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Filmindustrie in China: Politische Einflussnahme und Reaktionen der Bürger

Filmplakat von Hundred Regiments Offensive: Ein Film, den man in China "gesehen haben muss". movie.douban via Wikipedia.

Filmplakat von Hundred Regiments Offensive: Ein Film, den man in China "gesehen haben muss". movie.douban via Wikipedia.

Kurz vor der Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der japanischen Kriegskapitulation im zweiten Weltkrieg wurden im August und September 2015 die chinesischen Filme „Cairo Declaration“ und „Hundred Regiments Offensive“ veröffentlicht. Die offensichtliche Einflussnahme aus politischen Kreisen sorgte unter den chinesischen Bürgern für großes Aufsehen.

 

Neben außenpolitischen und wirtschaftlichen Offensiven versucht die chinesische Regierung ihren kulturellen Einfluss weltweit auszubauen. Ein Communiqué des Zentralkomitees von 2011 kam zu dem Schluss, dass es eine dringende Aufgabe sei, die Soft Power des Staats zu stärken. Um Chinas Geschichte aus eigener Sicht zu präsentieren, fördert sie unter anderem die Filmindustrie.

 

Besonders von Bedeutung war dies im Vorfeld der Gedenkaktivitäten um den 70. Jahrestag der japanischen Kriegskapitulation im zweiten Weltkrieg. Politische Kriegsepen, darunter auch die „Cairo Declaration“ und „Hundred Regiments Offensive“ kamen in die Kinos.

 

Im ersten Film geht es um die Konferenz von Kairo (1943), bei welcher der britische, amerikanische und chinesische Regierungschef die Kriegsziele im Pazifikkrieg gegen Japan besprachen. Für China war der damaligen Anführer der Nationalistenpartei Kuomintang Chiang Kai-shek angereist.

 

Erstaunlicherweise wird auf den offiziellen Werbematerialeien des Films jedoch der spätere Präsident Mao Zedong (1949-1976) gezeigt. Dieser hatte als Anführer der Kommunistischen Partei Chinas mit der Konferenz nichts zu tun. Die Irreführung der Zuschauer wird hier bewusst in Kauf genommen.

 

 

Reaktionen im Netz: Unmut und Sorge

 

Unter den Internetnutzern sorgte diese Art der politischen Einflussnahme für viel Unmut und Sorge. Der Weibo-Blogger und Filmkritiker Sima Pingbang stellte enttäuscht fest:

 

Der zweckentfremdete Gebrauch von Mao Zedong ist schon seit langem ein kulturelles Phänomen im heutigen China, welches ziemlich profitabel sein kann.恶意消费毛泽东,早就成了今天中国一个相当具有赢利竞争力的文化界现象.

 

Selbst die staatlich kontrollierte Tageszeitung „Global Times“ übte in einem Leitartikel Kritik an der verzerrten Darstellung im Film.

 

Eine solch offensichtliche Darstellung von Mao Zedong ist unpassend (…) Für den Laien ist ein Missverständnis geradezu unvermeidlich. (Mao) auf dem Plakat abzubilden, ist in der heutigen Zeit nur schwer zu akzeptieren.搞出如此突出毛泽东的电影海报也是不合适的 (。。。)对不了解该片来龙去脉的人来说,误读很难免。今天这个时代对这种海报语言未必能够接受。

 

Der bekannte Filmkritiker und Professor der Tongji Universität Zhu Dake sprach öffentlich aus, was viele denken:

 

Nur anti-japanische Themen unterliegen keinen Einschränkungen. Die Regisseure von Fernsehserien glauben, dass sie nur durch anti-japanische Themen von engstirnigen Patrioten gelobt werden, die dies mögen.只有抗日主题不受限制。电视剧编导人员认为只有借助抗日主题,他们才能赢得那些喜欢这类题材、思想狭隘的爱国人士的赞赏。

 

Zu ebenfalls unorthodoxen Mitteln griff man bei der Förderung des Films „Hundred Regiments Offensive”. Der Film behandelt eine Großoffensive der chinesischen Revolutionsarmee gegen die japanische Besatzung in Zentralchina im Jahre 1940.

 

 

Um den Umsatz und die Verbreitung des patriotischen Films zu steigern, wurden Kinobetreiber von der Regierung angehalten, den Verkauf von Kinokarten „mit allen Mitteln” zu durchzusetzen.

 

Die patriotische Bildung der Bürger ließ man sich einiges kosten. Zur Motivation durften Kinobetreiber nämlich den gesamten Ticketpreis behalten und mussten nicht wie sonst üblich 43 Prozent an die Vertreiber abgeben.

 

Ganze Schulen waren, wie Netzbürger „Alte Straße“ berichtet, gezwungen sich den Film gemeinsam anzuschauen.

 

Meine Schule forderte alle Schüler auf, diesen Film zu sehen. Über die Tatsache, dass Kinoeinnahmen geklaut wurden, rede ich erst gar nicht. Dieses Anschauen unter Zwang war sehr unbefriedigend.学校要求学生必须去看电影,偷票房什么的我就不说了,冲这种强制性的观看就很不满

 

Netzbürger „Jadore“ erzählt auf Weibo ebenfalls aus erster Hand, wie sie diesen Film sehen musste.

 

Heute hat uns unsere Firma dazu aufgefordert, gemeinsam den Film „Hundred Regiments Offensive” zu sehen. Au weia…今天单位要求集体去看百团大战,唉。。。

 

Politische Blockbuster zwischen Kommerz und Ideologie

 

Gemeinsam mit anderen politischen Blockbuster-Filmen wie „Aftershock“  sind „Cairo Declaration“ und „Hundred Regiments Offensive“ Filme, die den Spagat zwischen kommerziellem Druck und politischer Ideologie schaffen müssen.

 

Wie kritisch Chinas Filmemacher dem gegenüber stehen, zeigt der Kommentar vom Präsidenten der Produktionsfirma Huayi Brothers Wang Zhonglei:

 

Wo sind unsere ganzen Kinoeinnahmen geblieben? Nehmt bitte eure dreckigen Finger weg!票房都去哪了?请拿开脏手!

 

Es bleibt abzuwarten, wie viele Besucher solche Filme zukünftig in die Kinos locken. Ob diese aber überhaupt Einfluss darauf haben, welche Filmvorführung sie zu sehen bekommen, darf bei folgender Anekdote jedoch bezweifelt werden: Kinobesucher bekamen absichtlich Karten für den Film „Hundred Regiments Offensive“ ausgehändigt, obwohl sie einen anderen Film sehen wollten. Ein Video vom Ticketkauf stellten sie mit diesem Kommentar anschließend als Beweis ins Internet:

 

Die Kinoeinnahmen zu stehlen ist wirklich eine Schande. Die Filmindustrie ist krank!偷票房行为严重可耻!行业病瘤!

 

Zum Weiterlesen:

 

Lisa Krauss: „Sieben-Tage-Woche: Netizens verpassen Chinas größte Militärparade„, Stimmen aus China, 12. Oktober 2015.

 

„In China boomen Propaganda-Filme mit Mao-Imitatoren“, Die Welt, 05. Februar 2015.

 

Tom Philips: „Blogger ridicule Chinese film placing Mao Zedong at key wartime conference„, The Guardian, 17 August 2015.

 

Beitragsbild: Filmplakat via Wikipedia.

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