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Der Streit um die Diaoyu-Inseln – antijapanische Proteste in China

Antijapanischer Protestmarsch in Shenzhen ©Florian Jung

Antijapanischer Protestmarsch in Shenzhen ©Florian Jung

Der Streit um die Diaoyu-Inseln (jap.: Senkaku-Inseln), die sowohl von China als auch Taiwan und Japan beansprucht werden, hat seit September 2012 zu teils gewaltvollen Protesten in chinesischen Großstädten geführt. Auch im chinesischen Internet hat der Konflikt zahlreiche Debatten ausgelöst.

Tausende Chinesen protestierten mit antijapanischen Bannern gegen den Kauf dreier der Diaoyu-Inseln durch die japanische Regierung. In Qingdao wurden japanische Geschäfte in Brand gesteckt, während in Xi’an der chinesische Besitzer eines japanischen Autos von einem Demonstranten bewusstlos geschlagen wurde und seitdem teilweise gelähmt ist. Obwohl ein Großteil der Chinesen den Anspruch der Regierung auf die Inselgruppe, die knapp 200km vor Taiwan liegt, gutheißt, so werden die eskalierten Proteste doch von Vielen kritisiert.

 

Boykott japanischer Waren – ein realisierbares Vorhaben?

 

Auf zahlreichen chinesischen Blogs und Meinungsforen kursieren Boykott-Aufrufe, Karikaturen, sowie interpretierte Redeausschnitte des japanischen Premierministers Yoshihiko Noda. Der bekannte Blogger Li Chengpeng hinterfragt die Umsetzbarkeit eines solchen Boykotts:

 

Ich bin Patriot, aber allein zu kämpfen funktioniert nicht. Es bringt nichts, die ganze Zeit nur zu schimpfen, und daher habe ich relativ schnell daran gedacht, japanische Waren zu boykottieren. Gestern Abend war ich mit einem Freund (…) in einer Bar und in einem Anfall von Mut schlug er vor, ein Banner mit der Aufschrift „Japaner verboten“ am Lokal anzubringen. Er war sehr impulsiv und wollte direkt ein (japanisches) Elektronikgeschäft auf der Straße in Brand setzen. Nach einer Weile hatte er sich wieder beruhigt und wir schauten uns in der Bar auf einem japanischen Fernseher ein Fußballspiel an und hörten danach Lieder auf einem Gerät von Yamaha… Das ist die Realität unserer Boykottpläne – ich glaube das Boykott eine Einstellung ist. Es ist notwendig zu boykottieren. Nur ist es schwer etwas vollständig zu boykottieren, da man relativ schnell bemerkt, dass du dich in mir und ich mich in dir wiederfinde. Seltene Erden kann man boykottieren, da sie keinen Einfluss auf das Alltagsleben der normalen Chinesen haben. Die Effizienz mag zwar geringer sein [als bei einem vollständigen Boykott], aber so wird immerhin nicht das Leben der Chinesen verschlechtert. (…)我是一个爱国的人,可单挑是不行的,骂来骂去也没个什么用,所以我自然联想到抵制日货,昨天在当初跟我一起冲进北川的一个朋友酒吧里聊天,那次救灾他很勇敢,这次他说要在酒吧里打出“日本人禁止入内”的横幅,他很激动,简直想立马烧了大街上的电器店,很久才得以平静,然后我们一起在酒吧里通过硕大的日产电视看球赛,然后听酒吧里雅马哈琴里传出的曲子……这是抵制日货的现状,我觉得抵制是一种态度,必须抵,但很难做到完全抵,因为抵来抵去后,大家发现你中有我,我中有你,抵了半天难免抵到自己。稀土是可以的,这个不影响到普通中国人的生活,是战略抵,但这没必要动员老百姓去玩生活抵,跟老百姓有关的不是稀土,是稀饭。

 

 

Sind chinesische Medien mitschuldig an der Eskalation der antijapanischen Proteste?

 

Blogger Yang Hengjun geht auf die Rolle der Medien in der Entwicklung der Diaoyu-Proteste ein.

