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Verbannung von HIV-Infizierten aus Badeanstalten: Neuer Vorschlag sorgt für Diskussion

Aidsbericht der Aktivistin und Gynäkologin Dr. Gao Yaojie - Sie setzt sich für mehr Vorsorgearbeit in China ein. © douban.com, via Wikimedia Commons

Aidsbericht der Aktivistin und Gynäkologin Dr. Gao Yaojie - Sie setzt sich für mehr Vorsorgearbeit in China ein. © douban.com, via Wikimedia Commons

Laut eines kürzlich veröffentlichten Gesetzentwurfs soll HIV-Infizierten zukünftig der Zutritt zu öffentlichen Bädern verweigert werden. Die Debatte im chinesisch-sprachigen Internet ist zwiegespalten: die einen befürchten mehr Diskriminierung der Betroffenen und zweifeln am Sinn dieser Regelung, andere Netizens sehen darin jedoch eine notwendige Maßnahme zum Schutz der Bevölkerung.

 

Gemäß des 2012 veröffentlichten Berichts der Gesundheitsbehörde lebten 2011 ca. 780.000 Menschen in China mit Aids oder HIV-Infektion. Seit 2003 erhalten sie u. a. staatlich finanzierte medizinische Versorgung. In der Gesellschaft werden Aidskranke aber häufig massiv diskriminiert. Mitmenschen begegnen ihnen oft mit Abscheu und Panik.

 

Die neuen Verordnungen

 

Am 11. Oktober 2013 veröffentlichte das chinesische Handelsministerium den Gesetzentwurf für die Sicherheit in öffentlichen Badehäusern und löste vor allem mit folgendem Paragraphen eine große Debatte aus:

 

Paragraph neun: Badeanstalten sollten folgende Schilder an gut sichtbarer Stelle anbringen: Personen mit Geschlechtskrankheiten, Aids und infektiösen Hautkrankheiten ist der Zutritt untersagt. Personen mit hohem Blutdruck und Herzerkrankungen sowie Alkoholmissbrauch etc. sind unerwünscht. (…)第九条 沐浴场所应在显著位置设立如下警示标志:禁止性病、艾滋病和传染性皮肤病患者入浴标志;高血压患者、心脏病患者、酗酒者等不宜就浴的标志;(…)

 

Zweifel und Gegenstimmen

 

In den Provinzen Yunnan und Zhengzhou wurden die meisten AIDS/HIV-Fälle gemeldet © Wikimedia Commons

In den Provinzen Yunnan und Zhengzhou wurden die meisten AIDS/HIV-Fälle gemeldet © Joowwww, via Wikimedia Commons

Besonders das angestrebte Verbot, Menschen mit HIV oder Aids den Zutritt zu Badeanstalten zu verweigern, sorgt für Unmut. Zahlreiche Ärzte und Wissenschaftler haben Zweifel ob des Verbots geäußert. Vor diesem Hintergrund schreibt „Longxiong helong“:

 

Einige Experten meinen, dass der HI-Virus in der Wärme des Badewassers nur schwer überleben kann. Er überlebt als Parasit im menschlichen Blut. Wenn er den menschlichen Körper verlässt, hat er kaum Überlebenschancen. (…) Gleichberechtigungsaktivisten meinen, dass der Gesetzentwurf nicht nur zu weiteren Missverständnissen hinsichtlich Aids, Diskriminierung und Panik führen wird, sondern auch nicht dazu beiträgt, den Virus einzudämmen oder zu bekämpfen. (…) Nur wer andere respektiert, kann Respekt von anderen erwarten. Das gilt für Kranke und die Gesellschaft gleichermaßen.有专家认为,艾滋病毒在浴池的水温中很难生存。艾滋病病毒寄生于人的血液中,离开了人体很容易死亡。(…)“平权”人士断言,这一规定除了加剧艾滋误解、歧视和恐惧之外,不可能会减少和控制艾滋传播。(…) 尊重他人才能得到他人的尊重,这一道理对患者和公众都适用。

 

Der Aktivist für homosexuelle Gleichberechtigung „Genosse Aqiang“* kritisiert das Vorhaben auf seinem Blog ebenso:

 

Von Aids und HIV Betroffene werden von ihrer Umgebung immer noch stark stigmatisiert und diskriminiert. Das Handelsministerium ist Teil der Regierung. Es sollte Verantwortung übernehmen und daran arbeiten, gesellschaftliche Vorurteile abzubauen. (Das Ministerium) sollte zudem eine harmonische Gesellschaft für HIV-Infizierte und Kranke schaffen und nicht für erneute Diskriminierung sorgen. (…)在HIV感染者和艾滋病人仍广受偏见和歧视的大环境下,商务部作为政府部门,理应承担责任,努力改变社会偏见,为艾滋病病毒感染者及病人创造和谐的生存环境,而非制造新的歧视 (…).

