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Winterolympiade 2022 in Peking: Friede, Freude, Volkswohl – oder doch nicht?

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Peking und Zhangjiakou werden die Winterolympiade 2022 ausrichten © Chinese Olympic Committee via Wikipedia.

Peking hat geschafft was bisher noch keiner anderen Stadt gelang: Veranstalter der Winter- und Sommerolympiade zu sein. Diese Nachricht dominierte die Diskussionen in Chinas sozialen Netzwerken. Jedoch konnte sich nicht jeder über die Winterspiele im eigenen Land freuen.

 

Gerade sah ich die Verkündung (des Olympiaortes) im Fernsehen und als ich hörte, dass es Peking werden wird, bin ich vor Freude aufgesprungen.(...) 刚才看到电视转播,(…) 听到真的是北京,兴奋的蹦起来了

 

So freute sich Netzbürger „zizizizi“ als bekannt wurde, dass Peking 2022 die Winterolympiade veranstalten wird.

 

Shen Xue und Zhao Hongbo bei den olympischen Spielen 2010 in Vancouver © David W. Carmichael via Wikipedia

Shen Xue und Zhao Hongbo bei den olympischen Spielen 2010 in Vancouver © David W. Carmichael via Wikipedia

Und auch für die Olympiasieger im Paarlauf von 2010 und Imagebotschafter für die Bewerbung um die Olympischen Winterspiele 2022 Zhao Hongbo und Shen Xue, gab es kein Halten mehr:

 

Wir sind wirklich überglücklich. Worte können es gar nicht beschreiben! Alles hat sich in Tränen verwandelt!实在太高兴了,无法用言语表达!都变成了泪水!(…)

 

Insgesamt sei, so berichtet die staatstreue Nachrichtenagentur Xinhua, die Stimmung einfach prima:

 

Die Winterolympiade 2022 ist nicht nur eine Sportveranstaltung. Sie ist vielmehr ein Projekt für das Volkswohl. Die Vorfreude der Bürger ist grenzenlos. 承办2022年冬奥会,不仅是体育盛会,更是民生工程。老百姓对于民生的无数期待 (…)

 

Nicht alle freuen sich auf die Winterspiele

 

Die Vorfreude über die Winterspiele ist jedoch nicht so weit verbreitet wie Xinhua glauben machen will. Ein Mikroblogger kommentiert:

 

Nur Egomanen und Hirntote freuen sich. Das Geld von Steuerzahlern wird für das Ansehen von Politikern missbraucht!只有既得利益者和脑残才特么会欢欣喜悦,(...) 为官老爷的面子糟蹋纳税人的银子! (…)

 

Die Olympiakritiker stören v.a. die hohen Ausgaben. 2008 kosteten Pekings Sommerspiele 42 Milliarden US-Dollar. Damals sahen die meisten solche Summen noch ein, doch nun scheint sich ein Sinneswandel vollzogen zu haben, wie der Kommentar von Netizen „Zhao Jianmei_“ zeigt:

 

2008 war ich noch ein Kind. Damals war ich unfassbar stolz. Ich dachte, Olympiaausrichter zu sein ist ein Symbol für die Wirtschaftskraft eines Landes. Aber heute möchte ich nur sagen: Bitte verschwendet das Geld nicht so. Bitte nutz das Geld, um arme Bergregionen zu unterstützen. Bitte findet eine Lösung für Chinas Probleme.08年奥运会的时候我还是个小孩子。...08年的时候,我觉得办个奥运会光荣无比,这是一个国家是否繁荣的象征。...而现在我只想说,别浪费钱了好不好。请把这些钱支援到贫困山区去可好。请好好解决国内问题可好

 

Weibo-User „Immer Fisch 199205“ fragt sich ebenfalls, ob das Geld nicht an anderer Stelle besser investiert wäre:

 

Welche Vorteile bringt (die Winterolympiade) für die Bürger? Man kann entweder (für Olympia) Unsummen ausgeben oder aber den Armen helfen und dafür sorgen, dass es der armen Bevölkerung bald besser geht.对普通老百姓有用吗?大把大把的钱还是多去扶贫吧,让贫困百姓早点过上好日子,(…)

 

Solche Beurteilungen passen nicht zur von Oben geplanten Volksfreude, denn sie sind mittlerweile gelöscht worden. Offenbar fielen sie der Internetzensur zum Opfer.