 

Die Berichterstattung zur Diaoyu-Frage ist im Westen und in Japan eher spärlich und in China viel zu ausgeprägt. Das führt dazu, dass die Chinesen die Dinge um sich herum vergessen, aber ganz genau wissen, was für Werte in der Nähe der Diaoyu-Inseln schlummern. Es interessiert sie nicht mehr, wer für sie verantwortlich ist oder sie regiert. Sie vergessen gar, wer ihr eigener Bürgermeister ist und wie dieser sich hochgearbeitet hat, aber wissen ganz genau, dass der Bürgermeister von Tokyo mit der Diaoyu-Frage Wahlwerbung betreibt. Viele Jugendliche, die vielleicht selbst keine Arbeit haben, sich nicht satt essen können und deren Lebenslauf schwammig scheint, erlauben es sich doch wie der Pressesprecher des Auswärtigen Amtes in Beijing große Töne zum Thema zu spucken. Und was noch viel schlimmer ist: Während unsere Regierung ein Wasserhandelsembargo gegen Japan verhängt, haben sich die Probleme vieler Chinesen dank der Diaoyu-Inseln verschlimmert. In einer Zeit, in der kaum noch auf eine Rückgewinnung der Inseln zu hoffen ist, zerreißen zahllose Debatten China und wir selbst entfernen und immer weiter voneinander. Hierfür kann und will ich nicht den Japanern mit ihrer „Verschwörung“ die Schuld geben, es handelt sich vielmehr um ein typisches Phänomen unseres Volkes.日本和西方媒体对钓鱼岛的报道非常之少,而中国的媒体连篇累牍,这使得中国人忘记了身边的物价,却都知道了钓鱼岛附近的海产品;不关心是谁来管理和统治自己,忘记了自己的市长是谁,以及是如何选上去的,却都知道东京的市长为了选票而搞钓鱼岛;甚至一些年轻人连工作都没有、饭都吃不饱,写个个人简历都不清不楚,却个个弄得好象北京外交部的发言人似的,对钓鱼岛义正词严,嘴里一套又一套。而更严重的则是:相比我们外交部同日本打的外交口水战,中国人自己因为钓鱼岛危机而引发的各种问题争论显得更加激烈,很多争论已经开始撕裂中国;在钓鱼岛收回无望的时候,我们自己却因为钓鱼岛而更加分裂——这个,我真不能污蔑是日本人的“阴谋”,而可能只是我们民族的特色而已。

 

Taiwanesische Briefmarken als stiller Protest gegen Japan

 

Auf seiner Weibo-Seite berichtet der bekannte Blogger Li Chengpeng von einer ganz anders gearteten Widerstandsaktion gegen Japan:

 

Unser kleiner taiwanesischer Bruder Ma (Yingjiu) wird Briefmarken mit dem Bild der Diaoyu-Inseln herausbringen, damit trifft er genau den Geist der Zeit. Eigentlich ist das recht amüsant, da es somit noch einen propagandistischen Nebeneffekt nach außen gibt. Wo immer man die Briefe auch hinschickt, die ganze Welt soll sehen wem die Insel gehört. Wenn sie rauskommen werde ich mir einen Satz kaufen, um meinen Patriotimus auszudrücken. (…)台湾的小马哥要发行钓鱼岛邮票,择合适时机发行。这个好玩,也有实际外宣作用,全世界邮来邮去,向世人宣布这个岛是谁的。比关起门来报天气靠谱。发行时我会买一套,为了表示我爱国,郑重声明:大陆发行钓鱼岛邮票我买两套。

 

 

Zum Weiterlesen

 

Daniel Soesanto und Ella Daschkey, „Die Diaoyutai-Inseln – Für die chinesische Seele mehr als nur ein Sandhügel„,  Stimmen aus China, 30.09.2010

 

Markus Rimmele, „Hinter dem Streit steckt mehr als die Inseln„, Tagesschau.de, 17.09.2012 (Audio)

 

Zeit online: „Taiwan schaltet sich in Inselstreit ein„, Zeit online, 25.09.2012

 

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