 

Zum Schutze Aller

 

Ein anderer Teil der Internetgemeinde befürwortet das Zutrittsverbot. Der Gesetzentwurf wird vielmehr als Sicherheitsmaßnahme verstanden und nicht als Diskriminierung. Journalist Qiao Zhifeng schreibt dazu:

 

Es ist unnötig zu sagen, dass es viele Missverständnisse und Diskriminierung gegenüber Aidskranken in unserer heutigen Gesellschaft gibt. Ich aber meine, dass das Zutrittsverbot für Aidskranke zu Badeanstalten nichts mit Diskriminierung zu tun hat. Das ist eine Überlegung, die mit Sicherheit und Gesundheit zusammenhängt. Nur „weil aus Aufzeichnungen nicht hervorgeht, dass jemals jemand in einem öffentlichen Bad angesteckt worden ist“, heißt das nicht, dass es diese Fälle nicht gibt. Und dass es diese Fälle nie gegeben hat, heißt auch nicht, dass es sie niemals geben wird. (…)毋庸讳言,误解和歧视艾滋病人的现象当今社会依然存在。但我认为,“禁艾滋病人进公共浴室”的做法,只是出于安全和健康方面的考虑,而与歧视无关。(…)“从未有调查显示曾有人因出入公共浴室而被感染”,不代表现实中一定没有这样的案例;以前没有,也不代表以后就一定不会有。(…)

 

Internetnutzer „sj8573210“ kommentiert einen Zeitungsartikel zum Thema und meint:

 

Manche Menschen sind einfach zu empfindlich, wenn es um Diskriminierung geht. (…) Natürlich ist es am besten, wenn die Aidskranken selbst die Dinge vermeiden können, die die öffentlichen Angelegenheiten beeinflussen.有些人对歧视太敏感了(...) 当然艾滋病患者如果能自觉避免一些可能会影响到公众的事是最好的。

 

Wang Yuedan, Lehrkraft an der Peking Universität am Institut für Immunologie, unterstützt das Ministerium.

 

Chinas zuständige Regierungsabteilungen erkennen an, dass Aids immer noch eine tödliche Krankheit ist. Obwohl sie verhindert und kontrolliert werden kann, gibt es keine Heilmethode. Die Verbreitung der Krankheit ist eine ernsthafte Bedrohung für die öffentliche Sicherheit in China. Deshalb brauchen wir strenge Regelungen. (…)(…) 我国有关部门也认识到,艾滋病目前还是一种致死性疾病,虽然可防可控,但并没有有效的治疗方法,是严重威胁我国公众安全的传染病,因此必须严格管理 (…).

 

Ob der Entwurf neue Ansteckung verhindert, ist äußerst fraglich. Denn laut des regierungseigenen Berichts von 2012 gehören nicht Schwimmer, sondern vor allem Sexdienstleister und Drogensüchtige zur Risikogruppe. Für Aufklärung zu sorgen, wäre effektiver, als Badegäste in Panik zu versetzen.

 

 

 

___

 

* Das Wort Genosse同志 wird hier nicht im ursprünglich Sinn „Parteimitglied“ verwendet sondern meint „Homosexueller“.

 

** Die UN-Organisation UNAIDS hat das Vorhaben scharf kritisiert. Der Gesetzentwurf müsse fallen gelassen werden, sagte UNAIDS-Koordinatorin Hedia Belhadj vor einer Woche. Sie betonte, es bestehe kein Risiko einer Aids-Übertragung durch einen Besuch im Badehaus.

 

 

 

Zum Weiterlesen

 

Umstrittener Gesetzentwurf: China will HIV-Positive aus Badehäusern verbannen“, Spiegel Online, 14.10.2013.

 

Johnny Erling: „Chinas First Lady als Engel der HIV-Infizierten“, Die Welt, 04.12.2012.

 

Viviane Lucia Fluck: „Dreißig Jahre AIDS aus chinesischer Sicht“, Stimmen aus China, 19.09.2010.

 

 

Zum Weiterschauen

 

Die Dokumentation „Together“ des Filmemachers Zhao Liang gibt einen Einblick in die Gefühlswelt HIV/Aids Betroffner in China.

 

Der Spielfilm „Love for Life“ (Regie: Gu Changwei) erzählt von Aidskranken im ländlichen China.

 

 

Kategorien: Gesellschaft, Politik, Tags: , , , , , , . Permalink.

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