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Meinungsquerschnitt zu Liu Xiaobos Verurteilung

Was sagen Chinas Intellektuelle zur Verurteilung Liu Xiaobos? “Ich frag mal nach”, dachte sich die Professorin Cui Weiping der Filmakademie in Beijing und machte ein Querschnittsinterview mit Chinas geistiger Elite. Der Blogger Shihhow zitiert aus ihrem Blogeintrag, und fasst die Ereignisse um Liu Xiaobo nochmal zusammen. Eine gekürzte Übersetzung von Volker Stanislaw.

Der ehemalige Sinologieprofessor Liu Xiaobo wurde wegen seiner „subversiven Aktivitäten“ ins Gefängnis gesperrt. Im Jahr 2008 wirkte er maßgeblich an der Charta 08 mit, die neben grundlegenden Werte wie Freiheit, Gleichheit und Menschenrechten auch einen Rechtsstaat fordert. Die Charta 08 wurde 2008 am Internationalem Menschenrechtstag unterschrieben von 303 chinesische Intellektuellen veröffentlicht. Zwei Tage vor der Veröffentlichung der Charta 08 wurde Liu Xiaobo von Polizisten der Staatssicherheitsbehörde verhaftet und seine Wohnung durchsucht. Nachdem Liu mehrere Monate ohne rechtliche Grundlage festgehalten worden war, wurde er am 23.6. 2009 offiziell wegen „Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt und zum Umsturz des sozialistischen Systems“ angeklagt. Anfang Dezember 2009 veröffentlichten 328 Initiatoren und Unterzeichner der Charta 08 die Erklärung: „Wir wollen mit Liu Xiaobo zusammen Verantwortung übernehmen“. Am 24.12.2009 wurde Liu Xiaobo zu elf Jahren Haft verurteilt und seine Frau Liu Xiaunter Hausarrest gestellt. Diplomaten aus Ländern wie Amerika, England und Schweden, waren vom Prozess ausgeschlossen. 50 chinesische Intellektuelle verfassten eine Protesterklärung gegen den Prozess. In Taiwan forderten zahlreiche Professoren, Regisseure und Schriftstellen, Liu Xiaobo sofort freizulassen. Dasselbe forderten auch der US-Kongress, die EU, Amnestie International und PEN sowie 150 westliche Wissenschaftler und Schriftsteller, darunter auch Salman Rushdie. […] Cui Weiping, eine Professorin der Beijinger Filmakademie, veröffentlichte einen Blogeintrag mit dem Titel „Ich frag nur mal“, in dem sie zahlreiche chinesische Intellektuelle zur Verurteilung Liu Xiaobos interviewte. Hier einige Auszüge:

Gu Zhangke (Regisseur und Gewinner des Goldenen Löwen bei den 63. Filmfestspielen von Venedig): “Die ganze Sache ist schwer verständlich und bedrückend. Heißt das, wir dürfen uns jetzt nicht mal mehr Vorschläge für unser Land ausdenken?”

Bei Dao (Dichter und Mitglied der amerikanischen Kunst- und Literaturakademie): “Für die Eigene Meinungen angeklagt zu werden, lässt die Menschen die vergangenen Schatten eines alten Systems spüren. Das erinnert mich an die Rechtsprechung von vor 30 Jahren. Ist es möglich, aus diesem Schatten herauszutreten?”

[…]

Cha Jianying (Autor in den USA, ehemaliger Journalist für “New Yorker” und “New York Times”): “Wir, die die Meinungsfreiheit des Individuums befürworten, sindWeihnachten 2009 Liu Xiaobo. Geben wir Liu Xiaobo auf, so geben wir uns selbst auf. Geben wir heute unsere Freiheit auf, so haben unsere Kinder morgen eine Begründung dafür, uns aufzugeben. Dem Regime fehlt die Courage und Ehre der älteren Generation.”

Han Shaogong (Autor, ausgezeichnet mit der französischen Kunstmedaille) sagte am Telefon, er wisse, dass Liu Xiaobo zu 11 Jahren Haft verurteilt worden sei. Jetzt wäre es ungünstig über dieses Thema zu sprechen. Ein, zwei Jahre später könne man darüber schreiben.

[…]

Xu Dai (Kulturforscher und Professor für Ästhetik und Literatur an der Zhejiang Universität): “Als ich diese Nachricht gehört habe, konnte ich sie weder akzeptieren noch glauben. Es ist unzivilisiert und dumm. Obwohl es in unserer Geschichte Aufzeichnungen über die brutalste Tyrannei gibt, ist es trotzdem absurd, dass so etwas heutzutage, in einem Land passiert, das wirtschaftlich ‘auf Platz 3 der Weltrangliste’ steht. Das ist schockierend, ärgerlich und ekelhaft.”

Liang Wendao (Literaturkritiker und Moderator bei Phönix TV): “Liu Xiaobo wird als Dissident’ bezeichnet. Aber was heißt denn Dissident? In einer normalen Gesellschaft dürfen viele unterschiedliche Meinungen existieren. Jeder Mensch denkt anders. Wie kann man ‘Dissident’ denn definieren? In Hongkong, Taiwan, in den USA usw. habe ich viele Intellektuelle gesehen, die sich gerne als ‘Dissidenten’ bezeichnen. Im Iran, in Myanmar und in China werden Intellektuelle jedoch zwangsweise als Dissidenten bezeichnet. Das Wort ist fast eine Anklage. Nur in einem Land, in dem bloß eine einzige Meinung als die richtige anerkannt wird, ist jemand wie Liu Xiaobo ein Dissident.”

