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China im Gedichtfieber: Des einen Freud, des andern Leid

Schön anzuschauen, aber schwer zu lernen: klassisches chinesisches Gedicht; (c) Wang kun hung auf Flickr, http://tinyurl.com/jsoaurd

Schön anzuschauen, aber schwer zu lernen: klassisches chinesisches Gedicht; (c) Wang kun hung auf Flickr, http://tinyurl.com/jsoaurd

Wie viele klassische Gedichte lernen chinesische Schüler auswendig? Die Antwort einer 16-jährigen Schülerin: 2000. Auch jenseits des Hypes, den eine aktuelle TV-Show erzeugt hat, wird klassischen Gedichten in der frühkindlichen Erziehung in China immer noch große Bedeutung beigemessen.

 

 

 

Die TV-Show „Konferenz der chinesischen Gedichte“ 中国诗词大会 von CCTV-10 ist seit einem Monat in China überaus erfolgreich. Für Zuschauer wie Teilnehmende scheint besonders das Motiv der Verbreitung klassischer Kultur anziehend. Die Teilnehmenden im Alter von 7 bis 60 Jahren, darunter Schüler, Doktoranden, Bauern und Selbstständige, müssen in der Sendung nach unterschiedlichen Regeln klassische Gedichte auswendig vortragen. Die angesagte Show führt dazu, dass es vor allem für Schülerinnen und Schüler derzeit chic ist, klassische Gedichte auswendig zu lernen. In einer Buchhandlung in der Stadt Zhengzhou sind z.B. im Vergleich zum letzten Jahr 20% mehr Gedichtsammlungen verkauft worden. Allerdings birgt diese Leidenschaft auch einen gewissen Zwang in sich.

 

Mit Zwang zum Erfolg?

 

Zou Ziwen, Schüler der fünften Klasse, erzählt im Interview mit der chinesischen regionalen Zeitung Dahe Daily, dass seine Mutter wegen der TV-Show einen Lernplan für ihn erstellt habe. Gemäß dem Plan müsse er zwei Gedichte pro Woche auswendig lernen:

 

Egal ob ich es mag, ich muss auswendig lernen. Aber auch wenn ich es schaffe, verstehe ich die Bedeutung (der Gedichte) noch lange nicht. Das ist wirklich kein Vergnügen.郑州文化绿城小学五年级学生邹子文告诉记者,自从假期看了节目,妈妈就专门制定了背诗计划,任务是每周2首诗词。“不管我喜不喜欢,就是背下来,能死背下来,可我根本就不懂什么意思,觉得好没劲.

 

Überforderung kann leicht die Freude an Poesie verderben. Netzbürgerin Ye Xiaozi erzählt auf der Diskussionsplattform Zhihu von einem solchen Fall.

 

Im letzten Monat habe ich einem Schüler der dritten Klasse Nachhilfe gegeben. (…) Seine Eltern nehmen die Erziehung des Kindes sehr ernst. Sie haben ihn für einen Chinesischkurs angemeldet, als er noch sehr klein war. In diesem Kurs hat er den „Drei-Zeichen-Klassiker“, den „Tausend-Zeichen-Klassiker“, „Das Große Lernen“, „Mitte und Maß“ und „Gespräche des Konfuzius/Analekten“ (Anmerkung: Klassiker der chinesischen Antike) auswendig gelernt. Aber Zeichenschreiben wurde dort nicht gelehrt. (…) Aber, was nicht verwunderlich ist, von da an wollte das Kind nicht mehr lernen, egal was. Bald wird er in die vierte Klasse gehen, aber er kann kein 50-Zeichen-Tagebuch führen. Viele Grundzeichen kann er nicht schreiben. Zudem macht er auch seine Hausaufgaben nicht. (…)我上个月,给一个三年级的小朋友做家教,这个小朋友,就是个反噬的典型。 这个小朋友,家里很有钱,爹妈都有公司,孩子妈妈是个工商管理学博士,很重视孩子的教育。孩子小时候就给上了个国学班。这个国学班, 让孩子学会了背《三字句》、《千字文》、《大学》、《中庸》、《论语》,但是没有教孩子写字, 人家的教育理念是习字不必太早。 看到这儿,大家肯定觉得这个小朋友太厉害了,幼儿园的时候就会背这么多。但是殊不知,自那之后,孩子什么都不愿意学了。连写字也不学。 现在三年级升四年级,一篇五十字的日记写不利索,很多基本的字都不会写。更重要的是,他敢平时不写作业,考试不写卷子。 我给孩子辅导作业,头都大了,说什么都不写,哄也不写,凶更不写,反正我就是不写 ,写一个字就要走神半天,逼的急了就拉下脸,要不就哭。

