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Vergewaltigungsvorwurf gegen britischen Touristen in Beijing – Reaktionen chinesischer Netizens auf erschreckende Videobilder

Chinesische Frau in Notlage unweit der Xuanwumen U-Bahn-Station in Beijing. Vergewaltigung auf offener Straße?

Ein betrunkener englischer Tourist hat offenbar versucht am 8. Mai 2012, auf einer vielfrequentierten Beijinger Straße eine Chinesin zu vergewaltigen. Passanten prügelten daraufhin so lange auf den Mann ein, bis dieser regungslos auf der Straße lag. Im chinesischen Internet kursiert ein kurzes Video dass den Vorfall ausschnittsweise dokumentiert und eine seit Wochen tobende Debatte über Ausländer in der chinesischen Blogosphäre ausgelöst hat. Adrian Krawczyk begab sich auf Stimmensuche im chinesischen Netz.

Die Pekinger Behörden hüllen sich über den Fortgang der Ermittlungen gegen den seit Anfang Mai 2012 in Polizeigewahrsam befindlichen Touristen und einige handgreiflich beteiligte chinesische Männer in Schweigen. Derweil bestimmen Empörung und Vorurteile gegenüber in China verweilenden Ausländern die Foren der chinesischen Bloganbieter.

 

Resolutes Einschreiten von Passanten – Zivilcourage oder Selbstjustiz?

 

Der Blogger „Wu Ruoyu” fühlt sich durch den Vorfall an das „barbarische Auftreten“ der Kolonialherren in China erinnert. An der allgemein herablassenden Haltung von Ausländern gegenüber Chinesen habe sich seither kaum etwas geändert. Lobende Worte findet er für das energische Eingreifen einiger Augenzeugen:

 

[…]一个无视中国法律,无视中国人尊严的外国人,[…]被愤怒的中国人暴打是自讨苦吃[…];暴打强奸犯英国男子是一种侠义精神,是见义勇为,是中国传统文化的体现。

[…] Ein Ausländer, der das chinesische Recht missachtet und die Würde der Chinesen verletzt, ist selbst schuld, wenn er von einem aufgebrachten Chinesen verdroschen wird. […] Einen englischen Vergewaltiger zu verprügeln ist ein Ausdruck von ritterlichem Geist. Es zeugt davon, sich mutig für eine gerechte Sache einzusetzen und verkörpert die traditionelle Kultur Chinas.

 

Haohaodi“ widerspricht dieser unter den Netizens weit verbreiteten Auffassung und fordert die umfassende Herrschaft des Rechts:

 

国人不相信法律,直接导致私刑泛滥!法律的公正才是和谐社会的根本!无论是国人还是外国人!

Unsere Landsleute glauben nicht an das Gesetz und lassen Lynchjustiz damit immer mehr ausarten! Nur die Neutralität der Gesetze kann die Basis einer harmonischen Gesellschaft sein! Dies gilt für unsere Landsleute wie für Ausländer gleichermaßen!

 

Ausländer in China – von den Behörden privilegiert?

 

Hou Jinliang“ erklärt, dass China seit Beginn der Reform- und Öffnungspolitik alles daran gesetzt habe, das Wohlwollen des Auslands zu gewinnen. Daher würden die chinesischen Behörden auch heute noch Kriminalfälle mit ausländischer Beteiligung kleinreden und vertuschen. Dies wecke in Ausländern die Vorstellung, über dem Gesetz zu stehen. Auch für Wu Ruoyu wird das ignorante Verhalten einiger Westler in China durch die unterwürfige Haltung seiner Landsleute hervorgerufen:

 

[…]部分国人在老外面前表现得那样卑微,那样过分谦恭,那样崇洋媚外。一辆老外的单车丢了,也要寻找的天昏地暗,而为一个中 国百姓找回一辆汽车,公安机关却要收取失主的“办案费”,[…]老外能不觉得高人一等?

[…] Einige von uns geben sich vor Ausländern zu demütig und zuvorkommend und alles Ausländische wird angebetet. Wenn das Fahrrad eines Ausländers verlorengeht*, muss danach gesucht werden bis es stockfinster ist, aber möchte ein einfacher Chinese sein Auto zurückbekommen, verlangt die Polizei eine Bearbeitungsgebühr. […] Kein Wunder also, dass Ausländer denken, sie seien etwas Besseres!

