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Die Armut der Wanderarbeiter und unzumutbare Arbeitsbedingungen gehören zu den großen Herausforderungen der chinesischen Arbeitspolitik. Die gesetzliche Pflicht zu Arbeitsverträgen und einige Mindeststandarts haben daran nichts geändert. Überstunden im Akkord gehören nach wie vor zur chinesischen Arbeitswelt. Die Selbstmordserie bei Foxconn rückt das Problem mal wieder ins Rampenlicht. Für Wang Yishu, Zhan Youbing und Liu Zhiyi von der Nanfang Zhoumo (South China Morning Post) ist außerdem ein klaffender, psychologischer Zwiespalt im Leben der Arbeiter wert, analysiert zu werden: der schizophrene Gegensatz zwischen maschinenartigem Funktionieren der Arbeiter im Betrieb und ihren Träumen und Wünschen von einem erfüllten Leben. Übersetzt aus dem Chinesischen von Jost Wübbeke und Jingjie Hou.
Fortsetzung:
Gabelstabler statt Benz
Liqiang, der in einem Joint Venture in Shenzhen arbeitet, kehrt von seiner ersten Nachtschicht nachhause zurück. Er erinnert sich, dass er in seiner Ausbildung mit seinen Kumpeln „Wir lieben Überstunden" rufen musste. Das kam ihm schon ein wenig komisch vor. Ihm ist klargeworden, dass er nur mit Zusatzverdienst genug verdienen kann. Neben den acht Stunden Arbeit gibt es nicht viel, für das er sich interessiert. Außerdem glaubt er nicht, dass das bisschen Zusatzverdienst für mehr als ein paar Tage ausreicht. Er dachte immer, dass er weniger von der Familie eingeschränkt würde, wenn er arbeiten ginge. Seit er damit begann , geriet er in einen Strudel, noch weniger und stetig schwindender Freiheit: „Was kannst Du schon machen, wenn Du kein Geld hast?" Mit wenig Geld bleibt dir höchstens, mit dem Gabelstapler in der Fabrik hin- und her zu rasen und zu tun, als wäre es ein BMW oder Benz. Das ist nicht unbedingt langweilig, ist aber eigentlich nur ein wenig Spaß im Elend. Und man geht die Gefahr ein, vom Aufsichtspersonal erwischt zu werden und einen Verweis zu bekommen.
Liebe, am Fließband produziert
Viele Leute wohnen lieber außerhalb der Stadt, weil da nicht die Maximalgrenze von zehn Leuten pro Wohnung gilt, das ist praktischer. Ab 70 Yuan kann man schon eine Wohnung für 10 bis 20 Quadratmeter mieten. Und noch wichtiger: man kann sich eine Freundin suchen. Dann ist das Leben nicht mehr so langweilig. Innerhalb und außerhalb des Fabrikgeländes kann man überall Liebespaare sehen. Zu bestimmten Zeiten treten sie gemeinsam aus der Tür. Da sie kaum Gelegenheit und Zeit haben mit Leuten außerhalb der eigenen Abteilung in Kontakt zu kommen, entstehen Liebschaften nur gleichzeitig mit dem Firmenprodukt, am selben Fließband. Später „verschmelzen" sie dann händchen haltend oder Schulter an Schulter miteinander - im Partnerlook der einheitlichen Arbeitsuniform - auf der Wiese, der Brücke oder dem Platz in der Nachbarschaft.
das seelische Meer der Arbeiter tobt
Nach dem ersten chinesische Weißbuch zur Gesundheit der städtischen Wanderarbeiter aus dem Jahr 2008 sind 69% der Wanderarbeiter mit ihrem gegenwärtigen Leben zufrieden und ihrem seelischen Zustand nach ziemlich optimistisch. Auf die Frage „Was denkst Du, wenn Du reiche Leute auf der Straße siehst", antworteten 59% der Wanderarbeiter „gleichgültig", während 33% sie nur „beneiden" und lediglich 4% „missgönnen". Im Vergleich mit dem Weißbuch zur Gesundheit der Internetnutzer von 2007 lässt sich ein gesünderer Seelenzustand der Wanderarbeiter als der städtischen Angestellten feststellen - mehr als die Hälfte der Internetnutzer gestehen seelische Probleme ein. Die befragten Internetnutzer sind größtenteils städtische Angestellte.
Zwei Jahre später zeigt die Selbstmordserie bei Foxconn in Shenzhen, wie sehr das seelische Meer der Arbeiter eigentlich am toben ist. Dadurch werden auch Aussenstehende auf diese„Unterträgliche Leichtigkeit des Seins" (Anm. d. A.: Titel eines tschechischen Romans, der sich in der chinesischen Sprache als geflügeltes Wort eingebürgert hat) aufmerksam gemacht, die das Arbeiterleben in China bedeutet.