 

Ein Schatz fürs Leben

 

Eine 13-jährige Teilnehmerin der TV-Show, Hou Youwen, erzählte people.cn davon, dass ihr ihre Großmutter die chinesischen Zeichen beigebracht habe, als sie erst ein Jahr alt gewesen sei. Ein Jahr später habe sie angefangen, Gedichte zu lesen. Als Schülerin der fünften Klasse (ca. elf Jahre alt), konnte sie bereits die ganze Gedichtsammlung „300 Gedichte aus der Tang-Zeit“ auswendig vortragen. Sie empfindet ihre eigene Kindheit als sehr glücklich.

 

Viele Chinesen berichten ferner, dass sie mit fortschreitendem Alter die Gedichte, die sie als Kinder auswendig gelernt haben, immer besser verstehen können. Schöne Verse im Gedächtnis zu haben kann einen tief berühren, wenn man dann tatsächlich einen ähnlichen Moment erlebt. Mupeng meint auf dem Forum Sohu, dass er mit schon vier oder fünf Jahren angefangen habe, Gedichte auswendig zu lernen. Es habe ihm nicht weh getan, weil die Gedichte so gut gereimt gewesen seien, dass sie ihm wie Kinderlieder vorgekommen seien:

 

Mit der Zeit bin ich groß geworden. Als ich im Frühling die Pflaumenblüten sah, habe ich sofort verstanden, was gemeint ist mit: „der Pfirsichbaum steht gesund und stark, seine aufgeblühten Knospen gleichen roten Flammen“ (…) Im Winter war es sehr windig. Der Himmel war düster. Fußgänger liefen sehr schnell. Als ich nach Hause kam, setzte ich mich neben den Ofen und blickte zum Fenster. Draußen fielen gerade Schneeflocken. Damals verstand ich erst die Verse „Es wird schneien am Abend“ und „Der kleine Ofen aus rotem Ton“. (…)  四五岁的时候,妈妈就教我背唐诗。不觉得痛苦,诗词押韵,和儿歌差不多,   “粒粒皆辛苦”,“上山打老虎”,也分不出高下,背着玩就是了。   慢慢的,就长大了。   春天,看到了盛开的桃花,突然明白什么是“桃之夭夭,灼灼其华”。   冬天,西风凛冽,天空阴沉,行人都急匆匆的奔走,到了家,烤着炉子,外边洋洋洒洒的下起了雪。知道了什么是“晚来天欲雪”,什么是“红泥小火炉”。

 

Es erscheint logisch, dass Kinder mehr lernen wollen, wenn das Lernen Spaß macht. Die Fragestellung „Wie viele klassische Gedichte kannst du auswendig?“ bringt jedoch nichts anderes als Stress mit sich. Eine vernünftige Einführung in die Welt eines Gedichtes bringt ganz eindeutig mehr Vergnügen.

 

 

Zum Weiterlesen:

 

Wolfgang Fromm, Bildung fängt im Kindergarten an – Probleme chinesischer Eltern bei der Kindergartensuche, SAC, 24.04.2013

 

Andrea Riemenschnitter, Chinas Kinder lernen nur noch, Tages Anzeiger, 03.12.2013

 

Andreas Landwehr, Auswendiglernen sehr gut, Phantasie ungenügend, Der Spiegel, 29.01.2011

 

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