 

Kritik an den Mutmaßungen der Netizens – ausschlaggebend sind polizeiliche Ermittlungen

 

Im chinesischen Netz gibt es auch Stimmen, die nichts von einem Generalverdacht gegenüber Ausländern und es für übertrieben halten, in dem Vorfall ein Symbol für die fortdauernde Demütigung Chinas durch den Westen zu sehen.

 

So lehnt die Bloggerin „Yu Jing“ voreilige Mutmaßungen über den Tathergang ab und wünscht sich eine rationalere Debatte ohne rassistische Untertöne. Die Aufarbeitung des Falls solle im Einklang mit der chinesischen Rechtsordnung erfolgen:

 

[…]相比那些恶劣的刑事案件,这并不能算一件大事。但是因为当事人“外籍男子”的身份,还是引来了不少人关注。不可否认,这其中有人态度稍显偏激,语言过于激烈,要么棍扫一大片,要么四处放乱箭,这些情绪都不可取。[…]不管是本国人,还是外国人,只要触犯了中国的法律,都要受到惩罚。[…]我们不“排外”,但也没必要“媚外”,中国人与中国人也好,外国人与中国人也好,还是平等一些,真诚一些好。

[…] Hierbei handelt es sich im Vergleich zu den ganz schlimmen Kriminalfällen um keine bedeutende Angelegenheit. Nur weil ein Ausländer beteiligt ist, weckt [der Vorfall] so viel Aufmerksamkeit. Unbestreitbar sind die Meinungen und der Tonfall einiger Leute zu extrem. Weder Forderungen, den Engländer gehörig zu verprügeln noch verbale Rundumschläge sind wünschenswerte Emotionen. […] Unabhängig davon, ob es sich um einen Einheimischen oder einen Ausländer handelt, muss jeder, der gegen chinesische Gesetze verstößt, bestraft werden. […] Wir sind nicht fremdenfeindlich, aber sollten auch nicht auslandshörig sein. Egal, ob zwischen Chinesen oder zwischen Ausländern und Chinesen, es wäre gut, wenn etwas mehr Gleichberechtigung und Aufrichtigkeit herrschen würden.

 

Auch „Yang Tao“ kritisiert die voreiligen Schlüsse einiger Internetnutzer und die mit zunehmender Schärfe vorgetragenen Ressentiments gegenüber Ausländern. Er plädiert für umfassende juristische Untersuchungen und übt vorsichtige Kritik an der intransparenten Informationspolitik der Pekinger Behörden:

 

遗憾的是,迄今为止,北京警方除了通过微博发布了一条简短的消息外,并无更多的信息披露,甚至警方对这名英籍男子采取的是刑事拘留还是治安拘留措施也不得 而知。我希望,北京警方[…]公布警方的调查处理情况,真正做到“法律面前人人平等”,不因外国人的身份而在认定罪名和处罚上区别对待[…]。

Bedauernswert ist, dass die Pekinger Polizei bisher außer einer kurzen Nachricht auf Weibo keine Informationen an die Öffentlichkeit brachte. Es lässt sich nicht einmal in Erfahrung bringen, ob die Polizei diesen Engländer in Untersuchungshaft genommen hat oder er sich im Strafvollzug befindet. Ich hoffe, dass die Pekinger Polizei […] die Ermittlungsumstände offenlegt und die „Gleichheit jedermanns vor dem Gesetz“ wirklich umsetzt und nicht, weil es sich um einen Ausländer handelt, bei der Festlegung der Anklage und der Strafe eine Sonderbehandlung gewährt […].

 

 

_____

*Anfang Juni 2012 interviewte der „Großstadt-Express“ (dushi kuaibao, 都市快报) den mittlerweile chinaweit bekannten Japaner Keiichiro Kawahara, der mit seinem Fahrrad die Welt umfährt. Wenige Tage zuvor wurde sein Fahrrad in Wuhan gestohlen. Mithilfe von Hinweisen einiger chinesischer Internetnutzer spürte die Polizei das Fahrrad bereits nach drei Tagen auf einem Schwarzmarkt auf und übergab es dem Eigentümer. Im Interview lobt Kawahara die Hilfsbereitschaft der Chinesen gegenüber Ausländern und tadelt das vermeintlich unfreundliche Verhalten von Chinesen untereinander.

 

Zum Weiterlesen:

Mark Siemons: „Alle Ausländer sind Hochverräter“ , FAZ online, 26.05.2012

International Business Times: “Xenophobia Among Chinese Netizens High After Alleged Attempted Rape“, IBTIMES online, 14.05.2012

 

Screenshot: V.L. Fluck

 

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