlassen, ob er ein Held im Namen der Gerechtigkeit sein will oder nicht. Das ist sowieso nichts als eine Maske, hinter der ein paar Witzbolde stecken. Ich beschimpfe selten andere Mitmenschen und auch nie hinter deren Rücken. Wenn das hier den Fans Ai Weiweis nicht gefällt, dann könnt ihr mich auch beschimpfen. Ich habe keine Angst, weder vor der Abrissbirne noch vor den Gewalttätigen unter Euch. Und auf jeden Fall lasse ich mich nicht einer Gehirnwäsche eines künstlichen „Gottes” unterziehen.

 

aus: http://blog.artintern.net/blogs/articleinfo/yugao/89132

Kategorien: Gesellschaft. Permalink.

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