[…]

He Weifang (Rechtswissenschaftler und Juraprofessor der Beijing Universität): “Vor kurzem wurde ich telefonisch aus dem Ausland interviewt und nach meiner Meinung zu der 11 jährigen Haftstrafe von Liu Xiaobo gefragt. Ich habe einfach gesagt: Ich habe dazu nichts zusagen.’ Der ausländische Reporter hakte nach: ‘Finden Sie ein 11-jähriges Urteil zu hart?’ Ich fragte zurück: ‘Finden Sie, ein drei jähriges Urteil wäre besser? Für einen Unschuldigen, ist auch ein einziger Tag Haft zu viel. Ein Tag ist schon ein Justizirrtum. Außerdem, denken Sie, dass er wirklich 11 Jahre lang im Gefängnis bleiben wird?’

Mo Yan (Schriftsteller und Autor von “Hong Gao Liang”): “Ich kenne die die Umstände nicht wirklich und möchte nicht darüber sprechen. Ich habe gerade Gästemit denen ich mich unterhalten möchte.”

Zhang Yihe (Schriftsteller und Autor von “Wangshi bingbu ruyan”): “1968 bin ich als Konterrevolutionär verurteilt und zu 20 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden. 2009 wurde Liu Xiaobo zu elf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Mit 40 Jahren Zeitabstand sind wir beide für unsere Worte verurteilt worden. Das wirft unweigerlich die Frage auf: Wie sehr hat sich unser System eigentlich wirklich verändert? Hat unsere Gesellschaft überhaupt Fortschritte gemacht?”

[…]

Hu Xingdou (Wirtschaftsprofessor aus Beijing): “Über den Fall Liu habe ich mich schon in vielen Interviews ganz offen geäußert: China hat bereits begonnen,Meinungen zu bestrafen und die Grenze zwischen zivilisiertem und autoritärem Staat durchbrochen. Unabhängig davon, wie sehr Chinas Wirtschaft boomt, China ist de facto ein unzivilisiertes Land. Der Wirtschaftsboom ist eine anormale Wirtschaftsblase, gefüllt mit Privilegien und Korruption. Hitlers Wirtschaft boomte, Stalins Wirtschaft ebenso, am Ende wurden sie jedoch von der Weltöffentlichkeit verachtet. In dem Moment, in dem sie andere politische Meinungen unterdrückten, verloren sie endgültig den Bevölkerungszuspruch.”

Cheng Yizhong (Vizepräsident der Kommunikationsfirma Dongfang Qiyejia): “Liu Xiaobo ist unschuldig, seine Gedanken und Worte sind eine Begabung und ein Menschenrecht. Sie sind auch konform mit der chinesischen Verfassung. Tatsächlich ist er ein Vorbild für chinesische Intellektuelle. Als Liu Xiaobo wegen seiner Worte verurteilt wurde, sind Anstand und Zivilisation mit Füßen getreten worden. Das ist unverschämt und dumm. Das Urteil zeigt die Angst der Ankläger. Wenn man über Liu Xiaobos Urteil schweigt, wird sich das Schlechte ausbreiten. Schweigende werden zu Mittätern.”

Chen Lichuan (Intellektueller in Frankreich): “Liu Xiaobos Urteil hat erneut gezeigt, dass die Verfassung eines Staates nicht stark genug ist, um die Meinungsfreiheit seiner Bürger zu schützen. Mir ist ein Zitat von Kant eingefallen. Sinngemäß besagt es: die größte Weisheit beeindruckt die Menschen nicht durch das, was sie ihnen zeigt, sondern auch durch das, was sie nicht zeigt.“ Dieses Zitat sollten die Regierenden in Betracht ziehen. Außerdem überraschten mich die Reaktionen mancher Schriftsteller sehr, die die Verurteilung Liu Xiaobos kalt ließ. Auf welcher Grundlage schreibt denn ein Schriftsteller, der sein Gewissen verloren hat?”

Yang Xiaobing (Dichter, Kritiker, Dozent an der Universität Mississippi und Gastprofessor an der Beijing Shifan Universität): “Eine harmonische Gesellschaft die auf der Vernichtung aller Dissidenten basiert, ist beschämend und heuchlerisch. Das wichtigste Element von Harmonie ist das Tolerieren unharmonischer Stimmen. Ich teile Liu Xiaobos Meinung nicht unbedingt, trotzdem unterstütze ich ihn. Sonst wird sein Schicksal zu unser aller Schicksal.”

Bao Kun (Fotograf): Ehrlich gesagt habe ich Liu Xiaobo nie gemocht. Die Charta 08 habe ich auch nur im Internet überflogen und fand sie uninteressant. Aber es ist sein Recht, seine Meinung zu äußern. Ich kann nicht verstehen, dass Liu wegen seiner Meinung verurteilt wurde. Bei dem Aufstieg zur Großmacht ist so etwas eine Schande. Zivilisation ist nicht nur Wirtschaftsboom.”

Geng Zhanchun (Professor des Humanitätsverbreitungsinstituts der Hainan-Universität): “Ob man nun den in Liu Xiaobos Artikeln vertretenen Standpunkt akzeptiert oder nicht: Es gibt eine Sache die sicherlich niemand akzeptiert, nämlich dass jemand wegen seiner Worte ins Gefängnis kommt. Das ist universell anerkannt. Niemand kann wegen ein paar Schriften zum Held werden, aber wenn man wegen seiner Meinungen zum Verbrecher wird, wirft das einen dunklen Schatten in der Geschichte. Oh Vaterland, sperre deine Kinder nicht für den Mut zur Wahrheit ins Gefängnis. So wirst du nur schwach in Geist und Herz. Ich bete für ein starkes und tolerantes Vaterland.”

aus: http://blog.omy.sg/shihhow/archives/1116

Cui Weiping auf twitter: https://twitter.com/cuiweiping

 

Kategorien: Gesellschaft. Permalink.

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