 

Ironische Kritik

 

Vielleicht auch weil direkter Tadel schnell wieder verschwindet, bedienen sich andere Weibo-User der Ironie. „In einem Funken zerfallener Staub“ spielt auf ein anderes Problem an:

 

Und wieder werden wir den blauen Himmel erblicken können, den wir so lange nicht gesehen haben.  又要看到久违的蓝天了(…)。

 

Die Debatte um Pekings schlechte Luft war 2008 eines der wichtigsten Themen. Dass während der Sommerolympiade 2008 über Peking die Sonne schien, war den Behörden besonders wichtig. Sie ließen deshalb Fabriken schließen und erlaubten Autofahrern, nur jeden zweiten Tag zu fahren. Auch diesmal werden ähnliche Maßnahmen notwendig sein, um Pekings Luftverschmutzung vorübergehend in den Griff zu bekommen.

 

Nicht leicht zu lösen ist auch die Problematik, die Netizen „Zheng Manying“ anspricht:

 

Wir treffen uns dann alle, um Pekings Schnee zu bewundern.一起约去北京看雪

 

Peking ist bekannt dafür zwar kalte, aber trockene Winter zu haben. Chinas Hauptstadt wird jedoch nur die Wettbewerbe, die auf Eis stattfinden, austragen. Die restlichen Wettkämpfe veranstaltet die Provinz Hebei:

 

Gratulation an unser großartiges Vaterland. Ich bin stolz auf meine Heimatstadt Zhangjiakou祝福我们伟大的祖国,因自己生活在张家口而自豪, schreibt Weibo-User „Jäger 8310“. Dieser Netizen ist einer von 4,5 Millionen Einwohnern der im Westen meist unbekannten Stadt, die in einer Bergregion liegt. Sie wird die Schneewettbewerbe ausrichten. Dort sind die Winter zwar ähnlich trocken wie in Peking, aber die Regierung kann dadurch die geplante Vernetzung der Region vorantreiben. Das 200 km von Peking entfernte Zhangjiakou soll bis zur Olympiade mit einem Hochgeschwindigkeitszug innerhalb von 40 Minuten erreichbar sein.

 

Dies ist ein weiterer Schritt, um den Großraum Peking, Tianjin und Hebei zu einer Stadt, genannt Jingjinji京津冀, auszubauen. Der Plan ist, eine Mega-Metropole mit 100 Millionen Einwohnern entstehen zu lassen.

 

Das jedoch ist noch Zukunftsmusik. Genauso wie die Idee eines Netizens, der trotz der Kosten und ungelösten Umweltprobleme schon das nächste Sportevent plant:

 

Mit dem Erfolg der Pekinger Olympiade 2008 hat China bewiesen, dass es große Sportveranstaltungen austragen kann. Es ist an der Zeit, dass (China) eine Fußball-WM veranstaltet, nicht wahr?(…) 有了2008的成功 中国举办任何大型赛事都没有问题了,是时候准备世界杯了吧

 

 

 

Zum Weiterlesen

 

Charles Liu: „Beijing Mayor Says 99% of Beijingers Support Hosting the Winter Olympics”, The Nanfang, 06.08.2015.

 

Olympische Winterspiele 2022 in Beijing“, Newswok, 02.08.2015.

 

Fabian Luebke: „Olympia 2012 – China nach dem Goldrausch von London“, Stimmen aus China, 28.09.2012.

Kategorien: Gesellschaft, Politik, Umwelt, Tags: , , , , , , , . Permalink.

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Ein Kommentar zu Winterolympiade 2022 in Peking: Friede, Freude, Volkswohl – oder doch nicht?

  1. avatar Evelyn sagt:

    Ich bin immer wieder über die tollen, gut recherchierten Beiträge von Lisa Krauss fasziniert.
    Weiter so!

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