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Razzia in Chinas Sex-Hauptstadt

Prostituierte in China © Baidu Baike

Prostituierte in China © Baidu Baike

6.000 Polizisten rückten Anfang Februar 2014 in Dongguan gegen einen Staatsfeind aus – die Prostitution. Viele Chinesen empört dabei die Scheinheiligkeit der Behörden und die Sittenwächterei des Staatsfernsehens, dessen Enthüllungsbericht der Aktion vorausging.

 

Auf Sex umgeschult

 

„Sex-Hauptstadt“ – in China hat Dongguan einen zweifelhaften Ruf. Prostitution à la Dongguan ist zu einer Marke, zu einem Qualitätssiegel geworden. Könnte man Patente für Service-Innovationen beim käuflichen Sex anmelden, dann säßen viele Patentinhaber in dieser südchinesischen Industriestadt am Perlflussdelta.

 

Über fünf Milliarden Euro Gewinn mache die Sex-Industrie dort jedes Jahr, mutmaßt die Zeitschrift Vista. Zu den reichsten Städten des Landes zählt Dongguan aber aus einem anderen Grund: Dort liegt die Wiege des „Made in China“-Siegels, dort wurde China zur „Werkbank der Welt“, zum Eldorado der Billigindustrie.

 

Die Stadt wurde zum Menschenmagneten. Zwölf Millionen sollen es heute sein, darunter geschätzte 300.000 Prostituierte. Viele von ihnen sind ehemalige Arbeiterinnen, deren Fabriken während der Asien-Krise 1997 und der Weltwirtschaftskrise 2008/09 schließen mussten. Über sie zogen seit 2003 wiederholt „Taifune“ hinweg – so nennt die Branche die Großrazzien der Polizei.

 

Seelenverkäufer mit versteckter Kamera

 

Zur bisher umfangreichsten Razzia kam es am 09. Februar 2014: Knapp 2.000 Clubs, Karaoke-Bars und Massage-Salons wurden durchsucht. Das chinesische Staatsfernsehen berichtete ausführlich und zeigte wenige Stunden zuvor einen Undercover-Bericht.

 

Im Zuge der landesweiten Kampagne gegen Prostitution bauscht man Dongguan zum Sündenbabel auf, an dem ein Exempel statuiert wird. Viele Kommentatoren solidarisieren sich daraufhin mit den Menschen dort. Die South Metropolitan Daily gibt über Sina Weibo einen vielbeachteten Schlachtruf aus:

 

Dongguan, halte durch!东莞挺住!

 

Ein „historisches Ereignis“ nennt das Investors Journal Weekly die Welle der Kritik, die über Chinas Behörden und Staatsfernsehen hereinbricht. Am Pranger steht besonders deren Doppelmoral. Ohne Schutz durch Offizielle wäre Dongguan nicht zum Mekka der Prostitution geworden, lautet der Tenor. Der Politikwissenschaftler Zhang Ming wundert sich über den Zickzack mancher Staatsdiener.

 

Hose runter und Hure nehmen, Hose hoch und Hure verhaften: Nicht wenige Polizisten sind Stammkunden der „Fräuleins“.好些警察,脱下裤子嫖娼,穿上裤子扫黄,都成了小姐的熟客。

 

Auf Twitter charakterisiert dies Rechtsanwalt Liu Xiaoyuan ähnlich.

 

Prostituierte verkaufen nur ihren Körper, nicht ihre Seele!性工作者只出卖肉体,没有出卖灵魂!

 

Das richtet sich auch gegen das Staatsfernsehen, dessen Betriebsblindheit erneut unter Feuer steht. Das Investors Journal Weekly fragt:

 

Warum nutzt das Staatsfernsehen seine große Macht nicht, um den Verbleib der Beamtenvermögen oder die gewaltige Korruption in marktbeherrschenden Staatsunternehmen aufzudecken?央视那巨大的力量为什么不去曝光官员的财产去向,为什么不去揭露占据统治地位的央企巨额的贪腐。

 

Stattdessen ziele man auf die Schwachen einer Gesellschaft und trete ihre Würde noch mit Füßen, indem man sie vor die Kamera zerre, empört sich der Rechtsanwalt Du Zhaoyong im Interview mit der Deutschen Welle. Das Mitgefühl für die Prostituierten ist groß, oft fordern Nutzer einen besseren Schutz ihrer Rechte.

 

Moralapostel Staatsfernsehen

 

Auf diese Kritik antwortet die staatseigene Volkszeitung mit einer Warnung, die sich besonders gegen die als Meinungsmacher wichtigen Stars sozialer Medien richtet.

 

Wacht auf, die rote Linie von Moral und Recht darf nicht überschritten werden!醒醒,不要触碰道德和法律的底线!

 

Diesen altbackenen, von der Prüderie der Mao-Jahre getragenen Ton verbitten sich allerdings mehr und mehr Chinesen.* Die Sexualmoral der Menschen habe sich in China sehr verändert, resümiert die Professorin und Feministin Ai Xiaoming im Interview mit der Deutschen Welle. Prostitution sei längst zur gesellschaftlichen Normalität geworden – in Dongguan wie anderswo. Auf das Moralin der Staatsmedien reagieren da viele Nutzer allergisch. Dem Investors Journal Weekly stößt auch die Art und Weise auf, wie es immer noch verabreicht wird.

 

Sie machen sich zu deinem Vater. Nur er darf reden, du nicht. Und dann sagt er dir noch, alles sei zu deinem Besten.他们把自己当成你爸爸,只许他说话、不许你说话,而且他还会告诉你,这一切都是为了你好。

 

 

___

 

* Wie in anderen kommunistischen Staaten war auch in der Volksrepublik China Sex lange Zeit ein Tabuthema, besonders in den ersten Jahrzehnten seit 1949. Prostitution und Pornographie wurden verteufelt, ebenso war Homosexualität strafbar.

 

 

 

Zum Weiterlesen

 

Massive Police Crackdown on Dongguan Prostitution Industry”, China Smack, 11.02.2014.

 

Kein Ende der Doppelmoral“, Deutsche Welle, 23.02.2014.

 

Weine nicht, Dongguan!“, tagesschau.de, 11.02.2014.

 

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1 Antwort zu Razzia in Chinas Sex-Hauptstadt

  1. Pingback: Über die Folgen der Säuberungsaktion in Dongguan | Newswok

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